Er ist ein höflicher Brite, und seine Königin findet er "lovely". Wenn es allerdings um Kinder und ihre Ernährung geht, kann Jamie Oliver ziemlich unangenehm werden.

Die Mohrrübe durch den Kopf war Olivers eigene Idee: "Prima Motiv, manchmal fühle ich mich genau so"© Volker Hinz
Himmel, sieht der jung aus: 31 Jahre ist Jamie Oliver laut Geburtsurkunde, aber dann müsste er ja ein paar Fältchen haben, wenigstens eine Spur ungesunden Teints - aber nein: Sein Strahlegesicht leuchtet in den gesündesten Farben. Erstaunlich, wenn man bedenkt, was der Mann bisher in sein Leben gepackt hat: Massiv erfolgreiche Kochshows abgedreht. Seine Kochbücher verkaufte er weltweit zwölf Millionen Mal (sein siebtes, "Besser kochen mit Jamie", erschien vor wenigen Wochen bei Dorling Kindersley und sprang sofort auf die Bestsellerlisten). Damit nicht genug: Seine Stiftung "Fifteen" bildet arbeitslose Jugendliche zu Köchen aus. Und vor zwei Jahren sein größter Coup: Nachdem Oliver in einer TV-Dokumentation das englische Schulessen als endlose Abfolge von Pressfleisch, Pommes und Süßigkeiten gebrandmarkt hatte, gab die englische Regierung fast eine halbe Milliarde Euro aus, um die Qualität der Kantinen zu verbessern. Jamie Oliver ist also der gute Mensch von London. Und ein braver Brite: Maggie Thatcher fand er klasse. "Fucking" sagt er gern und in jedem Satz - allerdings klingt das nicht ordinär, sondern so weich wie "lovely". Mit dem letzteren Wort belegt er gern die königliche Familie - und deshalb zielt die erste Frage ganz nach oben:
Aber nein. Bei diesen Zeremonien sagen Sie exakt das, was Ihnen das Protokoll vorgibt. Es ist alles sehr ... königlich. Toll.
Würde ich nicht sagen: Im Palast wird konservativ gegessen. Sie essen Braten, eine kleine Pie, etwas lecker gemachtes Gemüse. Dinge, die ich in meinen Rezepten kombiniere, essen die Royals einfach hintereinander. Aber ich würde der Queen nie Vorschläge machen. Sie ist die Königin.
432 Millionen, mein Lieber. Und neue Gesetze: kein Verkauf von Softdrinks. Keine Süßigkeiten mehr in Schulen. Ich bin sehr stolz darauf.
Es gibt 125.000 "Dinner Ladys" in Großbritannien. Etwa die Hälfte ist von der alten Schule. Die waren es gewohnt, frisches Essen zu kochen, und sind völlig auf meiner Seite. Die andere Hälfte ist jünger, wurde nie anständig geschult und war in den vergangenen Jahren damit beschäftigt, die Tüten des Fertigessens aufzuschneiden. Von denen haben sich einige beschwert? Okay.
Ich habe das gesagt, als mich eine Mutter beschimpfte, ich würde die Schule mit meinem Reichen-Essen verderben. Reichen-Essen - für noch nicht mal einen Euro! Wahrscheinlich war schon Kochen für diese Frau eine Oberschicht-Angelegenheit. Also: Sie schimpfte, ich schimpfte zurück. Da nimmt sie eine Cola-Flasche und gibt daraus ihrem Kind zu trinken. Das Kind war etwa ein Jahr alt. Da bin ich ausgerastet!
Ich war es einfach leid, so verdammt politisch korrekt zu sein. Außerdem hatte mir kurz vorher ein Kinderarzt gesagt: "Wenn ich ein Kind sehe, das geschlagen worden ist, zeige ich das beim Jugendamt an. Nun behandele ich seit Monaten ein Kind wegen chronischer Verstopfung. Die hat es, weil es nur Mist isst. Ich habe den Eltern kostenlose Kochstunden besorgt, Kochbücher, die wissen genau, was los ist. Es ändert sich nichts: Inzwischen muss das Kind Einläufe bekommen. Es ist lethargisch. In der Schule läuft nichts. Das ist Kindesmisshandlung, und ich kann nichts machen." Da kann man doch echt zu viel kriegen.
Ja, ganz klar - die Zahlen sind eindeutig. Das sind die verschobenen Prioritäten: Ein Handy oder ein schicker Fernseher ist vielen einfach wichtiger als gesundes Essen - für das fehlt dann oft das Geld. Es geht auch anders: In Italien habe ich zwei Tage lang bei einem Straßenkehrer zu Hause gegessen - der Mann isst wirklich gut. Übrigens auch besser als eine Menge der reichen Jungs, die ich in London kenne.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 09/2007