Nach der ersten freien Wahl in der DDR wurde die Ärztin aus Ost-Berlin 1990 Präsidentin der Volkskammer und Staatsoberhaupt - bis zur Wiedervereinigung am 3. Oktober.

Sabine Bergmann-Pohl, 62, mit ihrer Perserkatze "Paulchen" auf dem Bootssteg ihres Hauses am Zeuthener See bei Berlin© Gerhard Werstrich
Zur südkoreanischen Botschaft hier in Berlin. Die wollen mich zum Deutschen Roten Kreuz befragen.
Als Politikerin kann man es wohl nicht so einfach ruhen lassen. Ich bin in sieben, acht Ehrenämtern aktiv und allein schon als Präsidentin des Berliner DRK voll ausgelastet. Das DRK ist für mich eine Herzensangelegenheit. Ich verdiene kein Geld damit, kriege ja meine Pension.
Nein, denn das Amt fiel mir durch Zufall in den Schoß. Meine Hauptaufgabe war die Arbeit als Präsidentin der Volkskammer. Das Amt des Staatsoberhaupts lief nebenher. War eher ein Zweitjob. Übrigens war ich eine Woche lang auch noch Oberbefehlshaberin der Streitkräfte. Das war schon alles eine spannende und amüsante Zeit.

Und nach ihrer Wahl zur Volkskammerpräsidentin am 5. April 1990© Picture-Alliance
Die Frage hat sich nie gestellt. Fast alle waren neu in der Politik. Wir wurden ins Wasser geworfen und mussten schwimmen, auch wenn wir nicht schwimmen konnten.
Na klar! Schon die zweite oder dritte Sitzung endete in einem Riesen-Tohuwabohu. Ministerpräsident Lothar de Maizière wollte nicht nach der Formel der DDR-Verfassung schwören. So etwas war nicht im Protokoll vorgesehen. Also haben wir dann die Eidesformel aus dem Verfassungsentwurf des Runden Tisches genommen. Ich war schon sehr ehrgeizig damals und wollte den Einheitsprozess mitgestalten.
Ich habe viele Bilder, auf denen ich mit berühmten Politikern zu sehen bin. Aber ich gucke sie mir nicht an, bin vielleicht zu alt und uneitel dafür. Die Bilder hängen bei mir zu Hause auch nicht an der Wand. Da hängen nur die Fotos meiner Kinder.
Da kommt Wehmut auf. Aber noch mehr Zorn! Der Abriss ist geschichtslos, denn der Palast ist eine historische Stätte der Wiedervereinigung. In Westdeutschland wäre er nicht demontiert worden.
Ja, natürlich zu denen aus meiner Partei, etwa Lothar de Maizière und Theo Waigel. Bei den anderen Parteien habe ich unter anderem noch Kontakt zu Marianne Birthler und Ilja Seifert von den Linken.
Sie hat schon damals klug agiert, und die geschickte Art und Weise, wie sie ihr Amt als stellvertretende Regierungssprecherin ausfüllte, fiel auf. Ich empfinde Stolz, dass eine ostdeutsche Frau die erste Bundeskanzlerin geworden ist.
Die Kenntnis der Westdeutschen über uns Ossis ist leider immer noch relativ gering. Es gibt weiterhin Vorurteile und eine gewisse Arroganz uns gegenüber. Hätten die Westdeutschen die Wiedervereinigung allein bewerkstelligen müssen, dann wären wir heute noch nicht so weit.
Kaum. Aber einmal habe ich in Berlin bei Karstadt an der Wühltheke nach einer Jeans geschaut, da merkte ich, dass mich zwei Männer beobachteten. Sagte der eine: "Guck mal, das ist doch die Bergmann-Pohl." Sagte der andere: "Das kann nicht sein, das hat die doch gar nicht nötig."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 41/2008
Zur Person Sabine Bergmann-Pohl, 1946 in Eisenach geboren, arbeitete nach dem Medizinstudium als Lungenfachärztin in Ost-Berlin. Für die Blockpartei CDU zog sie im März 1990 nach der ersten freien DDR-Wahl in die Volkskammer ein. Als dort gewählte Präsidentin war sie auch Staatsoberhaupt. Nach der Wiedervereinigung übernahm Helmut Kohl sie als Bundesministerin ohne Geschäftsbereich, 1991 wechselte sie als Staatssekretärin ins Gesundheitsministerium. Von 1990 bis 2002 war sie außerdem CDU-Bundestagsabgeordnete. Die Mutter zweier Kinder ist in zweiter Ehe verheiratet und lebt in Zeuthen bei Berlin.