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27. Januar 2009, 09:10 Uhr

Die Haute Couture magert ab

Für drei Tage steht Paris ganz im Zeichen der Haute-Couture-Schauen. Doch das Prestigeobjekt der französischen Modebranche zeigt Risse. Viele Häuser präsentieren ihre Kollektionen mittlerweile kostengünstig im Internet. Eine bedenkliche Entwicklung für die Luxusmodebranche. Von Estelle Marandon, Paris

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Reine Prestigesache: Ein Haute-Couture-Kleid des renommierten Modehauses Givenchy auf den Schauen 2008© Pierre Verdy/AFP

In Paris stöckeln die Models derzeit in Reisegruppen über die Pflastersteine des Marais. Die Haute Couture-Schauen für den kommenden Sommer haben begonnen und Kritiker streiten bereits heftig um die letzten Plätze. Unter den Fashionistas, die sich auf der Rue Saint-Honoré tummeln, ist die Fashionweek Gesprächsthema Nummer eins: Wer konnte Karten für Chanel ergattern, welche Überraschung hat das Maison Martin Margiela diesmal zu bieten und wie meistert Stéphane Rolland sein Debüt als Haute Couture-Mitglied?

Doch nicht nur die Highlights machen die Schauen in diesem Jahr besonders. Ein Blick auf die Liste der diesjährigen Teilnehmer macht deutlich: Die schöne Fassade beginnt zu bröckeln - selten hat die Pariser Fashionweek ein derart mageres Programm gezeigt. Waren es im letzten Jahr noch 26 Modenschauen in vier Tagen, ist die Haute Couture in diesem Jahr auf drei Tage und 21 Präsentationen geschrumpft. Viele Häuser bleiben den Laufstegen fern, zwar keine Giganten wie Christian Dior oder Givenchy, doch renommierte Designer wie Maurizio Galante, Boudicca, Jean-Paul Knott und Udo Edling. Auf die Frage nach dem Warum erhält man unterschiedliche Antworten. Selbstverständlich sind es offiziell keine finanziellen Gründe. Die Marke Boudicca verweist auf eine Präsentation ihrer Kollektion im Internet, ein völlig neues Konzept, das es zu entdecken gelte, da die Haute Couture schließlich nicht nur im Rahmen der Schauen bestehe.

Vielen Firmen sind die Haute-Couture-Schauen zu teuer

Auch wenn solche Entwicklungen für die üblicherweise ausgeschlossene Öffentlichkeit begrüßenswert sind, liegt die Vermutung nahe, dass in Zeiten der Krise ein so kostspieliges Schauspiel wie die Veranstaltung einer Modenschau für viele Firmen schlicht undenkbar, weil unfinanzierbar ist. Auch in Deutschland reagieren Designer bereits mit kreativen und kostengünstigen Alternativen auf die wirtschaftliche Schieflage. Die Berliner Designerin Bo Van Melskens hat ihre Frühjahr/Sommer Kollektion auf ein einziges Kleid in vier verschiedenen Ausführungen reduziert. Die Modenschau wird in Form einer Showbox, in der sich Kleid, Musik, Story und Lookbook befindet, unkonventionell nach Hause geliefert. Der Bruch mit den gängigen Strukturen scheint notwendig.

Wie geht es also weiter mit der Haute Couture? Bedenklich ist die Situation bereits seit Ende der 60er Jahre, als die Couturiers einen drastischen Kundeneinbruch durch die eingeführte Prêt-à-Porter-Mode erleben mussten. Vergleicht man allein die Zahlen der Haute Couture-Mitglieder (also derjenigen, die das Recht auf das geschützte Label 'Haute Couture' besitzen) nach dem Zweiten Weltkrieg mit den heutigen, scheint die Zukunft der hohen Schneiderkunst kaum rosig. 106 Häuser gehörten 1945 noch zu den Privilegierten, rund 20 waren es noch in den 90er Jahren, im Januar 2009 zählt man nur noch zwölf Häuser.

Nur wenige Hundert Kleider werden gekauft

Jean-Jacques Picart von der LVMH Luxury Group (Givenchy, Céline, Kenzo...) glaubt, dass die Zukunft in einer Art Hybridform zwischen Couture und Prêt-à-Porter liegt und vergleicht die Haute Couture mit Frankreichs Kulturstätte Nummer eins: Versaille. "Wir freuen uns, dass das Schloss noch Besucher hat," aber das Konzept ist "in wirtschaftlicher Hinsicht obsolet geworden," erklärte Picart in einem Interview mit AFP. Die Zahl der Frauen, die sich Haute Couture leisten kann, also Modelle, die exklusiv auf Maß geschneidert werden und pro Stück um die 10.000 Euro und mehr kosten, beläuft sich auf wenige Hundert. Zudem haben Frauen "nicht immer Lust, drei Anproben zu machen und drei Wochen zu warten, um das perfekte Kleid zu haben", glaubt der Präsident der Fédération Française de la Couture, Didier Grumbach. In eine so schnelllebige Zeit wie die heutige, scheint Couture nicht mehr zu passen. Als Antwort auf diesen Umstand wurde daher vor kaum zwei Jahren der Begriff ‚Prêt-à-Couture' eingeführt. Diese Hybridform soll die Lösung für den Wunsch nach Einzigartigkeit sein, ohne dabei auf Modernität verzichten zu müssen.

Noch gibt es allerdings genügend einflussreiche Befürworter der Haute Couture. Christian Lacroix ist der Meinung, dass Couturiers für "diese andere Art, Mode zu machen, kämpfen sollten." Für ihn ist die Haute Couture weder veraltet noch tot. Auch Sidney Toledano, Präsident der Christian Dior Couture, bewertet die Schauen als enorm wichtig für das Image des französischen Luxus: "Wenn wir die Couture einstellen, verlieren wir auch unseren Pluspunkt gegenüber unseren amerikanischen und italienischen Konkurrenten."

Eine prestigeträchtige Veranstaltung wie die Haute Couture gänzlich zu beenden, scheint also unwahrscheinlich, das würde sich Frankreich nicht erlauben. Die Schauen werden weiter stattfinden - wenn auch mit stetig abnehmenden Teilnehmerzahlen. Man darf sich also nach wie vor auf die pompösen Veranstaltungen von Chanel, Christian Dior oder Louis Vuitton freuen. Spannender, weil innovativer, werden jedoch mit Sicherheit die vielen kleinen Präsentationen sein, die gewissermaßen als "kreatives Abfallprodukt" der Wirtschaftskrise am Rande der Haute Couture-Schauen von Montag bis Mittwoch stattfinden.

Von Estelle Marandon, Paris
 
 
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