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Liam Gallagher: Großartige Musik, zu der man sich am Kinn kratzen möchte

Liam Gallagher hat sein erstes Soloalbum mit der ihm üblichen Haltung auf den Markt geworfen. Aber so egal, wie ihm sonst immer alles ist, klingt es gar nicht. Im Gegenteil: "As You Were" ist erstaunlich gut geworden.

Liam Gallagher

Diese Augen wollen euch ein Album verkaufen: Liam Gallagher ist mit neuem Soloalbum am Start

"Musik, bei der man das Gefühl verspürt, sich am Kinn zu kratzen". So beschreibt sein erstes Soloalbum "As You Were", das seit vergangenen Freitag auf dem Markt ist. Was will uns der vielleicht größte und ganz bestimmt großmäuligste Rocksänger seiner Generation damit sagen? Auf einer Skala von 1 (grottenschlecht) bis 10 (gigantisch) bewertet Gallagher seine eigenen Songs normalerweise mit einer glatten 11. Aber "am Kinn kratzen"? Klingt irgendwie so gar nicht nach dem von ihm so oft beschworenen und ebenso schmerzlich vermisstem Rock'n'Roll.

Wer in den letzten Tagen versucht hat, erste Eindrücke von "As You Were" einzuholen, muss sich ziemlich verloren gefühlt haben. Zwar wurde überall darüber geschrieben und gesprochen - in Tageszeitungen, in der Fachpresse, im Fernsehen, in Blogs -, aber nur selten ging es dabei um (die aktuelle) . Weil es bei Gallagher immer noch um so viel mehr geht: um das ewige Vermächtnis seiner Ex-Band Oasis, die der hassgeliebte Bruder Noel vor acht Jahren auflöste; um den Traum vom ewigen Leben als Rock'n'Roll-Star; darum, sich supersonic zu fühlen und Gin Tonic zu trinken.

Liam Gallagher: "Es kann wohl nicht Krebs heilen ..."

So war in den letzten Tagen rund um die Album-Veröffentlichung viel über Gallaghers Twitter-Tiraden zu lesen. Über seine Abneigung für den Lebensstil seines großen Bruders Noel, der inzwischen lieber mit Filmstars rumhängt und U2 zu seiner Lieblingsband erklärt (was Liam fassungslos macht). Über die standesgemäß sauteuren Klamotten von Liams Label "Pretty Green", das Mode für gut betuchte Mods vertreibt. Oder, ganz aktuell, über den "Fremschäm-Auftritt" des Sängers mit den .

Über die Musik auf "As You Were" hieß es lediglich hier und da: Joa, ganz gut, irgendwie. Oder wie Liam selbst in einem Interview verkündete: "Es kann wohl nicht Krebs heilen, ist aber verdammt großartig." Für seine Verhältnisse ein geradezu bescheidenes Urteil. Also doch bloß Musik, zu der man sich am Kinn kratzen möchte?

Tatsache ist: "As You Were" ist sehr viel besser, als es selbst ein alter Oasis-Ultra erwarten durfte. Liam scheint schlauer an das Album herangegangen zu sein, als er sich gerne gibt. Er weiß ganz genau, dass er nicht der beste Songwriter ist und hat sich deshalb einen Hitmacher wie Greg Kurstin (Adele, Pink, Foo Fighters) als Produzenten an seine Seite geholt - ein tapferer Move für den vermeintlich beratungsresistentesten Typen der Musikwelt. Das Ergebnis ist nicht weniger als eine Platte, die nicht nur Nostalgiker durch den Herbst bringen wird.

Die Bandbreite ist beachtlich: "I Get By" marschiert breitbeinig nach vorne wie weiland ein "Roll With It", die Balladen "For What It's Worth" und "Paper Towns" muten lieblich-verrotzt an, "I've All I Need" ist ein reflektiert-reuiges Stück Trennungsschmerz, und "Chinatown" kommt wie ein Knistern aus der zur Unendlichkeit verklärten Vergangenheit. Kurz: Es finden sich einige Großartigkeiten unter den zwölf Stücken. Und trotz des üblichen Zitate-Gewitters (Beatles, Kinks, Stone Roses) hört sich Gallagher so wenig gestrig an wie selten, sondern ziemlich frisch für einen 45-Jährigen, der so gerne betont, dass früher alles viel besser war.

So würden Oasis heute im besten Fall klingen

Es ist ein großes Kompliment, aber es ist keine Übertreibung: Würden Oasis anno 2017 noch Platten machen, würden sie im besten Fall so klingen wie "As You Were" - nämlich wie eine zeitgemäße Version ihrer selbst. Und wenn der britische "Guardian" schreibt, dass die Texte so fürchterlich seien, dass der Hörer mit dem Kopf auf den Tisch hauen möchte, ist das Kritik, die am Thema vorbeiführt. Schließlich war auch Noels Oasis-Lyrik nie dazu geeignet, sich vor Nachdenklichkeit am Kinn zu kratzen. Aber dafür war sie schlicht und ergreifend.

Und selbst wenn Liam nicht in der Lage ist, Zeilen für die Ewigkeit zu dichten: Am Kinn kratzen möchten wir uns nach den ersten Durchläufen von "As You Were" trotzdem - aus Erstaunen darüber, wie rund, wie schön, wie erhebend dieses Album um die Ecke kommt.

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