. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
8. April 2010, 17:15 Uhr

Schnaps herstellen und Wasser predigen

Muss uns wirklich ein Schnapshersteller sagen, dass Trinken Kinder dumm macht? Wie ein Alkohol-Konzern versucht, die Gesellschaft gesünder zu machen und wie eine Ministerpräsidentinnengattin dabei hilft - ein Ortstermin. Von Dorit Kowitz

Trinken, Schwangerschaft, Alkohol, Geburt, Alkoholiker, Pernod Ricard, Bettina Wulff, Silvana Koch-Mehrin, Joachim Dudenhausen,

Dass Alkohol während der Schwangerschaft dem Ungeborenen schadet, ist eigentlich bekannt. Muss uns ausgerechnet ein Schnaps-Hersteller erneut darauf hinweisen?© Arno Burgi/DPA

Pernod! Ricard! Das schmeckt nicht nur nach Anis. Das erinnert an Frankreich, an Sonne, Sommer und erfüllte Mattigkeit in den Bars hinter der Atlantik-Düne, die damals nur dann durch kleine Adrenalin-Schübe unterbrochen wurden, wenn einer der Pernod- oder Ricard-Aschenbecher/Krüge/Glashumpen als Diebesgut in der Handtasche verschwand. Die Trophäen sollten später in der Studentenküche, beiläufig und stylish von verwegenem Savoir vivre künden. Schön war die Zeit.

Aber heute sind wir erwachsen. Heute ist Saufen ernst und "Pernod Ricard" sich seiner Verantwortung für die Schwächen der Gesellschaft ganz furchtbar stark bewusst. Der Alkohol-Hersteller, Zweitgrößter auf der Welt für Schnaps-Likör-Whiskey-Rum, startete heute in Deutschland seine Kampagne gegen den Alkoholgenuss während der Schwangerschaft. "Mein Kind will keinen Alkohol", ruft Pernod Ricard den Brütenden der Nation zu. Um es seriös zu machen, hatte man dafür ins Haus der Bundespressekonferenz geladen. Und die Redaktionen hatten vornehmlich weibliche, zumeist noch gebärfähige Mitarbeiter entsandt.

Gebärfähige Frauen als Aushängeschilder

Damit es nicht so aussah, als würde man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, das Schnapstrinken mit dem Schnapsmacher, hat Pernod Ricard sowohl glaubwürdige als auch schöne Verbündete gesucht. Mit von der Partie sind die "Stiftung für das behinderte Kind" der Charité, allen voran deren Chef-Geburtshelfer Professor Joachim Dudenhausen - und Bettina Wulff. Frau Wulff ist, neben einem Model, einer Schauspielerin, einer Moderatorin und dem FDP-Girly Silvana Koch-Mehrin, ein "Testimonial" der Kampagne. So nennt man heute in den Werbeabteilungen die Fürsprecher.

Wulff arbeitet seit der Uni als PR-Referentin, derzeit bei der Drogerie-Kette Rossmann. Außerdem hat sie ein Tattoo und zwei Söhne von zwei Vätern. Vor allem aber ist sie "Gattin des Ministerpräsidenten" Christian Wulff. Das steht so allen Ernstes in der gemeinsamen PR-Mappe von Alkoholbrenner und Charité-Stiftung und auch, dass Wulff Schirmherrin diverser wohltätiger Organisationen ist.

So gewinnt man auf dieser wunderbar menschenfreundlichen, disziplinierten, garantiert alkoholfreien Werbeveranstaltung eines Schnapsherstellers einige neue Erkenntnisse: Eine schöne, moderne 37-jährige berufstätige Frau und Mutter lässt sich, ohne etwas dabei zu finden, als "Gattin" ihres CDU-Politiker-Gatten labeln und vermarkten.

Gute Tat für besseres Image

Und Schnaps trinken darf man nur noch unter strengen moralischen Auflagen, nie am Steuer, nie während Austragungszeit, vor allen und überhaupt: nie ohne "Verantwortungsbewusstsein", wie die Ricard-Manager predigen und bitten. Gepflegt saufen ist gut, unkontrolliert saufen aber image-schädigend für den Konzern, sagen sie. Darum nun die gute Tat.

Schon sind häuser-große Plakate auf dem Berliner Virchow-Campus der Charité entrollt, dort, wo man zur Feindiagnostik geht, wenn ein neuer Mensch im Bauch heranwächst. Auf den Plakaten ist im Schattenriss eine Schwangere mit Pferdeschwanz zu sehen, die gerade ein Glas ansetzt; das Ganze ist rot eingekreist und rot durchgestrichen wie ein Verbotsschild. Ist vermutlich für Leute gedacht, die nicht gerne lesen oder es gar nicht können. Leider sieht das Glas aus wie ein Wasserglas. Vermutlich ist es aber ein Pernod-Becher.

Schlechtes Gewissen vom Teufel persönlich

Aber man weiß ja, dass sie recht haben und Kinder von Alkoholiker-Müttern kleinhirnig und lernschwach sind. 3000 bis 4000 pro Jahr werden in Deutschland so geboren, plus Dunkelziffer, die hoch sei und ungewiss.

Aber muss uns ausgerechnet Patrick Ricard, der Chairman von "Pernod Ricard", daran erinnern?

Demnächst werden wir am Mittelmeer sitzen in Frankreich, vielleicht ein Glas Anis auf Eis in der Rechten und eine "Gitanes legeres" in der Rechten. Die Kinder spielen im Sand. Und wir überlegen, wie groß und klug und schön sie wohl noch geworden wären, hätten wir damals nicht drei Radler, ein halbes Glas Rotwein, drei Gläser Sekt verteilt über neun Monate... Es wäre nicht zum Aushalten. Und schämen uns noch mal der Tat. Wir wissen nur eines sicher: Unsere Töchter sollen nie Gattin von Beruf werden.

Von Dorit Kowitz
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Alkohol in der Schwangerschaft Mit Fahne aus dem Mutterleib

Mehr als jede zweite Schwangere trinkt zumindest gelegentlich Alkohol. Vielen werdenden Müttern sind die Gefahren für ihr Kind nicht bewusst. Kinderarzt Hans-Ludwig Spohr schildert die möglichen Folgen. mehr...

Jahrbuch Sucht Deutsche rauchen weniger und saufen mehr

Beim Alkoholkonsum liegt Deutschland weltweit in der Spitzengruppe. Vor allem das Komatrinken nimmt neuen Zahlen zufolge drastisch zu. Besorgniserregend ist auch die steigende Abhängigkeit von Medikamenten - besonders bei Senioren. mehr...

Video Vergiftet im Mutterleib

Saskia rastet häufig aus. Dann schlägt die 14-Jährige um sich und verletzt sich selbst. Der Grund: Ihre leibliche Mutter trank während der Schwangerschaft. Der Alkohol schädigte das Gehirn des ungeborenen Kindes für immer. Nun schildert die Pflegemutter Saskias Schicksal. mehr...

Ernährungs-Quiz Was ist in der Schwangerschaft erlaubt?

Gewürzgurken mit Schokolade - die Ernährungsgewohnheiten in der Schwangerschaft sind speziell. Doch nicht alles ist gut für das Kind, einiges sogar verboten. Kennen Sie sich aus? mehr...

Schwangerschafts-Quiz Fit für den Kreißsaal

Sie bekommen Nachwuchs oder möchten Kinder? Dann wissen Sie sicher, ob die werdende Mutter tatsächlich für zwei essen soll und welche Rolle der Rhesusfaktor spielt. Testen Sie Ihr Wissen über die Schwangerschaft! mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe