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29. Juni 2011, 14:12 Uhr

Anatomie einer Affäre

Über Nacht stellte Amnesty International Deutschland seine Generalsekretärin Monika Lüke frei. Weil sie zu viel Geld ausgab? Weil sie zu eifrig reformierte? Weil sie ein Baby bekam? Ein Blick hinter die Kulissen. Von Frauke Hunfeld

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"Ich bin getroffen": Monika Lüke, frei gestellte Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland© Marcus Vogel

Der Bote kam in der Nacht. Er klingelte an der Tür von Monika Lüke, der Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland in Berlin-Kreuzberg und brachte einen Brief ihres Arbeitgebers. An der Tür der ehemaligen Generalsekretärin. Aber das wusste sie da noch nicht.

Man sagt "Du" bei Amnesty, einer der angesehensten Menschenrechtsorganisationen der Welt, die hier und weltweit für Menschen- und Frauenrechte kämpft und sich für politische Gefangene einsetzt. Und so erfuhr die "liebe Monika", die vor drei Wochen Töchterchen Mathilda geboren hatte, vom lieben Stefan, seines Zeichens Vorstandssprecher der Sektion Deutschland, dass man sie rausschmeißen wolle und dass sie ab sofort freigestellt sei und ihre persönlichen Sachen abholen solle. Das Vertrauensverhältnis sei irreparabel zerstört und das nicht erst seit gestern, wie Lüke erfuhr, sondern schon lange.

Warum so plötzlich? Warum jetzt?

Die liebe Monika, eine toughe blonde, international erfahrene Volljuristin, von der man entschieden den Eindruck hat, sie sagt lieber "Sie", fiel aus allen Wolken. Von einem zerrütteten Vertrauensverhältnis habe sie nie etwas bemerkt, sagt sie. Niemand habe mit ihr gesprochen, die Ankündigung der Kündigung traf sie aus heiterem Himmel und mitten im Mutterschutz, wenige Tage vor der Jahresversammlung, des wichtigsten Gremiums von Amnesty. Seit Vorstandssprecher Stefan Keßler sich statt persönlich bei Monika erstmal bei der Nachrichtenagentur DPA zu dem Zerwürfnis äußerte und davon sprach, dass "eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr möglich erscheint", und seit sich daraufhin die ehemalige Generalsekretärin in einer Rundmail an alle Mitglieder zur Wehr setzte, wundert sich auch die Öffentlichkeit über den Umgang in dem angesehenen Menschenrechtsverein, der allein in Deutschland 110.000 Mitglieder hat und weltweit mehr als drei Millionen.

Offiziell will sich der Vorstand "zu den weiteren Gründen" nicht äußern, aus "Fürsorge für seine Mitarbeiterin". Was bei den dramatischen Schritten wohl den Schluss nahelegt, dass es weitere erhebliche Gründe gibt. Ausdrücklich aber wird gesagt, dass Monika Lüke "weder goldene Löffel geklaut" habe, noch ihr irgendeine strafrechtlich relevante oder betrügerische Handlung zur Last gelegt wird und dass es inhaltliche oder politische Differenzen über die Ausrichtung von Amnesty ebenfalls nicht gegeben habe. Was aber dann? Warum so plötzlich? Warum gerade jetzt?

"Eher spezifische Strukturen"

Der Zeitpunkt der Freistellung sei unglücklich, so Alexander Hülle vom Amnesty-Vorstand, man habe aber keine Wahl gehabt. Warum man denn in all den Monaten vorher nicht gehandelt habe, eine Abmahnung geschickt oder das Gespräch gesucht? Man habe wegen der Schwangerschaft Mutter und ungeborenes Kind nicht gefährden wollen mit so einer heiklen Angelegenheit. Was dann folgt, klingt allerdings nach klärbaren Problemen trotz Schwangerschaft. Von hohen Reisekosten ist die Rede, davon, dass Anweisungen des Vorstandes nicht umgesetzt worden seien, dass die Zusammenarbeit mit einer Beratungsfirma nicht beendet worden und eine Stelle gegen den Willen des Vorstands besetzt worden sei.

Monika Lüke will das nicht auf sich sitzen lassen. Ihr Ruf sei enorm geschädigt, sagt sie. "Ich fühle mich nicht nur getroffen, ich bin getroffen." Die Reisekosten seien doppelt so hoch wie vor ihrem Amtsantritt, weil sie einfach doppelt so viel gereist sei, dies mit Billigung des Vorstandes, um die Kommunikation mit den Gruppen und die internationalen Kontakte zu stärken. Die Beratungsfirma habe man nun mal nicht von heute auf morgen hinauswerfen können, da der entsprechende Vertrag erfüllt werden musste, so die Juristin. Die Zusammenarbeit sei zum frühestmöglichen Zeitpunkt beendet worden und im übrigen sei das Monate her. An der Arbeit der vom Vorstand eingesetzten Berater sei nichts auszusetzen gewesen, nur das Honorar sei dem Vorstand zu hoch gewesen - wenn es sich auch, so Lüke, absolut im Rahmen des Üblichen befunden habe. Und die in Frage stehende Mitarbeiterin, die sie gegen den Willen des Vorstandes eingesetzt haben soll, kenne sie gar nicht.

Aber warum dann ein solcher Schritt? Lüke sagt, Konflikte habe es in den letzten Monaten einzig und allein um ihre Schwangerschaft und Mutterschaft gegeben: Ob sie mit Baby zu einer wichtigen Tagung reisen dürfe beispielsweise. Oder trotz Mutterschutz auf der Renommierveranstaltung "Menschenrechtspreis", auf der der Bundespräsident zu Gast war, die Begrüßungsworte sprechen darf. Für Lüke war das eine Selbstverständlichkeit, zumal sie die Veranstaltung wesentlich vorbereitet hatte, für den ihr vorgesetzten Vorstand ein Problem. Es sei, so Alexander Hülle, aber keine Frage, wer wem eventuell die Show stiehlt, sondern rein eine Frage der Fürsorge gewesen. Lükes Vermutung, ihre Mutterschaft sei der eigentliche Grund des Zerwürfnisses, weist der Vorstand entschieden zurück: Viele bei Amnesty Beschäftigte seien Eltern geworden und könnten trotzdem weiter für die Organisation arbeiten. Frau Lüke habe sich eher "in die spezifischen Strukturen von Amnesty" nicht einfinden können.

Eine Idealkandidatin, eigentlich

Da könnte etwas dran sein. Anfang 2008 suchte Amnesty einen Profi, unter anderem, um diese spezifischen Strukturen zu verändern. Man fand Monika Lüke, promovierte Juristin, die in Dresden an der Hochschule gelehrt hatte, in England geforscht und die britische Regierung beraten hatte, dann bei der EKD in Brüssel Asyl- und Migrationspolitik verantwortete, für die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit in Afrika arbeitete und in Kambodscha für Opferentschädigung bei dem Tribunal zuständig war, das die Verbrechen der Roten Khmer aufarbeitet. Die 42-Jährige war hochqualifiziert, international erfahren, professionell. Eine Idealkandidatin. Dann wurde es schwierig.

Amnesty ist, wie viele politische Organisationen und Verbände, eine Mitgliederorganisation. Oberstes Gremium ist die Jahresversammlung, die alle zwei Jahre einen ehrenamtlichen Vorstand wählt, der die Generalsekretärin einstellt, die dann den Hauptamtlichen vorsteht. Wahlberechtigt ist jedes einzelne Mitglied oder Entsandte aus den Gruppen. Gleichzeitig ist die Organisation in den letzten Jahrzehnten stetig gewachsen: Über 600 Gruppen gibt es alleine in Deutschland; Themengruppen, Ortsgruppen, Jugendgruppen, Hochschulgruppen. Es gibt immer mehr Themen, 15 Millionen Euro Umsatz durch Spendengelder, zwei Standorte in Bonn und Berlin, die auf Dauer zusammengeführt werden sollen. "Da funktionieren die Ursprungsstrukturen, wo einfach alles Maßgebliche ehrenamtlich gemanagt wird, nicht mehr", sagt Lüke. "Wenn ich so was ehrenamtlich mache, neben meinem Beruf, dann ist das eine fast nicht zu bewältigende Herausforderung, wenn ich den Anspruch hätte, auch Einzelheiten zu regeln. Das anzupassen und dennoch den Charakter der Organisation zu bewahren, das stellte uns vor große Herausforderungen."

Lesen Sie auf der zweiten Seite , was passiert, wenn Profis und Ehrenamtliche zusammenarbeiten wollen

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