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19. Mai 2008, 17:12 Uhr

Warum viele Deutsche arm sind

Armutsbericht

Der Armutsbericht der Bundesregierung hat gezeigt: Jeder achte Deutsche ist von Armut bedroht. Doch wieso eigentlich? Welche Risikofaktoren gibt es? stern.de erklärt, warum die steigende Armut auch vor so reichen Industrienationen wie Deutschland nicht halt macht. Von Lisa Louis

Jeder achte Deutsche ist von Armut betroffen© Gero Breloer/DPA

Armut wird auf unterschiedliche Weisen definiert. Sie kann sich einerseits nur auf finanzielle Größen beziehen: Die Vereinten Nationen und die Weltbank sprechen von Armut, wenn Menschen weniger als zwei Dollar am Tag zur Verfügung haben. Dies ist eine absolute Armutsdefinition. Jedoch gibt es auch relative Armut: Für die Bundesregierung sind Menschen arm, die 60 Prozent oder weniger des deutschen Durchschnittseinkommens verdienen - konkret: 781 Euro netto im Monat. Diese zwischen den EU-Mitgliedsstaaten vereinbarte Definition wird als "Armutsrisikoquote" bezeichnet. Armut dokumentiert so die auf einen mittleren Lebensstandard bezogene finanzielle Benachteiligung.

Andererseits bedeutet Armut nicht nur fehlendes Einkommen, sondern auch soziale Ausgrenzung. Dem Nobelpreisträger Amartya Sen zufolge ist Armut ein Mangel an Verwirklichungschancen - das heißt, es fehlt die Möglichkeit einer gesellschaftlich üblichen Lebensweise. Dieses Konzept liegt auch dem sozio-kulturellen Existenzminimum im Sozialhilferecht zugrunde: Arm ist, wer sozial ausgegrenzt ist, weil er nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann.

Doch warum genau sind Menschen arm? Was trägt dazu bei und wie kann man sich davor schützen? stern.de erklärt die wichtigsten Ursachen der Armut.

Risiko Arbeitslosigkeit

Arbeitslosigkeit ist die Hauptursache von Armut und sozialer Ausgrenzung. Denn: Ohne Arbeit bleiben Menschen nur Vermögenseinkommen oder aber staatliche oder private Transfers als Einkommensquelle. In Deutschland ist die Anzahl der Arbeitslosen 2008 auf unter 3,5 Millionen Menschen gesunken - 2005 lag sie noch bei über fünf Millionen. Viele Menschen können aber von ihrem erzielten Einkommen nicht mehr leben und sind auf zusätzliche staatliche Unterstützung angewiesen.



Die stern.de-Infografik zeigt, wie hoch der Anteil der Hartz-IV-Empfänger in den einzelnen Bundesländern ist.

Außerdem sind die Unterschiede zwischen den Arbeitseinkommen gestiegen: Der Anteil der höheren Einkommen wuchs, der der niedrigen Einkommensgruppen sank. Hinzu kommt, dass ein Drittel anstelle von zuvor einem Viertel der Beschäftigten im Niedriglohn-Bereich arm sind, also gemäß der Armutsrisikoquote weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verdienen.

Risiko Demografie

Unser Rentensystem beruht auf dem Äquivalenzprinzip. Das heißt, die erwerbstätige, junge Bevölkerung kommt für die ältere Rentner-Bevölkerung auf. Eine steigende Lebenserwartung gepaart mit einer sinkenden Zahl von sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten führt aber zu einem wachsenden Finanzierungsproblem.

Hierzulande bekommt dem Statistischen Bundesamt zufolge jede Frau im Durchschnitt weniger als 1,5 Kinder in ihrem Leben. Um ohne Zuwanderung die Einwohnerzahl auf gleichem Niveau zu halten, müssten 2,1 Kinder pro Frau geboren werden. Wer da nicht zusätzlich privat fürs Alter vorsorgt, kann leicht unter die Armutsgrenze rutschen.

Die stern.de-Infografik zeigt, wo die Gefahr der Altersarmut am höchsten ist. Zu einer geringen Rente tragen auch lange Phasen schlecht bezahlter selbständiger Tätigkeit, geringfügiger Beschäftigung und Arbeitslosigkeit bei.

Risiko Überschuldung

Als überschuldet werden Haushalte bezeichnet, in denen Einkommen und Vermögen aller Haushaltsmitglieder über eine längere Zeitspanne trotz Verminderung des Lebensstandards nicht ausreichen, um fällige Forderungen zu begleichen. In der Armutsstatistik tauchen diese Haushalte jedoch nicht auf, wenn sie ein Einkommen über der Armutsgrenze erzielen.

Auch bei Überschuldung ist die häufigste Ursache Arbeitslosigkeit - sie führt zu erheblichen Einkommenseinbußen. Risikofaktoren sind weiterhin gescheiterte Selbständigkeit, Trennung oder Tod des Partners. Zudem können mangelnde wirtschaftliche Kenntnisse dazu führen, dass man seinen eigenen finanziellen Spielraum überschätzt. Überschuldung kann nicht nur dazu führen, dass ein Haushalt de facto unter die Armutsgrenze rutscht, sondern hat häufig auch Auswirkungen auf den sozialen Status und die psychische und physische Befindlichkeit.

Risiko Kinder

Dem Bericht des Bundesarbeitsministeriums zufolge verstärkt sich die Tendenz zu neuen Formen des Zusammenlebens: Immer mehr Kinder leben in Haushalten von Alleinerziehenden und nichtehelichen Gemeinschaften. Je mehr Haushaltsmitglieder im erwerbsfähigen Alter dabei arbeitslos sind, desto höher ist das Risiko, in die Armut abzurutschen - im Extremfall steigt es auf 48 Prozent.

Gerade bei Alleinerziehenden ist es deshalb wichtig, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Bund, Länder und Kommunen wollen bis 2013 Betreuungsplätze in Kindertagesstätten für 35 Prozent der Kinder unter drei Jahren schaffen. Seit 2007 wird Geringverdienern während der Elternzeit 100 Prozent ihres Gehalts ersetzt.

Risiko Bildungsmangel

Bildung ist Voraussetzung für gute Ausbildungs- und Beschäftigungschancen. In Deutschland haben jedoch allein im Jahr 2006 7,9 Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen. Der Anteil der frühen Schulabgänger in Deutschland lag im selben Jahr bei 13,8 Prozent. Das sind Menschen ohne Fachhochschul- oder Hochschulreife und ohne beruflichen Bildungsabschluss. Dieser Wert liegt über dem europäisch vereinbarten Zielwert von zehn Prozent bis zum Jahr 2010.

Die Bildungschancen des Kindes hängen in Deutschland zudem immer noch stark vom sozialen Hintergrund der Eltern ab. 83 Prozent der Kinder von Akademikern studieren, bei Nichtakademikern sind es nur 23 Prozent. Der soziale Aufstieg fällt so umso schwerer, hat doch der berufliche Bildungsabschluss einen entscheidenden Einfluss auf Beschäftigung und Einkommen.

KOMMENTARE (10 von 51)
 
gmathol (22.05.2008, 05:19 Uhr)
@Dirkik
...Menschen wie Sie werden hier nicht kritisiert! Es sind die Boersenmakler, die Finanzheuschrecken und die korrupten Politiker die nichts leisten aber die Lebensbasis der Menschen zerstoeren.
gmathol (22.05.2008, 05:17 Uhr)
US Finanzterror!
Deswegen verarmen immer mehr Deutsche, da Arbeitsplaetze nach China exportiert werden damit man deutsche Waren mit einer Mischkalkulation noch in den USA verhoekern kann.
Uebrigens jeder deutsche Volkswagen-Kunde subventioniert jedes in die USA exportierte Fahrzeug mit 30% beim Kauf eines Fahrzeuges. Volkswagen hat trotz der Dollarschwaeche die Preise in den USA um 25% gesenkt!
Noch Fragen? Fordern wir endlich die US Besatzungsmacht auf aus Deutschland abzuziehen. Die deutschen Freunde Amerikas koennen gleich mit abziehen und das dortige System dort geniessen allerdings ohne die Steuersubventionen vom deutschen Steuerzahler.
ecomoc4u (22.05.2008, 01:20 Uhr)
werteverlust
ok, jetzt wissen wir es, in zukunft wird es weniger arbeit geben und weniger geld. also in etwa wie 30 st. woche und wenig übrig. und das wenige das man zu bank trägt, ist sein papier nicht wert, so schnell steigt der werteverlust.
.
letztendlich wird es uns so wie denn chinesen gehen. hi-tec weltmacht, mit ernährungs engpässen, rohstoffmangel und natürlich das anteilige päckchen an öko vernichtung.
Nursery (20.05.2008, 08:58 Uhr)
Chancengleichheit gleich Null

Es geht doch gar nicht allein um arm oder reich zu sein.Viel dramatischer ist die Chancenungleichheit aus dem Unteren Bereich nach oben zu kommen schwieriger fast, unmöglich ist als umgekehrt.Dazu noch die Errosion der Löhne wie in keinem anderen Westlichen Land sind die Löhne derartig nach unten gewandert.Und dazu noch wird in keinem anderen Land so wenig (vor allem Ideologisch)effektiv am Problem etwas geändert.
Dirkik (20.05.2008, 08:44 Uhr)
Was zu bedenken ist:
In unserem Land gibt es bestimmt genug Menschen, die gerne arbeiten möchten und aus verschiedenen Gründen (krank, zu alt,Kinderbetreuung...) nicht arbeiten können. Denen sollte druch staatliche Unterstützung geholfen werden. Die Leute, die Hartz4 bekommen und in TV-Shows jammern, dass sie keine Arbeit finden und sich denken, dass Sie ohne Arbeit das gleiche Geld vom Staat bekommen, gleichzeitig aber 3 Hunde besitzen und rauchend vor dem PC oder vor dem Flachbildschirm sitzen, denen sollte nicht das Geld geschenkt werden.
Ich verdiene nicht schlecht, habe aber dafür auch in der Studentenzeit nebenbei gearbeitet und von weniger als 700 Euro gelebt.
Da sagt keiner was. Bafög gab es auch nicht.
Wenn es keine Besserverdienenden gibt, woher soll dann das Geld für Hartz4, neue Straßen, Politikerbesoldung etc. kommen?
Andere Länder haben auch schöne Jobs! Dann ist das schöne Steuergeld in einem anderen Sack.
Für mein Geld gehe ich auch mehr als 40 Stunden jede Woche arbeiten, so wie viele andere Besserverdienende auch.
Ich habe junge Arbeitslose Leute meckern hören, dass Sie "schon" um 9 Uhr aufstehen mussten, um dann bis 15 Uhr zu arbeiten. Da blieben sie lieber im Bett und leben von Hartz4. Ich stehe aber wie viele andere auch früh auf und arbeite lange, damit andere dann Hartz4 bekommen können.
Und der Kommentar mit der Bitte um gesetzliches Abitur war sehr durchdacht. Einfach jedem ein Abitur schenken, da kommen das Know-How und die Fähigkeiten einfach so im Schlaf. Wieso gehen wir eigentlich noch studieren. Sollte doch jeder ein Diplom zum 20. Geburtstag bekommen. Dann verdienen doch automatisch alle gut, oder...
H.P. (20.05.2008, 08:06 Uhr)
Bei all den Kommentaren hier
Bei all den Kommentaren hier, die bestimmt überall ähnlich sind, sollte uns bewusst sein, es ist nicht einfach ein passendes System was allen passt und nützt, aufzubauen. Es hat immer arme und reiche gegeben, daran ist nichts auszusetzen wenn jeder seine Arbeit und Perspektive hat. Ich persönlich bin mit dem was ich habe ja zufrieden so wie ich lebe. Doch wenn ich sehe, wie Menschen bewusst global ausgebeutet werden und die Natur zerstört wird, um noch mehr Profit zu machen, bekomme ich Angst, weil es auf Dauer nicht gut gehen wird, irgendwann wird die Natur ihr gestörtes Gleichgewicht in allem wieder herstellen müssen, es wird noch vieles auf uns zukommen, deshalb warnen viele davor, man sollte all das sehr ernst nehmen, noch haben wir eine Gesellschaft die noch geordnet lebt was sich sehr schnell ändern kann. Wenn Politiker diese gefährliche Situation nicht erkennen und blind alles ignorieren, um ja nicht aufzufallen wegen des Machtverlustes wegen, dann sieht es wirklich schlecht aus, anstatt das sich alle einmal an einen Tisch setzen und gemeinsam darüber zu reden und dann handeln. Sagt denen den Kampf an, die uns alle gegen die Wand fahren, Politiker wie das ganze Volk, müssen sich endlich dagegen wehren.
Mann müsse die Revolution, um das "einzig ursprüngliche, dem Menschen kraft seiner Menschheit zustehende Recht" (Kant) noch einmal von vorn beginnen. Um das Recht auf Glück, auf Würde, auf Freiheit und Nahrung zu erkämpfen. "Denn zwischen der planetarischen sozialen Gerechtigkeit und der Feudalmacht, welche sie auch sein mag, ist der Krieg permanent und der Widerspruch radikal".
http://www.randomhouse.de/webarticle/webarticle.jsp?aid=9634
terrax (20.05.2008, 08:04 Uhr)
Die Presse und die Regierung haben mal wieder die Statistik mal wieder schön gerechnet
Um das ganze mal richtig zu stellen: Nicht jeder achte sondern jeder vierte (26%) ist arm, denn viele Presseleute, welche regierungsfreundlich sind schreiben, daß jeder achte arm ist, was nicht stimmt.
http://www.berlinonline.de/berliner-kurier/print/politik/219250.html
Gäbe es HarzIV und Kindergeld etc. nicht, dann ist danach jeder vierte arm. Das ist ein Armutszeugnis für die Bundesregierung. Ein Tankwart in Holland meinte letzte Woche zu mir: "Bei Euch in Deutschland ist auch garnicht mehr los."
Clibanarius (20.05.2008, 06:13 Uhr)
Die Reichen HartzIVler
"Bei einer Umfrage im Unterricht hatten alle Schüler mindestens 2 Fernseher in der Familie, einen Computer, 2 Handys und alternativ einen mp3-player oder ein Nintendo DS. In dieser Klasse gab es 8 Harz Iv -Empfänger."
--------------------------
Jawoll, sofort die restliche Stütze streichen! Was fällt diesen Schmarotzern auch ein, das Geld des Steuerzahlers fürs Vergnügen und Unterhaltungselektronik zu verschleudern oder gar überhaupt etwas zu fordern? Die sollen gefälligst still, ungepflegt und stinkend in der abgedunkelten Wohnung bei Wassersuppe hocken, wie es sich für Arme und echte HartzIVler gehört. Was ich als Arbeiter schliesslich nicht kaufen kann, sollen die auch nicht haben dürfen!*flenn*droh*neid*wüt*
[Ironie Off] (Extra-Hinweis für Dummies)
arniston (20.05.2008, 06:00 Uhr)
zusammenhalt
der zusammenhalt der menschen fehlt (solidarität). dazu wird von sog. managern (in billiganzügen)die situation ausgenutzt. mehdorn und co,
hamse mal ein ackermann, oder siemens,(in teuren anzügen)nur beispiele wo der mensch nur noch bilanz ist und die kultur völlig den bach runter geht. wann hört das auf mit leiharbeit , ein euro job, und mindestlohn. nehmse doch die fam. pooth, nix mit untergang und weinen, nein, die werden zur not noch von kerner hochgehalten, also nicht unterkriegen lassen.
gmathol (20.05.2008, 05:08 Uhr)
@wallmann: Bildung (und haeufiges Umziehen macht) macht reich (oder es reicht zum Leben).
Habe selber 25 Jahre aus dem Koffer gelebt nur um meinen Beruf - Softwareentwickler - ausueben zu koennen. Auf diese Weise war es moeglich die Welt zu bereisen und Arbeitslosigkeit bis in ein relativ hohes Alter zu vermeiden, allerdings eine Familie zu gruenden ist da nicht drin.
Das Schicksal teilen sich ca. 1.5-2 Millionen in Deutschland.
In juengster Zeit werden allerdings immer haeufiger Taetigkeiten von Grossfirmen nach Indien und China zu Spottpreisen outgesourct. Davon sind mittlerweile auch Berufe wie Ingenier (alle Bereiche), Architekt und sogar Konstruktionszeichner betroffen.
Hier hilft nur eines: Boykott - es sind eure Kinder die spaeter keine Jobs mehr finden - mit oder ohne gute Ausbildung - China hat 1.3 Milliarden Menschen.
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