17. Juli 2008, 13:43 Uhr

"Keine Fragen, keine Kosten, keine Polizei"

Sie sind verzweifelt, wissen nicht wohin mit ihrem Baby: Damit diese Mütter ihrem Neugeborenen nichts antun, gibt es Mutter-Kind-Einrichtungen wie etwa Findelbaby in Schleswig Holstein. Den Schwangeren wird hier der Weg aus der Isolation geebnet und gezeigt, wie sie ihren Alltag meistern können. Von Tonio Postel, Satrup

Eine Babyklappe in Thüringen. Mütter können hier anonym ihre Kleinen abgeben©

Der Raum ist ganz in Weiß gehalten. Auf einem Metallgestell am Fenster steht ein winziges Bett mit einer rosa-weiß gepunkteten Wärmedecke, umrahmt von mit Sternen und Herzen bemalten Plexiglas- Wänden, darunter ein schwenkbares Holzbrett. Hinter Klarsichtfolie steckt eine Benutzungsanleitung für die Babyklappe. "Brief an die Mutter" steht drauf. Er teilt der Mutter mit, was geschieht, wenn sie ihr Kind hier ablegt: "Keine Fragen, keine Kosten, keine Polizei".

Dieses Versprechen geben die Verantwortlichen der Babyklappe im schleswig-holsteinischen Satrup allen Müttern, die ihre Neugeborenen hier abgeben. Die Babyklappe gehört zum Projekt Findelbaby des Vereins Sterni Park. Der Verein betreibt auch zwei Babyklappen in Hamburg, eine Notruf-Hotline für Schwangere in Not sowie leistet Frauen Beistand und Hilfe bei anonymen Geburten. Insgesamt wurden seit 1999 über 300 Frauen betreut.

Rettung in höchster Not

In Deutschland gibt es etwa 90 Babyklappen. Wie viele Babys hierzulande ausgesetzt werden, ist nicht erfasst. Seit acht Jahren, seit es das Projekt Findelbaby gibt, ist in Hamburg kein einziges Kind mehr ausgesetzt worden, sagt die Projektleiterin des Projekts, Leila Moysich. Aber seit der Gründung des Vereins seien in den drei Babyklappen in Hamburg und Satrup 32 Säuglinge abgegeben worden. Zehn von ihnen leben heute noch dort, drei davon sind schwerstbehindert.

Romy Wunderlich hatte im Oktober 2007 ihre Schwangerschaft verheimlicht. Die Berlinerin versuchte, ihr Baby allein zu Hause zur Welt zu bringen - nach fünf Stunden wählte sie die Notrufnummer. "Die sagten mir, dass ich sofort ins Krankenhaus muss", sagt die Frau mit den großen grünen Augen. Ihr kullern immer wieder Tränen über die Backen. Ein Krankenwagen holte sie ab, es war Rettung in höchster Not: "Hätte ich alleine zu Hause entbunden, wäre ich verblutet", sagt sie. Romy Wunderlich lebt heute in Satrup im Mutter-Kind-Haus. Denn nach der Geburt wusste Romy Wunderlich nicht, ob sie ihr Kind behalten soll. Der Kindsvater hatte erklärt, ein Kind komme für ihn nicht infrage.

Mütter lernen Erziehung

Romy Wunderlich ist nicht die einzige Frau, die hier auf dem platten schleswig-holsteinischen Land lernen muss, ihr Kind anzunehmen. Auf dem Rasen vor dem roten Backsteinhaus sitzen drei Mütter mit ihren Kindern in der Sonne. 20 Kilometer südwestlich von Flensburg üben sie, was für andere kein Problem ist: ein Kind zu haben, zu versorgen, es zu lieben. Im Mutter-Kind-Haus leben 27 Mütter mit 36 Kindern. Es sind Mütter, die unter traumatischen Kindheitserlebnissen, Psychosen oder Borderline-Störungen, also einer Art gespaltener Persönlichkeit, leiden.

Frauen wie Romy können ihr Kind auch bei rund 100 Pflegefamilien in der Region unterbringen. Diese Familien kümmern sich maximal acht Wochen ehrenamtlich um das Baby. Dann muss sich die Mutter entscheiden, ob das anonym geborene Kind nach Hause kommt oder eine fremde Heimat findet.

Anonyme Geburten sind in Deutschland keine Selbstverständlichkeit. Doch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschied, dass eine Mutter Angaben zur Person verweigern darf. Auch bei anonymen Geburten stehen Leila Moysich und ihr Team den Frauen zur Seite und übernehmen die Kosten. "Eine Frau, die ihr Kind ausgetragen hat, verdient größten Respekt", heißt es auf der Homepage von Findelbaby.

Hilfe im Alltag

Leila Moysich schlendert durch den Garten vor den Räumen der Kinderbetreuung, die 24 Stunden geöffnet hat. Die Kinder in den bunten Anoraks, die hier schaukeln und rutschen, ergeben eine internationale Gruppe. Ihre Mütter kommen von den Philippinen, aus Ghana oder der Dominikanischen Republik. Sie kreischen und glucksen um die Wette. "Heeeeeeey", ruft Leila Moysich und breitet die Arme aus.

Sie investiert viel Kraft und Energie in das Projekt. 150 Geburten hat sie bislang miterlebt, und "manchmal kannte ich die Frauen erst seit eineinhalb Stunden". 25 Betreuerinnen, darunter Köchinnen, Krankenschwestern, Pädagoginnen oder Ergotherapeutinnen, leisten für die Frauen Lebenshilfe: Sie erledigen Ämtergänge, gehen mit zum Arzt, zeigen den Müttern den Umgang mit Geld. Kleidung und Ausstattung wird, auch im Rahmen der Jugendhilfe, gestellt. Finanziert wird das Projekt durch Geld- und Sachspenden und dem Engagement Ehrenamtlicher.

"Vielen Müttern muss man klarmachen, dass sie zuerst Nahrung und Windeln und erst danach Kippen kaufen", erläutert Leila Moysich. Es gilt, dem Tag eine feste Struktur zu geben, die sich am Kind orientiert: "Viele der Frauen leben in den Tag hinein und würden ihrem Kind nachmittags um fünf noch nichts zu essen geben." In Satrup wird um zwölf, und abends beim "Kinderabendbrot", gemeinsam gegessen. Selbst Ausflüge machen die Frauen nicht selbständig.

Sechs Monate nach der Geburt ihrer Tochter Sophie wirkt Romy Wunderlichs Welt in Ordnung. Ihr Freund und ihre Familie akzeptierten das Mädchen, in zwei Wochen will sie wieder nach Hause. Ihre Schwiegereltern haben Romy versprochen, sich ab und an um die Kleine zu kümmern: "Ich kann sogar öfter ins Kino gehen, wenn ich will."

Mehr dazu...

Mehr dazu... ...erfahren Sie im neuen stern. Und am 30. Juli um 00.00 Uhr wiederholt das ZDF Manfred Karremanns 3sat-Dokumentation "Wir sind doch Kinder. Misshandelt, ausgesetzt, getötet – weil sie störten".

Die Notrufnummer für Schwangere in Not... ... erreichen Sie kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/456 0 789. Die Internetseite der Einrichtung finden Sie unter www.sternipark.de.

 
 
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KOMMENTARE (5 von 5)
 
Mucklina (18.07.2008, 23:13 Uhr)
Beelzebub....
... es ist aber nicht so, dass zwei (Frau und Mann) das gleiche tun.
Ich weiß nicht, welche schlechten Erfahrungen Sie gemacht haben.
Es gibt nicht nur diesen kleinen Unterschied des "Zeitvorsprungs". Immerhin trägt die Mutter ihr Kind 9 Monate in sich und sie ist es, die sich in dieser Zeit Gedanken um die Zukunft machen muss. Sie ist meist auch diejenige, sie später Nachteile in Kauf nimmt/nehmen muss. Kinder bedeuten nicht nur Kosten (Unterhalt)- es sind noch immer noch meist die Mütter, die Haushalt, Beruf Kinderbetreuung und Kindererziehung unter einem Hut bekommen müssen.

Noch nie habe ich eine Frau zu ihrem Partner sagen hören: "Wenn du mir wieder ein Kind andrehst, dann schlag ich dich windelweich - du kannst dann sehen, wo du bleibst. Dann fliegst du hochkant aus der Wohnung - mit dem Gör! Und glaub ja nicht, dass du dann auch nur einen Cent von mir gekommst!"
Ihre Frage:"Mich würde ja mal interessieren, was wohl geschehen wird, wenn eine Frau auf die Idee kommt, zu ihrem Kind einen kleinen Zettel mit Hinweis auf den Vater in die Klappe zu legen?" wird niemand beantworten können, da so etwas wohl nie passieren wird. Manchmal wäre es vielleicht nicht schlecht, denn viele dieser Babys sind durch Gewalt entstanden - die Väter bleiben unbestraft. Der Vergewaltiger wird nie erfahren, dass er durch seine brutale Tat zum Vater geworden ist.
Wollen Sie uns mit ihren Beiträgen sagen, dass Sie es als Betrafung ansehen, wenn die Väter wenigstens finanziell für ihr Kind mit aufkommen müssen? Vaterpflichten bedeuten nicht nur Unterhaltszahlungen.
Beelzebub (18.07.2008, 14:01 Uhr)
Wenn zwei das Gleiche tun....
...ist es noch lange nicht dasselbe, gell Mucklina.
Die Väter der Kinder haben wahrscheinlich - mit einem kleinen Zeitsvorsprung - das gleiche getan wie die Mütter: sie haben sich ihrer Verantwortung entledigt, sie gewissermaßen "in die Klappe gelegt."
Nur mit einem kleinen Unterschied: während die Väter in solchen Fällen damit rechnen müssen, von Jugendämtern, Familiengerichten und Staatsanwaltschaften sehr nachdrücklich zur Erfüllung ihrer Vaterpflichten veranlasst zu werden - etwa mit Gehaltspfändungen, Erzwingungshaft, Strafhaft etc. - gilt das alles für Frauen nicht.
Tja, vor dem Gesetz sind wir alle gleich und manche sogar noch gleicher.
Mich würde ja mal interessieren, was wohl geschehen wird, wenn eine Frau auf die Idee kommt, zu ihrem Kind einen kleinen Zettel mit Hinweis auf den Vater in die Klappe zu legen? Ob es für den wohl auch "keine Fragen, keine Kosten, keine Polizei" geben wird?
Preussin (18.07.2008, 06:16 Uhr)
Helfen
mehr als ein DRittel der geborenen , kommt Hierzulande ohne Trauschein zu einem Kind und in den meißten Fällen ohne den Vater. Die meißten dieser Frauen ziehen die Kinder allen groß und gehen einer Arbeit nach.In den übrigen Fällen , wo Kinder heimlich zur Welt kommen , geben einige es zur Adoption u.s.w. dann kommt der kleine Rest der heimlich Gebährenden , die so schnell als möglich das unerwünschte Kind loswerden wollen , aber wie ? Dort sollte man ansetzen um diese Lücke in den Möglichkeiten zu schließen.Eine Telefonnummer Deutschlandweit , wo ohne Frage das Kind übergeben werden kann. Denn welche der Frauen , die im Leben schon Probleme haben , ist nach der Geburt in der Lage zum Babykorb zu gehen ?Um diesen Frauen zu helfen muß eine so bekannt gemachte Telefonnummer her , wie 112 und 110 !
Mucklina (17.07.2008, 23:52 Uhr)
Gute Frage, Beelzebub!
Ja, wo sind denn eigentlich die Väter dieser Kinder? Haben sie die Verantwortung für ihr Kind übernommen? Wo waren sie in der Zeit der Schwangerschaft? Wo waren sie, als die Mutter in Wehen lag? Wo sind sie heute?
Die im Artikel beschrieben Mütter haben ihren Kindern überhaupt nichts angetan - wofür sollten sie Ihrer Meinung nach bestraft werden?
Hätten sie ihren Kindern etwas angetan, wären sie dafür auch bestraft worden.
Würde jeder Mann, der sich vor der Verantwortung als Vater drückt im Knast landen ... nicht auszudenken!
Beelzebub (17.07.2008, 23:13 Uhr)
Wo bleibt das Pendant für Männer?
Ein Mann, der sich vor seiner Verantwortung als Vater drückt, kann gemäß § 170 StGB wegen Verletzung der Unterhaltspflicht mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden.
Dieses Gesetz, dem Wortlaut nach imerhin geschlechtsneutral, gilt offenbar nicht (mehr)für Frauen.
Interessant auch die Begründung: damit die Frauen den Kindern nichts antun, sollen sie sich ganz legal ihren Pflichten als Mütter entzeihen dürfen.
Bisher bin ich davon ausgegangen, dass, wer Kindern was antut, dafür bestraft wird.
Was kommt als nächstes? Vielleicht die Legalisierung von Ladendiebstahl, damit arbeits- und perspektivlose junge Männer nicht mehr gezwungen sind, hilflose Omas niederzuschlagen und ihnen die Handtasche wegzureißen?
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