Nie wieder weg!

25. Januar 2013, 11:42 Uhr

Vergangene Woche beschrieb der Journalist Tyll Schönemann, warum er es in Berlin nicht mehr aushält. Stimmt schon - die Stadt nervt. Nur: Wo sonst in Deutschland sollte ein Mensch mit Verstand leben? Von Andreas Hoidn-Borchers

Berlin, Hauptstadt, Tyll Schönemann

Besser als in Berlin ist es nirgendwo, findet stern-Autor Andreas Hoidn-Borchers©

Berlin? Es wird Sie überraschen, aber: Ich hasse Berlin. Und seine Insassen erst recht. Aborigines, aus Schwaben oder einer anderen Walachei Zugezogene, Touristen - ich verfluche sie täglich lauthals mit Ausdrücken, für die sich Kinder Computerverbot einhandeln. Die Berliner nerven. Die ganze Stadt nervt. Sie ist laut, sie ist dreckig, sie ist eine ewige Baustelle. Tyll Schönemann hat mit allem Recht, was er vorige Woche im stern gegen Berlin vorgebracht hat. Er hat sogar untertrieben. Und er hat manches vergessen. Etwa die Neigung der Politiker, Schüler und Lehrer als Material für immer neue Menschenexperimente zu missbrauchen.

Und trotzdem: Wo sonst in Deutschland sollte ein Mensch mit fünf funktionierenden Sinnen und ein bisschen Verstand leben wollen? Es gibt keinen besseren Ort. Ich möchte hier nie wieder weg.

Hier funktioniert wenigstens alles zuverlässig nicht

Mein Freund Peter grüßt übrigens neuerdings gern "aus der Stadt ohne Kongresszentrum in die Stadt ohne Flughafen", was nicht ganz korrekt ist, weil Berlin ja einen recht gut funktionierenden Flughafen besitzt. Mitten im alten Bonner Regierungsviertel hingegen, genau da, wo mal das stern-Büro stand, rottet das WCCB, das – jepp! – World Conference Center Bonn vor sich hin. Beziehungsweise das, was davon fertig geworden ist. Die Stadt war auf einen Investor namens Hyundai reingefallen, im Glauben, dahinter stehe der Autokonzern. Tja. Jetzt zahlen Stadt, Land und Bund für den Irrtum, und nicht zu knapp. Zugegeben, das hätte sehr gut auch in Berlin passieren können. Aber nichts gebacken kriegen sie auch anderswo ziemlich gut. (Hallo Hamburg, wann eröffnet eigentlich eure tolle Elbphilharmonie?)

In Berlin funktioniert wenigstens alles so zuverlässig nicht, dass man sich bestens darauf einstellen kann. Schnee fällt = S-Bahn fällt aus = Fahrrad/Auto/gar nicht fahren: Dieses Lehrbeispiel in Ursache, Wirkung und Folgewirkung dürfte jeder nach seinem ersten Berliner Winter kapiert haben. Wer es perfekt haben will, soll bitte Barbie heiraten, aber nicht über Berlin abkotzen. Das können wir schon allein. Und mal angenommen Bayreuth oder etwas Ähnliches in der Größenordnung besäße drei Flughäfen - wäre die Stadt dann attraktiver, käme ein Besucher mehr? Berlin dagegen brauchte gar keinen Flughafen. Nach Berlin schleppten sich Menschen aus aller Welt notfalls zu Fuß. So viel zum BER.

Ballermann ohne Meeranschluss

Ja, Berlin ist - noch - billig, Berlin ist Ballermann ohne Meeranschluss. In Berlin gibt es ein irres Angebot hipper wie verschnarchter Kultur, und wer Christoph Waltz sehen will, muss manchmal nur zur Rodelbahn im Preußenpark gehen. Wirklich aufregend, in jeder Hinsicht aufregend macht Berlin aber etwas anderes: An keinem anderen Ort in Deutschland prallen soziale, kulturelle und pekuniäre Gegensätze so hart aufeinander, und zwar für alle sichtbar. Hier kann niemand seine Augen davor verschließen. Verwahrloste und Verrückte aller Art sind nicht ghettoisiert, sie sind mittendrin. Das nervt, und - sorry, das muss jetzt -– das ist auch gut so.

Im "Tagesspiegel" stand kürzlich eine wunderbare Episode: Dunkelhäutiger Busfahrer, bereits anfahrbereit, öffnet die Tür noch mal - für einen Skinhead. Der steigt wortlos ein. Meldet sich der Fahrer über Lautsprecher: "Wenigstens kannste deinen Kumpels jetzt nich’ sagen, der Neja hätte nich’ jewartet."

Eins in die Fresse, mein Herzblatt. Das ist hier der Ton, im Trüben wie im Guten. Vielleicht gibt es ja so etwas wie den genetischen Code einer Stadt. Zur Berliner DNA gehört auf jeden Fall Friedrichs des Großen Satz: "Denn hier muss ein jeder nach seiner Façon selig werden." Leben und leben lassen. Sicher, sie behandeln dich rüde. Aber sie akzeptieren dich, wie du bist. Im Rest der Republik ist es oft umgekehrt. Schönemann nennt es Gleichgültigkeit. Ich nenne es Freiheit. Dass die FDP ausgerechnet hier eine Splitterpartei ist, mag kurios wirken, macht die Stadt aber nur lebens- und liebenswerter. Dafür nehme ich sogar die Hundehaufen in Kauf.

Keine Frage, es gibt Risiken und Nebenwirkungen. Man wird mit den Jahren in Berlin selbst flegelhafter, härter, abgefuckter, größenwahnsinniger etc. Man wird etwas Berlin. Es ist ein wenig, als würden die fiesen Borg aus "Star Trek" einen assimilieren. Aber allemal besser, als in Bad Bederkesa den Rasen zu vertikutieren. Oder wie das Schwein in einem Cartoon des großen F. K. Waechter zu seinen Artgenossen sagt: "Wenn ihr Schiss habt vor der Freiheit, geht zurück in euern Stinkstall und lasst euch verwursten."

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Übernommen aus ... Stern Ausgabe 5/2013
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