Hure erkämpft Recht auf Straßenstrich

21. März 2013, 18:42 Uhr

Die Stadt Dortmund hat sich 2011 zum Sperrbezirk erklärt. Eine Prostituierte wollte sich dadurch nicht ins Abseits drängen lassen und klagte - mit Erfolg. Von Thomas Schmoll

Dortmund, Dany K., Prostitution, Kriminalität, Osteuropa, Urteil, Gericht, Nordrhein-Westfalen

Prostituierte an der Ravensberger Straße in Dortmund: Die Ruhr-Metropole muss wieder einen Straßenstrich zulassen©

Danny K. ist - wenn auch nicht überall beliebt - eine kleine Berühmtheit im Ruhrpott; auf alle Fälle in Dortmund. Dort kennen sie viele, die meisten nur namentlich und aus der Zeitung. Es sind weitaus mehr Männer als Frauen, die persönlich Bekanntschaft mit ihr gemacht haben. Danny K. ist eine Hure. Sie gehört zu den Prostituierten, die ihren Job als normalen Beruf betrachten und sich genau aus diesem Grund nicht in die Schmuddelecke stellen lassen möchten. Tut es doch jemand, wird zum Gegenschlag ausgeholt. Danny K. ist sogar vor Gericht gezogen, um sich zu wehren. Sie klagte gegen das Land Nordrhein-Westfalen und die Verantwortlichen im Rathaus von Dortmund, weil sie die Stadt zu einem einzigen Sperrbezirk erklärt hatten. Offene Prostitution war damit im gesamten Stadtgebiet verboten. NRW unterstützte den radikalen Schlussstrich unter dem Straßenstrich.

Folge war, dass die Zeit der berühmt-berüchtigten Ravensberger Straße als Rotlichtmeile zu Ende war. Am Morgen des 11. Mai 2011 erschienen Bauarbeiter, geschützt von Polizisten, und entfernten die "Verrichtungsboxen", wie die kleinen Kabuffs für Geschlechtsverkehr im Behördendeutsch heißen. Danny K. verlor sozusagen über Nacht ihren angestammten Arbeitsplatz. Sie wich aus auf einen Parkplatz "draußen vor der Stadt". Erst versuchte sie ihr berufliches Glück in Essen, dann in Castrop-Rauxel.

In ihrer Situation sah die Prostituierte jedoch eine rechtlich unzulässige Kriminalisierung ihrer Person und unterstellte der Stadt, sie im wahrsten Sinne des Wortes ins Abseits zu drängen an einen dunklen Ort, zu dem sich Freier eher selten verirrten. Also reichte sie Klage ein. Ihr Rechtsanwalt Wilhelm Achelpöhler argumentierte, dass Straßenprostitution nur dort verboten werden könne, wo der Jugendschutz berührt werde. Das sei im Kerngebiet der Ravensberger Straße nicht der Fall gewesen. "Illegal war das Ausfransen des Straßenstrichs, dagegen hätte man vorgehen müssen", sagte der Jurist laut RuhrNachrichten.de. Stattdessen seien die Behörden gegen Frauen vorgegangen, die dort legal gearbeitet hätten. Mit anderen Worten: Sie wurden kriminalisiert.

Viele Frauen aus Osteuropa

Danny K. beharrte darauf, ihren Beruf in einem speziellen Bereich im Dortmunder Stadtgebiet ausüben zu dürfen, um mehr Sicherheit für sich und ihre Kolleginnen zu haben. Ihr Eilantrag, die Ravensberger Straße wiederzueröffnen, wurde im Sommer 2011 abgewiesen. Doch fast zwei Jahre später gelang ihr ein Teilerfolg, der durchaus als spektakulär bezeichnet werden kann. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen entschied am Donnerstag, dass die alte Rotlichtmeile in der Innenstadt zum Schutz der Jugend geschlossen bleiben, Dortmund aber einen anderen Ort für den Straßenstrich suchen muss. Die Stadt sei groß genug, eine Stelle zu finden, wo Straßenprostitution möglich sei, ohne Jugendliche zu gefährden und gegen die guten Sitten des Anstands zu verstoßen, urteilten die Richter zur Freude der Klägerin. Das bedeutet: Ab sofort können Bordsteinschwalben außerhalb der Innenstadt in Dortmund überall wieder ihrem Beruf nachgehen - mit Ausnahme der Ravensberger Straße.

Die Stadt hatte aus Sicht vieler Bürger den einzig richtigen Schritt getan, als sie den Strich in der Ravensberger Straße dichtgemacht hatte. Die Anwohner waren ebenso wie die Verantwortlichen im Rathaus von Dortmund in Sorge, dass sich Kriminalität ausbreitet. Die Zahl der Huren, die dort anschafften, war in die Höhe geschnellt, da immer mehr Frauen aus Osteuropa kamen. Die Ravensberger Straße, der einst wegen der Betreuung der Prostituierten durch staatlich anerkannte Hilfsorganisationen vorbildhafter Modellcharakter zugebilligt worden war, drohte nach Auffassung der Gegner des Strichs eine elendige Zukunft. Die Mieter der Straße werden also froh sein, dass die Prostituierten nicht zurückkehren dürfen.

Suche nach neuem Standort

Staatliche Kontrolleure hatten die Einhaltung des Straßenstrichverbots streng überwacht. Dass die "Verrichtungsboxen" verschwanden, bedeutete jedoch nicht, dass alle Frauen, die in der Gegend anschaffen gingen, ebenfalls die Gegend verließen. Das Geschäft mit der käuflichen Liebe spielte sich zunehmend in Wettbüros, Internetstuben und Privatwohnungen ab. Nun dürfte in der Ruhr-Metropole eine breite öffentliche Diskussion beginnen über die Frage: Wo soll der neue Strich hin? Politisch seien jetzt Stadt und Land am Zuge, ließen die Richter durchblicken. Sollte Dortmund geeignete Gebiete für einen neuen Straßenstrich finden, könnten Land und Kommune voraussichtlich mit nachhaltigem Erfolg das restliche Stadtgebiet zum Sperrgebiet erklären, befand das Gericht. Die Behörden hätten im ersten Anlauf einfach nicht ausreichend nach Alternativen zur Ravensberger Straße gesucht. Die Diskussion wird geführt werden müssen, bis eine Straße ausfindig gemacht worden ist. Die Richter ließen nämlich keine Berufung zu.

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