Draußen toben? Mit der Freundin "Himmel und Hölle" spielen? Auf Bäume klettern? Vorbei. Unsere Kinder hocken drinnen, behütet von besorgten Eltern, und erleben keine Abenteuer mehr. Dabei lernen Kinder am besten, während sie die Welt erobern. Hirnforscher und Psychologen schlagen Alarm. Von Uli Hauser und Andrea Schaper

Kind im Käfig: Spielplatz in Oggersheim-West. Wer hier drin ist, will schnell wieder raus© Hardy Müller
Als wir Kinder waren, waren wir viele. Kerskens gegenüber hatten neun, Oelingers die Straße hoch fünf, und zu Hause waren wir sechs. Jungs spielten Fußball und Mädchen Gummitwist, wir schnitzten Steinschleudern, jagten Hasen. Die Eltern ließen uns laufen, und wenn die Erwachsenen zusammensaßen, bekamen wir einen eigenen Tisch. Aus der ersten Zigarette, so mit elf, wurde gleich eine ganze Packung, danach war uns schlecht, aber niemand hat es bemerkt. Die Welt war groß, die Kinder waren klein. Wir haben Regenwürmer zerteilt und Heuschrecken geschluckt. Bauten Höhlen hinter Hecken und klauten Äpfel von den Bäumen. Machten Feuer, was wir nicht sollten, und fielen von Mauern, was wir nicht wollten. Wir streunten durch die Felder, stauten den Bach und waren immer dreckig. Die schlimmste Strafe war Hausarrest. Wenn wir eine Uhr brauchten, schauten wir hoch zur Kirche. Wir hatten Zeit.
Das ist nicht lange her. 30, 40 Jahre. Heute ernten Eltern von drei Kindern mitleidige oder bewundernde Blicke. Wenn Jungen und Mädchen sich verabreden wollen, brauchen sie ein Telefon. In der Küche hängen Terminpläne. Auf dem Fußballplatz, ein paar Häuser weiter, bolzt niemand. Der neunjährige Lewin hätte noch Donnerstag nachmittags Zeit, aber sein bester Freund sitzt bei der Nachhilfe, sonst schafft der in acht Jahren das Abi nicht. Lewins zweitbester Kumpel wohnt einen Kilometer weiter, darf aber allein nicht los. Konrad von gegenüber übt nach den Hausaufgaben Klavier, und Elian, zehn, hockt lieber am Computer. Da kann er so tun, als sei er schon 18.
Die Welt ist klein, das Kind schon groß. Kindheit hat sich verändert. Eltern organisieren die Freizeit, Mütter sind Familienmanager. Kinder zwischen drei und fünf Jahren sehen täglich 70 Minuten fern. Schon in der dritten Klasse hat ein Drittel der Kinder einen eigenen Fernseher. Neun- bis Dreizehnjährige sitzen 90 Minuten am Tag vor dem Computer. Kindheit findet drinnen statt, man muss nicht mehr aus dem Haus. In Deutschland leben heute zwölf Millionen Kinder unter 15 Jahren, sechs Millionen weniger als 1970.
In Großstädten wie Hamburg wohnt nur noch in jedem fünften Haushalt ein Kind. Ein Viertel der Kinder wächst ohne Geschwister auf. Viele nur allein mit Mutter oder allein mit Vater. Die klassische Großfamilie mit Oma und Opa im Haus erlebt nur eins von hundert Kindern. Die Spielplätze sind eingezäunt, die Bolzplätze verschwunden. Kinder kicken jetzt in Käfigen. Vor Sandkästen sieht man mehr Erwachsene als Kinder. Als neulich Schuljungs in Hamburg ein paar Bretter auf die Äste einer Kastanie legten und ihre Konstruktion zum Baumhaus erklärten, holte ein Mann vom Grünflächenamt sie runter - sie könnten sich verletzen.
Immer häufiger ersetzen Vater und Mutter die Spielkameraden. Jedes dritte Kind im Alter von acht oder neun Jahren, das ergab eine Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts, wünscht sich mehr Kinder zum Spielen; jedes zehnte Kind ist ohne einen guten Freund. Nur knapp ein Viertel aller Kinder trifft sich heute noch mit drei oder mehreren Freunden nach der Schule. Jedes dritte Kind wohnt in Verhältnissen ohne ausreichende Spielmöglichkeiten. Kein Wald, keine Wiese, kein Platz zum Toben. Eltern haben Angst, die Kinder auf der Straße oder im Park spielen zu lassen.
Dass sich Väter und Mütter um das Wohlergehen ihrer Kinder sorgen, ist nichts Neues. Aber wenn man mit Erziehern und Ärzten, Lehrern und Therapeuten spricht, wird eines rasch deutlich: Der Umgang mit Kindern war schon mal gelassener. "Das wächst sich aus", "das renkt sich ein", "das wird schon werden": Man hört es nicht mehr oft. "Gute" Eltern wollen sich kümmern, wollen die Dinge richten. Typische Szene: Als sich beim Hockeytraining eine Mutter in den Streit ihrer elfjährigen Tochter mit zwei Jungen einmischt, fragt das Mädchen laut: "Mama, darf ich mich wenigstens mal ohne deine Hilfe streiten?"
Es gibt immer noch böse Jungen und schlechte Mädchen, Autos, Treppen,Gartenteiche. "Kinder sind heute nicht ängstlicher", sagt Heike Ramm, Kinder- und Jugendärztin aus Seevetal bei Hamburg. "Aber die Eltern sind übervorsichtig. Und nehmen den Kindern damit viel von der Fähigkeit, Gefahren zu erkennen." Der natürliche Umgang geht verloren. Das beginnt bei den Vorsorgeuntersuchungen. Weichen die Söhne und Töchter von der Norm ab, weil sie für das eine oder andere mehr Zeit benötigen, geraten Eltern in Panik. Läuft das eigene Kind als einziges in der Krabbelgruppe noch nicht mit zwölf Monaten, fragen Eltern nach Krankengymnastik. Dass Dummerchen manchmal früher mit dem Sprechen beginnen als die später Klugen, beruhigt nicht. "Genies wie Einstein", sagt Kinderärztin Heike Ramm, "wären heute schon im Kindergarten gestutzt worden."
Der kleine Einstein stotterte. Wenn Eltern den Nachwuchs bereits im Kindergarten für den weltweiten Konkurrenzkampf abrichten, bleibt Kindheit nicht der mehr oder weniger geschützte Raum, zu dem er in den vergangenen 50 Jahren geworden war. Früher hieß es: Raus auf die Straße, spielen. Heute: Ab nach Hause, lernen. Damit Chinesen dir später nicht den Arbeitsplatz wegnehmen. "In unserer Epoche", schreibt der Psychoanalytiker Miguel Benasayag, "hat sich in der westlichen Zivilisation ein Wandel vollzogen: von einem maßlosen Vertrauen in die Zukunft zu einem fast ebenso übertriebenen Misstrauen."
So wird Kindheit als eine Zeit voller Gefahren wahrgenommen. Heute spekulieren Eltern eher darüber, was passieren könnte, als darüber nachzudenken, welche Erfahrungen sie ihren Kindern zumuten können. Auch körperliche Verletzungen werden nicht mehr als normale Begleiterscheinung des Großwerdens akzeptiert. Klettern Kinder auf Bäume, liegen ihren Eltern die Worte "Komm da sofort runter!" oder "Du wirst dir wehtun!" im Mund. Die Erwachsenen entscheiden, wie sich Kinder zu fühlen haben, und erwarten, dass sie ihre Empfindungen bestätigen: Kind, zieh dir die Jacke an, Mama ist kalt. Kinder wollen das nicht. Sie sehnen sich nach Rückzugsorten, jenseits des Computers. Nach Vertrauen in die eigene Kraft. Gelegenheiten, ihr Können zu beweisen. Nur so funktioniert Evolution. In der Kindheit wiederholt sich die Entwicklungsgeschichte des Menschen. Der aufrechte Gang, das Entdecken der Sprache, der Umgang miteinander: Zu jeder Zeit war es wichtig, dass die Alten den Jungen ihre Erfahrungen weitergaben und sie zu neuen ermutigten.
Kinder brauchen Abenteuer. Das Wort ist verwandt mit dem lateinischen "advenire", was so viel bedeutet wie "sich ereignen" oder "herankommen". Unvorhergesehenes zu meistern, wenn die Welt entdeckt wird. So, wie es zum Beispiel die Pfadfinder tun. "Eigentlich wollte ich nach Hause, als der Wind aufbrauste", sagt Philipp, elf. Er hatte Heimweh, weil sich eine Wolke über seinem Schlafsack entleerte und Blitze über Baumwipfeln zuckten, "so wie bei Harry Potter". Kalt war es im Wald, und am Tag danach waren alle Klamotten nass. Wie gern hätte Philipp seine Mutter angerufen, ob sie ihn abholen kommt. "Ich wäre fast erfroren", sagt er.
Aber Philipp hat seine erste große Wanderung dann doch geschafft, gemeinsam mit den Pfadfinderfreunden aus Frankenthal bei Mannheim, beim Sommerlager im Elsass. Drei Tage war seine "Sippe" mit Kompass und Kochgeschirr durch die Gegend gestreift, ohne morgens zu wissen, wo man abends schläft. Unter Eichen im Wald, in der Scheune beim Bauern? Sie lernten, dass Nordwesten ist, wo Moos auf Bäumen wächst, und Südosten, wo der Borkenkäfer sich am wohlsten fühlt. So eine Wanderung, ein "Haijk", wie die Pfadfinder sagen, gilt als Höhepunkt eines jeden Zeltlagers.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 39/2007
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