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stern-Gespräch

Im Zentrum der Verlogenheit

Fast 13 Jahre arbeitete der Theologe Krzysztof Charamsa in der römischen Glaubenskongregation. Er verheimlichte seine Homosexualität und litt unter der Ablehnung durch die Kirche. Jetzt fordert er Respekt und radikales Umdenken.

Von Frank Ochmann

Homosexualität: "Traut euch, frei zu sein!"

Am Vorabend der Bischofssynode im Oktober 2015 outete sich Monsignore Charamsa in Rom und stellte seinen Partner Eduard Planas vor. Bis dahin musste er seine Homosexualität verheimlichen.

Herr Charamsa, wie geht es Ihnen heute, eineinhalb Jahre nachdem Sie sich in Rom geoutet haben und kurz darauf vom Priesteramt suspendiert wurden?

Sehr gut! Ich lebe mit meinem Partner in und bin gerade dabei, mich um 19 Übersetzungen meines Buches zu kümmern. Ich möchte gern auch noch weitere Bücher schreiben. Dazu kommen Vorträge und Artikel. Ich bin also Freelancer. Mit 44 Jahren! (lacht)

In Italien und damit auch im ist Ihr Buch bereits erschienen. Wie waren die Reaktionen?

Die Medien haben mich ganz gut behandelt. Vor allem aber habe ich viele persönliche Reaktionen bekommen. Ermutigung gab es dabei für mich, aber auch etliche Anfragen von Priestern, die mich um Rat in ihrer eigenen Situation baten.


Hat auch der Vatikan reagiert?

Nein. Oder ich sollte sagen: Der Vatikan ignoriert mich und mein Buch. Das ist ja eine Reaktion. Eine wichtige sogar. Denn sie zeigt, dass der einzelne Mensch in meiner Kirche kein Diskussionspartner ist. Er wird ignoriert. Seine Gedanken, sein Gewissen, sein persönliches Leiden an der Institution spielen keine Rolle. Dem Evangelium und der christlichen Nächstenliebe entspricht das nicht, denke ich.

Die Kirche lehrt von oben herab, sie hört nicht zu?

Genau. Sie hat ja ihr Gesetz. Und danach bewertet sie dich. Nicht nach dem Evangelium. Ich teile in meinem Buch meine Erfahrungen mit der Institution, mein Leiden an der Institution. Ich zeige aber auch einen Weg der Befreiung auf. Und das stimmt die Vertreter der Amtskirche nicht sehr glücklich.

Sie sprechen immer noch von "meiner Kirche".

Aber ja! Ich bin immer noch katholisch. Vielleicht bin ich heute katholischer als je zuvor. Zu Hause in Polen halten sie mich natürlich inzwischen für einen Protestanten und schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, wenn ich von "meiner Kirche" spreche. Aber die ist doch viel mehr als die Institution und der Klerus. Und darum ist sie immer noch meine Kirche.

Wie leben Sie denn heute Ihren Glauben? Gehen Sie zur Messe? Empfangen Sie die Kommunion? Oder feiern Sie als gar selbst noch die Messe?

Ich lebe, wie es sich für einen katholischen Priester gehört. Und alle Probleme bespreche ich mit meinem geistlichen Berater, dem Spiritual, den jeder Priester haben sollte. Sie werden aber verstehen, dass ich meinen Glauben nicht im Rahmen einer Institution ausdrücken kann, die meine Identität und meine Würde nicht respektiert. Sie nimmt mein Leiden nicht wahr und auch nicht meinen Wunsch, so, wie ich bin, angenommen zu werden.

Sie gehen also nicht zur Messe?

Wie soll ich mich auf diese Art einer Institution unterwerfen, die mich verfolgt? Ich könnte die Messe auch selbst feiern. Dafür brauche ich keinen anderen Priester. Ich bin ja einer. Ich möchte an diesem Punkt aber lieber nicht ins Detail gehen.

Warum?

Mir ist die Zelebration verboten. Würde ich also öffentlich bekennen, dass ich die Messe doch feiere, hätte das sofort eine weitere Kirchenstrafe zur Folge. Die Funktionäre der Kirche warten doch nur darauf. Sie müssen auch sehen, dass die Kirche die Messe einsetzt, um bestimmte Gruppen zu diskriminieren, indem sie ihnen die Teilnahme an der Kommunion untersagt. Das gilt nicht nur für homosexuelle Paare, die ihr Leben nicht für eine Sünde halten, sondern auch für wiederverheiratete Geschiedene. So wird die Messe zum Instrument der Unterdrückung. Es gibt aber andere Formen, seinen Glauben auszudrücken, auch außerhalb der katholischen Kontrolle. Wir Katholiken können da viel von den evangelischen Brüdern und Schwestern lernen. Sie zeigen uns die wahre Freiheit im Glauben.

Heißt das nicht, dass Sie noch immer die Disziplinierung durch die katholische Kirche fürchten?

Nein. Die können doch machen, was sie wollen. Für mich persönlich ist das nicht wichtig. Aber ich möchte nicht, dass die öffentliche Auseinandersetzung zwischen mir und der Kirche auf einer rechtlichen Ebene stattfindet. Die Institution soll sich mit mir als Mensch befassen, mit meiner Identität und mit meiner Würde, nicht mit kirchenrechtlichen Paragrafen.

Nun haben sich ja gleich zwei Bischofssynoden 2014 und 2015 mit den "irregulären" Paaren befasst. Und der Papst hat ein zusammenfassendes Dokument geschrieben, das bis heute Diskussionen auslöst. Von Hoffnung sprechen die einen, von Stillstand die anderen.

Was will man von 200 alten Männern erwarten, die drei Wochen lang über Ehe und Familie diskutieren? Es muss doch endlich Schluss sein mit so unklaren Aussagen, wie sie Franziskus etwa zum Kommunionempfang gemacht hat. Ich glaube, der Papst hat durchaus eine Vorstellung, wie etwa mit Geschiedenen umgegangen werden müsste. Aber er fürchtet sich, das umzusetzen. Wer darunter leidet, sind die Menschen, die ihre Hoffnung auf Veränderung und Barmherzigkeit setzen. Doch die Kirche weist immer noch Menschen zurück, die sich lieben. Das ist nicht akzeptabel.

Haben Sie gar keine Hoffnung mehr, dass mit diesem Papst doch noch eine Öffnung der katholischen Kirche kommen könnte?

Nein, dieses Pontifikat ist schon gescheitert. Ich glaube Franziskus ja, dass er eine Reform der Kirche möchte. Aber dann muss er sie auch in Gang bringen! Dazu braucht er Verbündete. Mit einem wie dem deutschen Kardinal Georg Ludwig Müller …

… Ihrem ehemaligen Chef …

… mit ihm an der Spitze der Glaubenskongregation und auch mit etlichen anderen Funktionären in der Kurie ist keine Öffnung möglich. Was soll es dann aber bringen, wenn der Papst jeden Tag den Eindruck von Wandel erweckt, gleichzeitig aber den Status quo festschreibt?

Fehlt Franziskus der Mut?

Ich weiß es nicht. Vielleicht gefällt ihm inzwischen auch einfach sein Leben in Rom, und so meidet er unnötige Reibereien. Aber was haben die Menschen davon, wenn es nach seinem Tod einmal heißt, er habe ja Reformen gewollt, aber er konnte sie nicht durchsetzen? Es ist doch möglich, etwas zu ändern. Er ist der Papst! Natürlich ist das riskant angesichts seiner Gegner. Aber er muss eben auch mal etwas riskieren. Viele Gläubige überall auf der Welt würden ihn sicher unterstützen.

Auch aus dem Klerus. Sie haben gesagt, nach Ihrem Coming-out hätten Sie etliche Priester um Rat für ihren eigenen Weg gefragt. Was sagen Sie denen?

Viele von ihnen sind verängstigt. Es ist ja die Angst, mit der ein System wie die Kirche zusammengehalten wird. Ich kenne das doch selbst. Und ich kenne auch die Existenzangst. Was mache ich denn mit meinem Leben, wenn ich nichts anderes als Theologie gelernt habe? Womit verdiene ich meinen Unterhalt? Die Kirche will dich genau in diesem gedanklichen Gefängnis einsperren. Doch was ist wichtiger: das Einkommen oder die Aufrichtigkeit? Deshalb sage ich den Ratsuchenden, wenn wir uns ein wenig kennengelernt und Vertrauen aufgebaut haben: Selbst wenn du unter der Brücke enden solltest, ist das immer noch besser, als weiter in der Heuchelei zu leben.

Da fordern Sie viel von Ihren Mitbrüdern.

Ja. Ich sage ihnen aber auch: Wenn ihr erst einmal den Mut aufbringt, euch gegen die Institution und eure geistige Gefangenschaft aufzulehnen, dann wird euch die so freigesetzte Energie helfen, eben nicht unter der Brücke zu enden. Traut euch, frei zu sein!

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