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Ja, ich muss!

Es ist die Zahl des Tages: Tausende Frauen werden jährlich in Deutschland zur Ehe gezwungen. Und ein paar hundert Männer. Über das Leid eines Betroffenen.

Von Katharina Miklis

Es sind Zahlen, die beunruhigen: Weit über 3000 Frauen und Mädchen wurden innerhalb eines Jahres zur Ehe gezwungen. Nicht irgendwo in der ostanatolischen Provinz oder einem Dorf im Kosovo – sondern mitten in Deutschland. Dies geht aus einer Studie zum Thema Zwangsverheiratungen hervor, die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder und die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer am Mittwoch vorstellten. Die Zahl der Betroffenen liegt damit weit über den bisherigen Schätzungen. Da viele junge Frauen aus Angst vor Gewalt in ihrer Familie schweigen, gibt es keine gesicherten Zahlen über erzwungene Ehen in Deutschland. Es ist dennoch die umfassendste deutsche Studie zu dem Thema, die in den vergangenen Jahren erstellt wurde.

Für die Studie, die von der Hamburger Lawaetz-Stiftung und der Frauenorganisation Terre des Femmes im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstellt wurde, wurden die Daten von 830 Beratungsstellen aus dem Jahr 2008 zur Hilfe genommen. Demnach stammen über 80 Prozent der Zwangsehenopfer aus muslimischen Elternhäusern. Die meisten Betroffenen haben schon als Kinder und Jugendliche Gewalt erlitten. Dabei steht psychische Grausamkeit an erster Stelle, gefolgt von körperlicher und sexueller. Jedem dritten Opfer wurde von Familienmitgliedern mit dem Tod gedroht. Am häufigsten ist es der Vater, von dem Druck oder Gewalt ausgehen.

Männer leiden heimlich

Die jüngste Hilfesuchende war laut Studie erst neun Jahre alt. Es sind vor allem junge Mädchen bis 21 Jahren, die Hilfe in einer Beratungsstelle suchen. Doch wie die Umfrage zeigt, leiden auch Männer unter erzwungenen Ehen. In den 3443 Fällen, von denen die Studie berichtet, waren 252 Opfer männlich. Es ist eine Dunkelziffer. Die Männer sind ein Randphänomen bei den gewaltsam erzwungenen Hochzeiten in Deutschland. Beratungsstellen speziell für männliche Opfer gibt es hierzulande nicht. Vor allem türkische Männer haben oft eine größere Hemmschwelle, über die familiäre Unterdrückung zu sprechen. Lieber halten sie in ihrer oft patriarchalisch-fundamentalistisch geprägten Mentalität das Bild vom starken Mann aufrecht. "Sie leiden unter der Scham und dem Druck, haben aber das Gefühl, für die Familie stark sein zu müssen", sagt der Psychologe Kazim Erdogan. Er leitet in Berlin-Neukölln eine Selbsthilfegruppe für Männer mit türkischem Migrationshintergrund. Auch das Thema Zwangsheirat wird hier oft besprochen.

Auch Mehmet Baki* wurde zur Ehe gezwungen. In den 80ern kommt er mit seinem Vater aus einem kleinen Dorf in der Türkei nach Deutschland. Er ist gut in der Schule, spricht fließend deutsch, ist bestens integriert. Er ist erst 17, als sein Vater ihm die Tochter eines Freundes vorstellt. Der Berliner findet das Mädchen nett, aber verliebt ist er nicht. Trotzdem soll er das Mädchen heiraten. Die Väter hatten das untereinander geregelt. Mehmet will nicht. "Aber mein Vater drohte damit, mich zu verstoßen, sollte ich mich widersetzen". Vor Gewalt hatte der junge Deutschtürke keine Angst, es war der psychische Druck, der ihn damals fertig gemacht hat, erzählt Mehmet Baki heute. Seine Rebellion hätte Schande über zwei Familien gebracht.

Erhalt der Familienehre

Es ging um die Ehre. "Bei uns Türken ist es ganz normal, dass die Älteren respektiert werden. Man tut einfach, was die sagen", sagt Mehmet. Hin und her gerissen zwischen dem jugendlichen Freiheitsgefühl und dem türkischen Traditionsbewusstsein, das ihm von kleinauf gepredigt wurde, ging er die Ehe ein. Auch in der Studie gab die Mehrzahl der Betroffenen den Erhalt der Familienehre beziehungsweise den Machterhalt der Männer als Motiv an. Christa Stolle, Geschäftsführerin von Terre des Femmes, fordert daher von der Bundesregierung "eine breit angelegte Kampagne, die den überholten Ehrbegriff hinterfragt und neue positive Vorbilder für Frauen wie Männer zeigt".

Mehmet Baki ist mittlerweile 42 Jahre alt. Noch immer ist er mit der Frau verheiratet. Dass ihre Ehe nicht auf Liebe basiert, wird im Alltag totgeschwiegen. Auch zum Schutz der zwei Kinder, die das Paar bekommen hat. Manchmal denkt Mehmet darüber nach, sich scheiden zu lassen. Doch längst geht der Druck von ihm selbst aus. Er kann seine Familie nicht im Stich lassen. Was würde aus seiner Frau, was aus den Kindern, wenn er heute zugeben würde, dass ihr Leben eine Lüge ist?

Schröder: Brutale Gewalt gegenüber Kindern

Seit diesem Jahr ist Zwangsheirat ein eigenständiger Straftatbestand. Es droht eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. Mehmet Baki glaubt aufgrund eigener Erfahrung nicht, dass sich durch das Gesetz viel ändern wird. Oft ist der Druck, den die Familie ausübt, unterschwellig. Auch lässt sich häufig nur schwer zwischen einer Zwangsheirat und einer arrangierten Ehe unterscheiden. Migrationsforscher sprechen von einer Zwangsehe, wenn psychischer oder physischer Druck einen Menschen zur Hochzeit zwingt.

Immerhin scheint die Politik den Ernst der Lage erkannt zu haben. Das neue Gesetz, die große Studie und eine neue, eigens eingerichtete Hotline deuten jedenfalls darauf hin. Letztere wird aber noch etwas auf sich warten lassen: Die Telefonhotline "Gewalt gegen Frauen" soll von Ende 2012 an bundesweit in mehreren Sprachen zur Verfügung stehen.

*Name von der Redaktion geändert

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