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22. Dezember 2006, 09:25 Uhr

"Meine Mutter sitzt daheim und heult"

Er ist zurzeit Deutschlands berühmt-berüchtigtster Arbeitsloser: Henrico Frank. Wegen des Rummels um seine Person tut ihm vor allem seine Mutter Leid. "Das ist kein Spaß mehr", sagt der 37-Jährige im Interview mit stern.de.

Henrico Frank und seine 'Managerin' umzingelt vom Medienleuten© Michael Probst/AP

"Ihre Partei ist verantwortlich für Hartz IV und deshalb gibt es Millionen Arbeitslose!" So blaffte Henrico Frank, 37, den SPD-Vorsitzenden Kurt Beck auf dem Wiesbadener Weihnachtsmarkt an. Und der kontert: "So wie Sie aussehen, haben Sie in Ihrem Leben noch nicht viel gearbeitet. Waschen und rasieren Sie sich. Dann besorge ich Ihnen in drei Wochen einen Job." Warum es mit der Arbeit trotz Rasur und neuem Haarschnitt dann doch nichts wurde, erklärt Deutschlands berühmt-berüchtigtster Arbeitsloser im Interview mit stern.de.

Warum haben Sie keines der acht Jobangebote von dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten angenommen?

Es waren keine acht, nur sieben.

Egal.

Wegen meiner Bandscheibenproblematik. Die Jobs waren alle mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden. Das trau' ich mir nicht zu. Mein Arzt hat schon vor einem halben Jahr gesagt, wenn ich weiter schwer hebe, muss ich unters Messer.

Sie sind also zu krank zum Arbeiten?

Eigentlich nicht. Das Versorgungsamt hat nur eine 30-prozentige Einschränkung festgestellt. Ich darf halt auf Dauer nicht mehr als 15 Kilo schwere Lasten tragen und heben. Außerdem hab ich seit meiner Geburt nur eine Niere, aber das macht mir keine Probleme. Nur die Schulter. Ich kann nicht über Kopf arbeiten.

Die Schulter haben Sie sich kaputt gemacht, als Sie betrunken von der Hollywood-Schaukel gefallen sind.

Jawoll. Getränkeunfall.

Sie haben Alkoholprobleme?

Ich hab's einigermaßen im Griff, lasse mich aber jetzt doch therapeutisch behandeln.

Wer saufen kann, kann auch arbeiten.

Hab ich ja auch bis letztes Jahr gemacht - fürs Grünflächenamt, als Ein-Euro-Jobber. Doch dann hab ich eine schwere Tonne mit Abfällen hochgehievt und das war's. Im Rücken hat's geknackt, das war die Bandscheibe.

Und dafür geben Sie jetzt Kurt Beck die Schuld?

Nein. Das war ich schon selbst, reine Selbstüberschätzung. Aber er hat als Vorsitzender der SPD Hartz IV zu verantworten. Auf diese Problematik wollte ich hinweisen auf dem Weihnachtsmarkt. Dass dadurch immer mehr Menschen ins Abseits geraten und auf den Ämtern teilweise behandelt werden wie der letzte Dreck. Um meine persönliche Situation ging es mir gar nicht.

Er wollte Ihnen aber helfen.

Er wollte Recht behalten und wieder so schnell wie möglich aus den Schlagzeilen rauskommen.

Das kann Ihnen doch wurscht sein.

Mir geht's aber nicht um mich, sondern um die vielen anderen Arbeitslosen, die auch alle einen Job brauchen.

Denen haben Sie damit, dass Sie keine der von Kurt Beck vorgeschlagenen Firmen angerufen haben, einen Bärendienst erwiesen.

Konnte ich gar nicht, weil ich kein Geld hatte zum Telefonieren. Aber die Vorsitzende der Hartz-IV-Plattform in Wiesbaden hat überall angerufen.

Wozu brauchen Sie eine 'Managerin'?

Das ist nicht meine Managerin. Die Frau hilft mir nur. Ich wurde doch von der ganzen Aktion überrollt. Dauernd standen Journalisten vor der Tür, ich wusste ja gar nicht mehr, was ich machen sollte.

Zuerst sind aber Sie mit einem Pressefotografen zum Friseur gegangen.

Ich hab doch nicht gedacht, dass der mich auf die Seite 1 klatscht.

Und Ihr Haarschnitt gefällt Ihnen auch nicht?

Mittlerweile geht's, aber mit dem Scheitel, den der Friseur mir gezogen hat, fühlte ich mich erst gar nicht wohl.

Finden Sie es nicht schlimmer, dass Sie nun als 'Schmarotzer', 'Faulenzer' und 'Deutschlands frechster Arbeitsloser' gelten?

Doch. Vor allem meine Mutter tut mir Leid. Die sitzt daheim und heult. Das ist kein Spaß mehr.

Herr Beck fand es wahrscheinlich auch nicht witzig, dass Sie seine Einladung in die Staatskanzlei einfach ausgeschlagen haben.

Ich hatte einen anderen Termin, der schon lange geplant war. Mit der Arbeitsloseninitiative, in der ich mich engagiere.

Henrico Frank vor (l.) und nach Becks 'Ratschlag'© Michael Probst/AP

Die Kirche wäre bei diesem Adventstreffen für Arbeitslose gut ohne Sie ausgekommen.

Stimmt. War wohl ein Fehler. Aber die Kirche ist der einzige Bündnispartner von uns Hartz-IV-Leuten. Ich wollte sie nicht verprellen.

Bei dem Ministerpräsidenten waren Sie doch auch nicht so zimperlich.

Doch, schon. Ich hatte sogar ein bisschen Angst, dass er mich verhackstückt. Deshalb wollte ich nicht alleine hingehen. Aber die Staatskanzlei hat eine Begleitperson abgelehnt.

Wie geht's jetzt weiter?

Ich weiß es nicht.

Was ist denn mit dieser Consultingfirma, die der Ministerpräsident noch für Sie aufgetan hat?

Davon steht nichts in seinem Brief.

Aber in der Zeitung.

Da steht viel über mich drin, was nicht stimmt.

Kann es sein, dass Sie nur einfach keine Lust haben, gemäß dem 'Arbeit ist Scheiße'-Button auf Ihrer Lederjacke?

Der ist schon ab, war nur ein Gag. Wenn man Jahre lang arbeitslos ist, hält man sich halt mit Galgenhumor über Wasser.

Und besitzt vier Handys?

Mit Karten von verschiedenen Netzbetreibern. So kann man am billigsten telefonieren. Zum Beispiel von D2 zu D2. Außerdem hat keins der Handys mehr als 20 Euro gekostet.

Dann rufen Sie doch endlich mal bei dieser Consulting-Firma an. Die bieten Ihnen eine kostenlose Karriereberatung an.

Das mache ich auch.

Interview: Regina Weitz
 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
nordic_82 (23.12.2006, 00:57 Uhr)
Glückwunsch
Glückwunsch Frau Weitz!
Ihre Fragen waren mutig und unerschrocken immer auf Konfrontation aus, mit dem Ziel den zu Interviewenden in die Enge zu treiben und dessen wahres Wesen und Motive offenzulegen!!
Schade nur, dass sich der deutsche Journalismus so etwas offenbar nur noch bei dem kleinen, mal seine Meinung sagenden, Hartz V Empfänger traut; nicht aber bei denen die wirklich etwas zu verbergen haben oder deren Wesen und vor allem deren Motive wirklich interessieren würden.
PS:vielleicht sollte für das Studium des Journalismus ein neues Fach eingeführt werden wie z.B. "Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein in Interviewsituationen mit Prominenten/Politikern oder Wirtschaftsbossen"
TangoParis (22.12.2006, 20:33 Uhr)
Think Dirty
Henrico Frank hat den Millionen Arbeitslosen, unfreiwillig, gezeigt wie sie einen Haufen Jobangebote und Hilfe von höchster Stelle bekommen.
Wasch und rasier dich nicht, geh auf einen Weinachtsmarkt, trink dir Mut an und beschimpf einen Ministerpräsidenten.
Der beschimpft dann dich und sagt dass du dich doch erst mal waschen und rasieren sollst dann klappts auch mit dem Job. Das haben die vier Millionen ungewaschenen, bärtigen Arbeitslosen bisher nur nicht kappiert. Die Medien schreien auf und der Ministerpräsident sagt " S Lebe is wie´s is", was ebenso tiegründig wie richtig ist. Aber das alleine reicht als Erklärung denn doch nicht aus und die Medien fragen bang ob ein Ministerpräsident und SPD-Chef sowas sagen darf. Der grummelt ein bisschen und lädt den Delinquenten dann (gewaschen und rasiert!) in die Staatskanzlei ein und bietet ihm 7 oder 8 oder nur 7 statt 8 Jobs an.
karlimann (22.12.2006, 17:17 Uhr)
So'n Schrott
Dieser Penner hat es sogar geschafft in der US Presse notiert zu werden. Ich wohne seit 1986 hier in Miami und bei uns gibts genau so viele arbeitsscheue Penner wie den Herrn Frank. Der Unterschied ist der das diese Leute hier Bums heissen und generel Obdachlos sind. Was ist nur aus Deutschland geworden. Ist ja zum schaemen!
Germanasty (22.12.2006, 16:50 Uhr)
Harmlos
Wieso? Der ist doch völlig harmlos. Ich kenne Hartz VI Empfänger die in Russland leben und sogar ihre Hartz IV gesponsorte Wohnung noch zu Geld machen ... oder den moslemischen Usbeken der auf Kosten des deutschen Steuerzahlers seine Drittfrau nach Deutschland holt.
zauzait (22.12.2006, 15:34 Uhr)
Am Thema vorbei
Entscheidend ist in diesm Fall nicht, ob Herr Frank ein guter oder schlechter Arbeitsloser ist. Zentral für diese Diskussion müsste sein, ob ein einzelner Mensch von den Medien derart an den Pranger gestellt werden darf. Darf er nicht. Auch nicht wenn er Kinder ermordet hat. "Kein Spaß mehr" ist kein Ausdruck für die Eimer and Schmutz, die über einen Mitbürger ausgeschüttet worden sind. Der erste Artikel des GG gilt tatsächlich auch für vermeintlich freche Alkoholiker - wobei ich mir die Deutung der Medien in diesem speziellen Fall nicht zueigen machen möcht. Insofern geriert der Stern hier auch wie das letzte Schundblatt, sollte sich dringend Gedanken über journalistische Ethik machen und diesen schändlichen Beitrag auf die interne "Wall of Shame" setzen, die es hoffentlich gibt. Die Autorin ließe sich ganz sicher nicht so vorführen und einen Anlass gäbe es bei ihr bestimmt, wenn man nur einen Interviewer nimmt, der bigott und selbstgerecht genug ist.
Hans-Holger (22.12.2006, 15:25 Uhr)
Das ist ja schon pervers
Lasst den Mann endlich in Ruhe!
Hat sich einmal einer von Euch Schreiberlingen bemueht, den Mann fair und objektiv zu bewerten?
Ich mag den Stern und lese ihn regelmaessig aber muessen sich nun alle an dem Rummeljournalismus beteiligen?
Julian2225 (22.12.2006, 14:50 Uhr)
Naja
Ich sitz hier im Amiland und fass es nicht wie weit die deutschen Medien runter sind. Amistandards! Das die Bild Propaganda macht wissen wir ja alle, aber das auch der Stern auf dem besten Weg ist, naja.
Wo bleibt die Objektivitaet? Wo bleibt die Gegenstellung zu den endlosen Bild-berichten? Denn eins ist klar, auch eine kaputte Uhr gibt dir zweimal taeglich die genaue Uhrzeit und damit meine ich nicht den ueberforderten Beck!
Der vielleicht mal in ein Gym gehen sollte bevor er sich ueber das Aussehen!!! anderer auslaesst! Aber darueber schreibt niemand, stattdessen wird eine Propaganda aufgezogen die Menschen zerstoert. Und der Stern spielt mit und hakt ein. Weil Beck SPDler ist? Well, dann seid ihr auch nicht besser! Ist ja nur ein Hartz IV Empfaenger, die sind doch eh nix wert und haben keine Lobby, gell?
Wie sich Deutschland in den letzten 5Jahren veraenderte ist kaum noch zu ertragen! Oberflaechlich bis zum geht nimmer!
Trotzdem ein schoenes Weihnachtsfest an alle!
Malt (22.12.2006, 14:41 Uhr)
@Pixelschubser
Natürlich sollte man diese Leute nicht verhungern lassen, aber es sollte KEIN GELD mehr an diese Leute ausbezahlt werden. Sobald die Zigaretten und Alkohol fehlen wird man plötzlich sehen, wie schnell diese Leute jede Art von Arbeit annehmen.
Im Prinzip sind wir quasi einer Meinung.
AlterEgo (22.12.2006, 13:37 Uhr)
Huipfui
Warum bietet der Stern diesem lächerlichen Schauspiel noch eine Bühne? Offensichtlich wird Herr Frank von der Arbeitslosenindustrie noch ordentlich gestützt und ausgenutzt. Wer besorgt mit welchem Ziel Pressephotographen und hält PKs ab? Nicht her Frank. Der ist die arme Wurst die hier noch mal durch den Wolf gedreht wird. Gibt es nicht Wichtigeres als einen verbalen Ausrutscher eines MP (Der dem auch mal gegönnt sei) und einem arbeitsunwilligen Dauerpunk?
beatek (22.12.2006, 13:36 Uhr)
Der ist doch überfordert
Kann sich wirklich niemand vorstellen, daß der Herr Frank jetzt restlos überfordert ist? Es ist eine Sache, sich Arbeit zu wünschen - die andere ist, diese dann auch durchzuhalten. Stellt Euch doch mal vor, wie es ist, einen jahrelangen Wunsch auf einmal erfüllt zu kriegen - natürlich unter Bedingungen - und wenn man das dann nicht schafft, ist der Traum für alle Ewigkeit verloren und es geht einem noch viel schlechter als vorher. Wenn er nicht durchhält, hackt die ganze Welt auf ihm rum. Seine Mutter hat schon die Nerven verloren. Er steht unter ständiger Beobachtung der Öffentlichkeit.
Wenn Beck ok wäre, hätte er ihm einen Termin gegeben und das alles unter Ausschluß der Öffentlichkeit abgehandelt, wenn Frank medienerfahrener wäre, hätte er alle Kommentare abgelehnt mit dem Hinweis, daß die Öffentlichkeit in drei Monaten informiert wird oder so.
Aber dieser psychische Druck jetzt - nein danke! Ich finde das unfair, jetzt so auf ihm rumzuhacken.
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