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"Die Hälfte der Priester im Vatikan ist schwul"

Der Theologe David Berger hat für den Vatikan gearbeitet - bis er sich als schwul outete. Im stern-Interview erzählt er, dass es gar nicht so schlimm sei, als Priester homosexuell zu sein - so lange man es nicht sagt.

Ein Interview von Alica Müller

Porträt David Berger

David Berger war selbst jahrelang als Dozent und Journalist für den Vatikan tätig - bis er sich als schwul outete.


Herr Berger, Sie haben selbst jahrelang im Vatikan gearbeitet. Ist Krzysztof Charamsa als schwuler Priester ein Einzelfall?

Nein. Der Anteil der schwulen Männer unter den katholischen Priestern ist generell überdimensional hoch. Im Vatikan habe ich es so erlebt, dass die Zahl noch mal deutlich höher ist: Ich schätze, rund die Hälfte.

Wie kommt es dazu?

Ich bin der festen Überzeugung, dass homosexuelle Priester für die katholischen Kirche unheimlich gut funktionieren. Einerseits liegt das daran, dass Homosexualität in der Kirche dämonisiert wird. Es ist eine ganz üble Sünde. Auf der anderen Seite hat man ein Priesterbild geschaffen, das für homosexuelle Männer sehr anziehend ist. So hat man den Vorteil, dass man ganz viele schwule Männer mit einem schlechten Gewissen hat. Die strengen sich an, besonders klug, papsttreu und fleißig zu sein, haben deshalb beste Karrierechancen und kommen so in den Vatikan. Dort finden sie ein Netzwerk aus schwulen Männern vor, in dem man sich gegenseitig aushilft.

Wieso wollen schwule Männer denn Priester werden?

Das hängt mit der Tradition zusammen. Als Homosexualität noch verboten war oder - wie es zum Beispiel in Polen heute noch ist - als sehr negativ angesehen wurde, war der Weg in die Kirche ein Ausweg aus diesem Manko, als das Homosexualität galt. Man konnte entweder Scheinehen eingehen oder aus der Not eine Tugend machen und Priester werden. Über das Zölibat kommt man in eine frauenfreie Gesellschaft. Als Priester fragt einen kein Mensch, wieso man nicht verheiratet ist - und dann kann man heimlich Sex mit Männern haben. Außerdem ist für viele schwule Männer, das kann ich ja als schwuler Mann sagen, die Inszenierung anziehend. Schwule mögen die Oper, sie möchten sich verkleiden, sie inszenieren sich auf dem Christopher Street Day. Ich habe an vielen Abenden mit schwulen Priestern zusammengesessen und die hatten keine anderen Themen, als welche Messgewänder, Hüte und sonstigen Fummel sie sich anschaffen.

Wie wird innerhalb des Vatikans mit Homosexualität umgegangen?       

Die wichtigste Regel ist: Du darfst schwul sein und schwulen Sex haben, aber du musst linientreu sein und nicht drüber reden Die Männer sind nicht als schwul bekannt - man weiß aber, was sie machen. Häufig verstehen sich diese Priester nicht mal selbst als schwul. Sie haben zwar Sex mit anderen Männern, lehnen aber die schwule Subkultur ab. Man unterscheidet also zwischen homosexuell und schwul. Man darf sich bloß nicht hinstellen und sagen: "Ich bin schwul und das ist auch gut so." Ich denke, das liegt daran, dass schwul sein wie gesagt ein wichtiger Machtapparat ist. Nach einem Coming Out haben die Machthaber nichts mehr, mit dem sie einen klein halten können. Das ist der Super-GAU.

Papst Franziskus gilt in Bezug auf Homosexualität als relativ fortschrittlich. Wie sehen Sie das?

Der Ton hat sich deutlich verändert. Bei Benedikt hatte man noch den Eindruck, dass er Angst hatte, dass Schwule die katholische Kirche und die Ehe zerstören. Franziskus ist da gelassener, er geht mit schwulen Männern persönlich freundlicher um. Er setzt zwar symbolische Zeichen, aber er hat nicht den Mut und die intellektuellen Fähigkeiten, das in die Lehre umzusetzen. Franziskus weiß, eine Anerkennung der Homo-Ehe würde zu einem Verfall der katholischen Kirche führen, weil die Konservativen nicht mitgehen würden. Das wird er nicht riskieren, dafür ist ihm das Thema auch zu unwichtig.

Was muss sich Ihrer Meinung nach in der Kirche ändern?

Die müssen sich entscheiden, ob sie eine Machtinstitution sein wollen oder die Gemeinde, die Jesus gegründet hat. Die für den Menschen da ist und ihn dort abholt, wo er steht. Dann müssten sie jeden so akzeptieren, wie Gott ihn geschaffen hat - auch Homosexuelle mit einem Bedürfnis nach Liebe und Sexualität.

Ist die Ablehnung von Homosexuellen überhaupt in der Bibel begründet?

Nein, überhaupt nicht. Deshalb beruft sich katholische Kirche auch in den letzten Jahrzehnten bei dem Thema kaum noch auf die Bibel. Die wenigen Stellen, in denen es um das Thema geht, sind im Alten Testament aus der Not heraus geboren. Der Stamm musste überleben, deshalb hat man Homosexualität, die Kinderlosigkeit bedeutet hätte, verurteilt. Aus dem Mund Jesu aber gibt es kein einziges Wort zu Homosexualität, er hat das nie verurteilt. Da frage ich die Kirchenmänner: Wenn euch dieses Thema so wichtig ist, wieso gibt es dann keine Aussage von dem, den ihr als Sohn Gottes verehrt? 

Was glauben sie, wie es für Krystztof Charasma nun weitergehen wird?

Er ist ein sehr heller Kopf, er wird sich das alles klug überlegt haben. Er ist mit Sicherheit nicht einfach vom Wagen gesprungen, sondern hat vorgesorgt. Er hat Möglichkeiten, die ganz viele katholische Priester nicht haben, er hat ja auch schon ein Buch angekündigt - er wird darauf schon länger hingearbeitet haben.

Würden Sie anderen Priestern raten, sich ebenfalls zu ihrer Homosexualität zu bekennen?

Es wäre zu leicht zu sagen, alle schwule Priester müssten sich outen. Wenn das Männer um die 50 ohne Perspektive sind, die dann Hartz-IV-Empfänger werden würden, dann kann man das nicht verlangen.

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