Seit islamistische Terroristen die Welt verunsichern, steht auch der Islam unter Beobachtung. Dennoch wissen viele Deutsche nur wenig über Muslime. Im stern.de-Interview spricht Wissenschaftler Peter Heine über die Rolle der Frau im Islam und die künftige Entwicklung der Religion.

Muslime beten in einer Moschee in Berlin© Berthold Stadler/DDP
Dann wäre sein ganzes Werk und seine Verkündung ein für uns völlig unbekanntes Phänomen der arabischen Religionsgeschichte. Nach der Schlacht hatte er noch sieben Jahre bis zu seinem Tod, in denen sein Reich sich extrem ausbreiten konnte. Und die Rolle der Weltreligion war dem Islam danach nicht mehr zu nehmen.
Das war sicherlich ausschlaggebend. Wir haben eine große Nachfrage nach Büchern über den Islam. Schauen Sie in die Geschäfte: Da steht etliches über den Koran und viel über den radikalen Islam. Aber das bildet nur einen Teil einer Kultur ab, zu welcher 1,3 Milliarden Menschen gehören und die 1400 Jahre Tradition hat. Ich habe die Chance genutzt, als mein Verlag mich fragte, ob ich nicht 400 Seiten zum Islam ganz allgemein schreiben wolle.
Ich habe zum Glück keine Schreibhemmungen - und mich über 40 Jahre beruflich mit verschiedenen Aspekten des Islam auseinandergesetzt. Es war eine große Herausforderung, das alles zu bündeln - und zu beurteilen, was in das Buch gehört und was nicht.
Noch habe ich nichts gehört, befürchte aber auch nichts. Meine Absicht war schließlich, ein Buch zu schreiben, zu dem jeder Muslim sagen kann: 'Im Großen und Ganzen stimmt das'.
Wir erleben zurzeit ein "Coming-Out" des Islam. Die Zahl der Moscheen hat sich nicht groß erhöht. Aber die Muslime treten anders auf. Ihre Präsenz ist nicht mehr vorläufig. Sie haben erkannt, dass sie auf Dauer Teil der Gesellschaft sind, daher wollen sie auch Moscheen nach ihrem Wunsch haben. Das ist grundsätzlich eine positive Entwicklung. Das mag konfrontativ wirken, stellt aber doch ein Zugehen auf die deutsche Gesellschaft dar.
Nein. Das ist unser Problem. Die Gesellschaft hat mit Religion grundsätzlich wenig am Hut, das gilt als Privatsache. Ein Moschee-Bau wendet sich an die Öffentlichkeit, was zu Irritationen führt. Der 11. September hat sicher dazu geführt, dass die Aufregung groß ist - wir verbinden mit Islam derzeit vorwiegend negative Erfahrungen. Andererseits sind 60 Prozent der deutschen Buchproduktion esoterischer Natur, das heißt es gibt eine enorme Nachfrage nach Religiosität. Das dürfen wir nicht verkennen.
Das steht ja nun gar nicht zu befürchten [lacht]. Die Debatten wären ganz anders. Ich könnte mir vorstellen, dass Muslime das nicht mehr wollen würden, um Konfrontationen zu vermeiden und ihre Identität zu wahren.
Es hat keinen Zweck, da etwas schönzureden. In weiten Teilen der islamischen Welt gibt es eine klare Trennung der männlichen und weiblichen Sphären, und in den niedrigen Schichten haben die Frauen oft wenige Freiheiten und Rechte. In den 60ern und 70ern gab es Phasen, als islamische Frauen selbstbewusster in die Öffentlichkeit gegangen sind. Die aktuelle Situation auch hier bei uns ist bestimmt von islamisch gekleideten Frauen im Kopftuch. Das könnte aber auch Teil des "Coming-Out" sein und kann sich wieder ändern.
Fromme Muslime kennen sich mit dem Leben des Propheten sehr gut aus. Sein Beispiel ist sehr wichtig, ein hohes Ideal, das nicht zu erreichen ist. Aber man muss es versuchen. Wenn es für Muslime eine ideale Zeit gab, dann war es die Lebzeit des Propheten, als Gott seine Gemeinschaft durch ihn leitete.
Es geht immer beides, das ist eine Frage der Lesart und der Auswahl aus den mehr als 6000 Versen des Koran. Es ist grundsätzlich ein Problem, medial zu vermitteln, dass der Islam eben etwas komplizierter und komplexer ist, als sich in Beiträgen von einer Minute 30 erklären ließe. Ich denke, Bücher wie meines geben da mehr Erkenntnis-Spielraum.
Für die These spricht, dass bestimmte Protagonisten zu wichtigen Medienfiguren im Islam avanciert sind. Sie gelten als Autoritäten. Der Rechtsgelehrte Yusuf Al-Qaradawi zum Beispiel ist im Internet und im Satellitenfernsehen sehr präsent und vertritt orthodoxe Vorstellungen. An diese können sich Muslime leicht halten. Die globale Kommunikation religiöser Anleitung, auch auf Englisch, hilft den Gläubigen. Muslime fragen sich häufig, was richtig ist und was falsch. Je schneller sie eine Antwort haben, desto besser.
...weil sie heute anders kritisiert werden können. Wir werden einen eher orthodoxen Islam bekommen. Die Ausschläge in eine extrem liberale oder extrem aggressive Art werden zurückgehen.
Das wichtigste ist, dass eine Sprecherinstitution entsteht. Noch müssen sie sich zusammenraufen, es dauert. Aber dann haben wir die Muslime und die staatlichen Vertreter als Gesprächspartner. Der Dialog wird formaler und verlässlicher, man weiß dann, was man einander zumuten kann. Im Austausch der Positionen auf demokratischem Fundament wird sich der Islam zu einer weiteren, normalen Religion entwickeln, davon bin ich fest überzeugt.
Zur Person Peter Heine ist seit 1994 Professor für Islamwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Er hat nun eine 400-seitige Erschließung der Weltreligion Islam vorgelegt (Der Islam, patmos, ISBN: 9783491725140, 39,90 Euro)