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12. März 2008, 16:41 Uhr

Geprügelt, gequält, gedemütigt

Unfassbar: Geschätzte 1,4 Millionen Kinder werden Jahr für Jahr in Deutschland misshandelt, aber nur rund 3000 solcher Fälle aufgedeckt. stern-Mitarbeiter Manfred Karremann hat intensiv recherchiert - und präsentiert die Ergebnisse seiner Ermittlungen im stern. Sein Hauptaugenmerk galt dem tagelangen Martyrium der kleinen Karolina.

© DPA

Hunderttausende schlagen zu - mit Gürteln und Stöcken, Kleiderbügeln und Schuhen, mit der Handfläche oder mit der Faust. Die einen prügeln spontan und eruptiv, die anderen systematisch und rituell. Die Täter: Mütter und Väter, Stiefmütter und Stiefväter, Opas und Omas. Die Opfer: Babys, Kleinkinder, Schulkinder. Die Gewalt gegen die wehrlosen Mädchen und Jungen hat viele Ursachen: Überforderung, Frustration, Hass, Sadismus, emotionale Not.

Über 1,4 Millionen Kinder, schätzt das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen, werden Jahr für Jahr Opfer häuslicher Gewalt. Geprügelt und gedemütigt, gequält mit brennenden Zigaretten und Feuerzeugen. Oder dämmern, allein gelassen, in völlig verdreckten Betten und verwahrlosten Wohnungen. Nur rund 3000 solcher Fälle werden im Schnitt jährlich bekannt.

Jessica verhungert, Dominik leidet im Trockner

Dann bekommt das Leid Namen - Lea-Sophie etwa oder Jessica, die verhungert sind. Kevin, der tote Junge im Gefrierschrank. Oder der 16 Monate alte Dominik, den der Freund seiner Mutter in einen Wäschetrockner sperrte und ihn laufen ließ, weil das Kind ihn beim Fernsehen gestört hatte.

Es war vor allem das tragische Schicksal der dreijährigen Karolina, das Anfang 2004 einer schockierten Öffentlichkeit klar machte, was sich für ein unvorstellbares Martyrium hinter dem nüchternen Fachterminus "Kindeswohlgefährdung" verstecken kann. Fast ein halbes Jahr lang hat stern-Mitarbeiter Manfred Karremann Dutzende Fälle von Kindesmisshandlung recherchiert - vor allem die letzten Tage der dreijährigen Karolina. Er sprach mit Polizisten und Staatsanwälten, Kinderärzten und Neurobiologen, besuchte Zeugen, Nachbarn und die inhaftierten Täter. Sein Bericht, abgedruckt im stern Nr. 13 - belegt eindringlich, welche Qualen misshandelte Kinder erdulden müssen - und warum wir alle genauer hinsehen müssen

"Wir alle müssen früher eingreifen"

"Nicht nur Ärzte und Behörden müssen früher eingreifen", sagt der Duisburger Kriminalhauptkommissar Heinz Sprenger, "sondern auch vor allem Nachbarn, Verwandte und Freunde - wir alle." Sprenger, einer der Initiatoren der Risikokinder-Informationsdatei "Riskid" für Kinder- und Jugendärzte, will, dass die "Kultur des Hinsehens", wie sie von Bundeskanzlerin Angela Merkel gefordert wurde, für jeden Einzelnen in dieser Gesellschaft gilt: "Wenn bekannt ist, dass es Kinder in einer problematischen Familie gibt, die kaum zu sehen sind - hingehen und nachfragen! Wenn ständig Kindergeschrei und andere alarmierende Geräusche in der Nachbarwohnung zu hören sind - klingeln und nachfragen!" Fürsorgliche Eltern dürften eine solche Intervention nicht übel nehmen, wenn sich das Geschrei etwa als normaler kindlicher Wutausbruch herausstellt.

Die dreijährige Karolina war am 5. Januar 2004, kahl geschoren und von blauen Flecken und Schwellungen bis zur Unkenntlichkeit entstellt, in einer Kliniktoilette in Weißenhorn bei Neu-Ulm entdeckt worden. Die Tochter der Polin Janeta Nowak* war von deren Lebensgefährten Mehmet Caner* über mehrere Tage mit der Hand oder mit einem Gürtel grün und blau geprügelt, mit erhitzten Verschlüssen von Methadon-Flaschen versengt und mit dem Kopf gegen die Wand und gegen Möbel geschlagen worden. Bis das Kind schließlich bewusstlos liegen blieb. Janeta Nowak fand sich mit den lebensgefährlichen Misshandlungen ab, urteilten später die Richter: "Sie hatte sich entschlossen, den Angeklagten gewähren zu lassen, weil ihr der Fortbestand ihrer Beziehung zu ihm letztlich wichtiger war als das Schicksal ihrer Tochter."

"Ich wollte meine Mama retten"

Im Gefängnis erzählte sie stern-Mitarbeiter Karremann zögernd über ihre Kindheit, von den wechselnden Männern ihrer Mutter, einer gewalttätiger als der andere, und jedes Mal war Alkohol im Spiel. "Einer wollte meiner Mama den Hals durchschneiden", berichtete sie, "ein anderer hat sie blau geschlagen, dass das ganze Gesicht zugeschwollen war." Da muss sie so alt und so wehrlos gewesen sein wie Karolina. "Ich wollte meine Mama retten", sagt sie, "aber ich war so klein, konnte nur sagen: Bitte lass meine Mama, bitte lass meine Mama." Einmal, als sie schon im Bett gelegen und geschlafen hatte, sei einer dieser Männer gekommen: "Ich habe geschrieen, weil der mich angefasst hat."

Erst einen Tag später legten sie das immer noch nicht zu sich gekommene Mädchen auf einer Toilette des Krankenhauses von Weißenhorn ab. Karolina starb schließlich an ihren schweren Hirnverletzungen. Das Paar setzte sich nach Italien ab, wo es ein paar Tage später verhaftet wurde.

Urteil: Lebenslange Haft

Im Frühjahr 2005 verurteilte das Landgericht Memmingen den Angeklagten Caner wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu 10 Jahren und 3 Monaten Haft, Karolinas Mutter kam mit 5 Jahren und 6 Monaten davon. Doch der Bundesgerichtshof hob die Urteile wieder auf, ein Münchner Landgericht schließlich erkannte auf Mord: Lebenslang für beide.

*Namen geändert

Von Werner Mathes
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
nicole01 (14.03.2008, 09:41 Uhr)
Man kann...
den Menschen nicht genug zeigen was sich hinter verschlossenen Türen alles abspielt. Richtig, es wird dauernd nur diskutiert aber Taten folgen nicht, immer wieder sind andere Themen wichtiger. Dabei zerstören einige Menschen unsere Zukunft. Ich sehe immer ganz genau hin und scheue auch keinen Anruf und natürlich auch nicht, meinen Namen zu nennen. Wir müssen alle unsere Augen öffnen. Karolina könnte heute noch leben wenn dieser Mitbewohner gehandelt hätte, anstatt wegzusehen. Und das gilt sicher für viele andere Kinder.
wer_ner (13.03.2008, 17:02 Uhr)
Kinder dürfen den Staat nichts kosten
Man schwaffelt davon, die Eltern zu den ärztlichen Untersuchungen zu zwingen. Bringt viel, alle halbe Jahre bei einem anderen Arzt...
Viel besser wäre es, wenn Kinder ab 2 Jahren regelmäßig, mindestens 2-3x die Woche in einem Kindergarten unterbracht wären. Das als Pflicht.
Ab diesem Zeitraum wären die Kinder unter einer gewissen Kontrolle.
Aber was Geld kostet (und Chancen auf Bildung und Kontakt bringt) ist in diesem Staat zu teuer.
Als Ausgleich dafür wird dann diesen Kranken in den Medien (vorzugsweise im Fernsehen) eine Plattform geboten, um anderen neue Ideen liefern zu können.
Livia008 (13.03.2008, 16:23 Uhr)
Meine Vision:
Eigentlich müsste es für Kinder in Not eigene lokale Ansprechpartnerinnen geben. So ähnlich wie die Sorgentelefone bei schlechten Zeugnisnoten. Aber so persönlich zugänglich wie ein Frauenhaus. Eine Zufluchtsstätte eben, die man jederzeit aufsuchen kann und wo man immer und zu jeder Tageszeit aufgenommen wird. Eine Art Kinder"klappe", mit einer warmen Atmosphäre, wo erst mal nicht lange gefragt wird, sondern kompetente Menschen zur Verfügung stehen, die einem Kind helfen. (Das JugendAMT ist da kein Ersatz!)
stesocom (13.03.2008, 16:12 Uhr)
Kindesmisshandlungen ?! Zeigen Sie Zivilcourage !!!
Die Kindesmisshandlungen nehmen immer perfidere Züge an. Staat, Länder und Gemeinden aber reagieren in keiner Weise. Die Frage ist : Warum nicht ?! Weil alle insgesamt ratlos sind. Doch ist die Lösung so einfach. Unsere Gesellschaft muss auf sich aufpassen. Das heißt, dass wir bei eventuellem Kindesmissbrauch das Jugendamt bzw. die Polizei sofort einschalten sollten. Es ist keine Denunzierung der Nachbarn, wenn man immerwährendes Weinen aus der Nachbarswohnung hört, sondern eine Hilfestellung. Vielleicht kommen diese Menschen mit ihrer Situation nicht klar. Vielleicht haben sie ein übersteigertes Wutpotential. Wir sind alle nur Menschen und sollten Kinder misshandelt werden, muss man dafür sorgen, dass den Familien (auch gegen ihren Willen ) geholfen werden kann. Deshalb zeigen sie sofort Zivilcourage, zeigen sie ihre Nachbarn, Verwandte oder Bekannte an, wenn diese nicht mit den Misshandlungen aufhören. Das liegt immer nur im Sinne der Kinder und im Endeffekt im Sinne der bekannten Familie. !!
msjones777 (13.03.2008, 16:11 Uhr)
es ist nichts neues
Ich muss hier meine Geschichte erzählen, ich bin jetzt fast 60 Jahre alt. ich bin als Kind ständig von meinem Vater misshandelt worden, geprügelt, Nasenbein gebrochen, Zigarettenkippen an mir ausgedrückt. Begründung, ich (IQ 140) war ein ganz schlimmes Kind. Meine Mutter hat diesen MisshANDLUNGEN nur zugeschaut. Ich hatte darum nie ein richtiges Verhältnis zu meinen Eltern, auch nicht zu meiner Mutter, die natürlich später nie!! etwas von den Misshandlungen wissen wollte.
Ich habe es überlebt, aber die seelischen Verletzungen nicht.
blog_wart (13.03.2008, 16:02 Uhr)
Richtig!
Man muss das Leid sehen, um begreifen zu können, was hier vor sich geht. Uvorstellbar!
tricky_dude (13.03.2008, 15:54 Uhr)
Titelbild
Wenn man solche Bilder ertragen muß, dann versteht man vielleicht das Leid der misshandelten Kinder besser und es wird endlich mehr dagegen unternommen.
tagora-sagittara (13.03.2008, 15:47 Uhr)
Es ist genau dieser Spiegel...
der dem deutschen Volk und seiner Regierenden vorgehalten werden muss, damit man begreift, das das Ansehen eines korrupten Politikers oder Schweinerein eines Nudelherstellers wichtiger ist als das Leben der wehrlosesten dieses Staates.
Die_Tina (13.03.2008, 15:21 Uhr)
@Sternredaktion
Bitte bringt dieses Bild nicht als Titelbild. Ich habe gestern schon mein Durchklicken in der Fotostrecke bereut. Habe heulend vor dem PC gesessen. Tja aber wahrscheinlich braucht das die Gesellschaft - Grabsteine mit sehr kurzen Lebensdaten schrecken da wohl nicht mehr auf.
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