Rolf H. will den elfjährigen Tobias mit 37 Messerstichen ermordet haben. Auf seinem Computer fand sich ein Bild des abgeschnittenen Penis des Jungen. Michael Osterheider leitet eine Ambulanz für pädophile Männer. Er schildert im Interview, was solche Menschen treibt. Von Malte Arnsperger

Grabstein von Tobias: Sein mutmaßlicher Mörder hat ein Geständnis abgelegt
Es war ein Glückstreffer. Vergangene Woche durchsuchte die Polizei in Filderstadt bei Stuttgart die Wohnung von Rolf H . Der 47-jährige Bäcker hatte kinderpornographisches Material im Internet angeboten. Doch nicht nur das. Die Polizei fand nach stern-Informationen ein Foto mit dem abgeschnittenen Geschlechtsteil eines kleinen Jungen auf Rolf H.'s Computer. In den anschließenden Venehmungen gab Rolf H. ein schreckliches Verbrechen zu: Er sei der Mörder des kleinen Tobias aus dem baden-württembergischen Weil am Schönbuch. Rolf H., der jahrelang völlig unauffällig gelebt hatte, gab zu, den 11-Jährigen im Jahr 2000 erstochen zu haben. 37 Wunden wurden an dessen Körper gefunden, einen sexuellen Missbrauch gab es offenbar nicht.
Michael Osterheider ist Professor für Forensische Psychiatrie in Regensburg und leitet eine Ambulanz für pädophile Männer. Im stern.de-Interview spricht er über diesen Fall.
Anhand der Schilderungen erkenne ich zwei sexuelle Auffälligkeiten in einer Kombination: zum einen die Pädophilie und zum anderen den Sadismus. Diese Täter suchen nicht nach sexueller Befriedigung wie normale Menschen.
Sie wollen Macht und Kontrolle haben.
Das Leiden ihres Opfers bringt ihnen die sexuelle Befriedigung. Man kann auch bei dem Mörder von Tobias davon ausgehen, dass ihn das Leiden seines Opfers sexuell befriedigt hat. Dazu passt die Vielzahl der Stiche. Diese wären ja nicht notwendig, um zu töten, es war ein Overkill. Ich nehme an, dass der Täter Tobias zur sexuellen Befriedigung erst mit nicht-tödlichen Stichen gequält hat, bevor er ihn dann in sexueller Erregung erstochen hat. Auch wenn es keinen erkennbaren sexuellen Missbrauch gegeben hat, würde man dann von einer sexuell motivierten Tötung sprechen.
Es ist nicht ungewöhnlich, dass solche Täter auf Trophäen aus sind. Bei Serientätern haben Untersuchungen ergeben, dass rund ein Drittel Trophäen mitgenommen haben, wie etwa Schmuck oder Kleidung des Opfers. Körperteile sind aber eher selten. Diese Trophäen dienen dann nach der Tat weiter zur sexuellen Lustgewinnung und Befriedigung.
Es ist leider relativ typisch, dass solche Täter eine bürgerliche Existenz führen und eine unauffällige Fassade aufbauen. Das dient ihnen auch dazu, ihre abnorme Parallelwelt zu schützen. Oft sind sie auch nicht auf normale soziale Kontakte angewiesen, sondern haben mit Gleichgesinnten Kontakt.
Der Junge an sich ist ziemlich sicher ein Zufallsopfer, es hätte jeden anderen Jungen auch treffen können. Das Opfer ist nur Mittel zum Zweck. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hat dieser Mann aber die Tat an sich schon seit Jahren geplant und sich in seiner Phantasie ausgemalt. Solche Täter stellen es oft als Zufall hin, aber so etwas macht man nicht zufällig. So ein Tatplan entsteht nicht von heute auf morgen. Der Täter hatte sicher seit vielen Jahren pädo-sadistische Phantasien, die er über den Konsum von Kinderpornos weiter entwickelte, um seine Phantasie anzuregen, bis es zum Tag X kommt.
Die Umstände der Tat weisen für mich daraufhin, dass es ein planerisch handelnder Täter ist, der mit hoher Wahrscheinlichkeit keineswegs steuerungsunfähig oder vermindert schuldfähig war.
Grundsätzlich gibt es neben verschiedenen verhaltens- und sexualtherapeutischen Behandlungsansätzen auch die Möglichkeit einer triebdämpfenden Medikation. Wenn die norm-abweichende sexuelle Entwicklung aber schon langjährig fortgeschritten ist, sind therapeutische Erfolge eher selten und auch abhängig von der Motivation der Täter zu einer Behandlung. Diese Motivation ist aber oft nur vordergründig.
Bei der Kombination einer Pädophilie mit einer sexuell sadistischen Störung und einer nachfolgenden sexuell motivierten Tötung sind die Chancen einer Behandlung extrem gering. Das Störungsbild ist derart komplex, das erfahrungsgemäß eine adäquate Behandlung nicht möglich ist.
Lesen Sie mehr zum Mordfall Tobias... ...im neuen stern.