Das Leben in der Patchwork-Familie ist alles andere als einfach: Alle erhoffen nur das Beste, doch jeder zerrt am anderen, und überall lauern Enttäuschungen. Vor allem die Kinder müssen ausbaden, was die Eltern nicht hinbekommen. Sie reagieren mit Spott, Trotz und Wut. Von Nina Poelchau

Nach einer Woche Ärger: Als André seine Mutter verlassen musste, stand er auf einmal vor der Tür seines Vaters Wolfgang. Der war inzwischen wieder verheiratet und Vater eines weiteren Sohnes© Thomas Rabsch
Seit André aufgekreuzt ist, hängt das Kleinfamilienglück der Menck-Machons an einer Zündschnur. An diesem Samstag grillen sie auf dem Balkon in Burgberg im Oberallgäu: Wolfgang, der Vater, Arianna, die Stiefmutter, Halbbruder David - und André, 15, Wolfgangs Sohn aus erster Ehe. Um sie herum Geranien, Berge, Kuhglockengeläut. Dem Vater treten Tränen in die Augen. Er erzählt, wie dreckig es ihm nach der Trennung vor neun Jahren ging. André schwärmt ein bisschen von seiner Mutter.
Seine Stiefmutter dreht nervös die Würste, eine Weile hält sie sich zurück, schließlich platzt es aus ihr heraus: "Deine Mutter hat sich doch einfach aus dem Staub gemacht! Weißt du überhaupt, was diese Frau deinem Vater angetan hat?" André presst die Lippen zusammen. Am liebsten, wird er später sagen, würde er rufen: "Halt dich da raus, du dumme Kuh!" Er schweigt. Nicht schon wieder Streit. Herumgestochere im Salat. André denkt: Gut, dass am nächsten Morgen mein Zug fährt.
Wolfgang, Arianna, David, André: eine kleine Patchwork-Familie, eine von Hunderttausenden in Deutschland. Viel Beschönigendes ist über solche Familien im Umlauf. Jedes Problem scheint mit etwas Humor lösbar zu sein. Schaut man sich Filme zum Thema an oder blättert durch Magazine, bekommt man leicht den Eindruck: Familien, die sich nach Trennungen und Scheidungen bilden, sind zwar fast unüberschaubar komplex, aber im Grunde lustig wie Bullerbü und allemal abenteuerlicher als das spießige Modell: Mutter, Vater, zwei Kinder. Der frischeste Ratgeber, geschrieben von dem Wiener Soziologen Reinhard Sieder, trägt bezeichnend den Titel "Patchworks", ein Wortspiel, das ausdrücken soll: Zusammengesetzte Familien funktionieren. Gut sogar!
Aber das ist für viele, die an diesem Modell jeden Tag arbeiten müssen, eher ein Wunschziel als das wahre Leben. Überall lauern Loyalitätskonflikte und Enttäuschungen, fast immer ist einer dabei, der Angst hat, durchs Netz zu fallen. All das gibt es auch in "normalen" Familien, aber ungleich schwieriger ist es, ein neues Leben aus den Trümmern gescheiterter Beziehungen zu zimmern. Dabei steht am Anfang des Unternehmens Großfamilie immer ein Gebirge aus Liebe und Hoffnung und der unbedingte Glaube an dauerhaftes Glück. Gut möglich, dass gerade dies das Problem ist. "Die Vorstellung, es richtig machen zu können und es daher auch richtig machen zu müssen, sensibilisiert für Enttäuschungen und setzt den Erwartungsanspruch und den Erfolgsdruck hoch. Die Latte wird hoch gelegt und die Wahrscheinlichkeit, sie zu reißen, ebenfalls", sagt der Heidelberger Psychologe und Familientherapeut Arnold Retzer.
Je mehr Scheidungen, desto mehr zusammengewürfelte Familien gibt es. Genaue Zahlen liegen nicht vor. Nach Reinhard Sieders Schätzung leben in Deutschland drei von zehn Kindern bis zu ihrem 18. Lebensjahr zumindest übergangsweise in einer Patchwork-Familie. Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Stieffamilien geht von rund 850.000 Kindern aus. Sieders frohe Botschaft: Werden Grundregeln beachtet, profitieren alle. Die wichtigste: Wenn sich Eltern trennen, müssen die Kinder zu ihrer Mutter und ihrem Vater so viel Kontakt wie möglich haben. Und niemals, wirklich niemals, dürfen die neuen und früheren Partner sich gegenseitig schlechtmachen. Klingt einfach. Aber wohin mit Verletzungen, Eifersucht, Aversionen?
Bei einem Jungen wie André, kann man sagen, ist in dieser Hinsicht schon mal alles falsch gelaufen, lange bevor sich seine Patchwork-Familie fand. Seine Mutter verließ den Vater nach 25 Jahren Ehe und setzte sich mit ihren drei Kindern - zwei davon sind inzwischen erwachsen - nach Irland ab. Neun Jahre Funkstille. Neun Jahre die Dauerinfusion, der Vater sei schrecklich, geizig, verzichtbar. Warum habe der sich nicht mehr bemüht? Der Vater schickte ab und zu einen Brief, bekam nie eine Antwort, er spielte mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen, traf Arianna, die ihm sozusagen das Leben rettete: Er heiratete und wurde noch einmal Vater. Endlich ging es ihm wieder gut.
Und plötzlich, November 2006, steht André, sein Sohn, vor der Tür. Arianna erinnert sich noch genau an den ersten Eindruck. Ein schmales Kerlchen, 13 Jahre alt, schwerer Rucksack, Haare in der Stirn, unsicheres Lächeln, alles an ihm: irgendwie so verloren. Andrés Mutter war in Irland in eine Lebenskrise gerutscht, sie wusste nicht, wohin mit dem Jungen. Arianna, die neue Frau des Vaters, reagiert mit dem typischen Stiefmutter-Reflex: Sie will für André eine bessere Mutter sein, auch ihrem Mann will sie beweisen, dass sie das ist. Sie gibt sich Mühe. Sie kocht fein und richtet für André ein hübsches Zimmer her. Nur: Der Junge hält die Mutter, die er hat, für die beste. Egal, was war. Mit der Neuen will er nichts zu tun haben. Es kommt ihm so vor, als würde er seine Mutter verraten, wenn er sich Arianna annähert.
Keine Woche geht ins Land, schon gibt es Ärger. Aus dem unsicheren Jungen wird ein Wilder, der seinen Halbbruder in den Schwitzkasten nimmt und seiner Stiefmutter täglich bedeutet: "Du kannst mich mal!" Der Vater, der den ganzen Tag über nicht zu Hause ist, sitzt, wenn er da ist, hilflos zwischen den Stühlen. Er hat ein schlechtes Gewissen gegenüber seinem lange vermissten Sohn, aber noch mehr Angst um seine Frau und den Siebenjährigen. André wird nach langen Auseinandersetzungen in Nordrhein-Westfalen ins Internat verpflanzt, sieben Stunden Zugfahrt von Burgberg entfernt. Er kommt jetzt nur noch gelegentlich zu Besuch. Und meistens brennt anschließend die Hütte.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 35/2008