Ein Bauer, die Kirche und das "Ewige Licht"

19. Januar 2013, 15:50 Uhr

Ein Schweizer hat mit der Katholischen Kirche vor Gericht über den Unterhalt einer Flamme gestritten, die seit 1357 brennt - und gewonnen. Eine Provinzposse. Von Thomas Schmoll

Kirche, Verbrechen, Mord, Rechtsstreit, Ablasshandel, Schweiz

Für das Sonnenlicht muss niemand zahlen - egal ob Christ, Moslem oder Buddhist. Für das "Ewige Licht" von Näfels in der Schweiz muss die Kirche ab sofort selbst aufkommen oder sich einen neuen Spender suchen.©

Seit ein paar Tagen ist der Landwirt Thomas Seliner eine Berühmtheit in der Schweiz. Ach was, sogar eine internationale Berühmtheit. Immer wieder klingelt sein Telefon, will ein Reporter wissen, wie das war mit dem Streit um die Kosten für das "Ewige Licht". Selbst die altehrwürdige BBC erschien auf seinem Hof in Schänis im Kanton St. Gallen, etwa 45 Autominuten von Zürich entfernt, um ein Interview zu führen. Grund für den Rummel ist Seliners Sieg in einem Rechtsstreit mit der Römisch-Katholischen Kirche, der bizarrer und grotesker kaum sein könnte. Es ging darum - so jedenfalls formulierte es die "Neue Zürcher Zeitung" -, "wer denn nun die horrenden Kosten von jährlich 70 Franken an den Unterhalt dieser für die Seelenruhe so unabdinglichen Flamme zu tragen habe".

Der Zwist hat seinen Ursprung in einer Urkunde aus dem Jahr 1357. Aus ihr geht hervor, dass ein Konrad Müller einen Heinrich Stucki "liblos gethan" haben soll. Eine heute harmlos anmutende, aber damals übliche Umschreibung für "ermordet haben". Um sich von seiner Schuld loszukaufen, ließ sich der Bösewicht auf einen Ablasshandel ein. Zahle, und deine Sünden werden dir verziehen. Er versprach, "ein ewig liecht zu prennen dag und nach von nussöl". Sprich: Er sagte zu, bis in alle Ewigkeit für die Kosten des "Ewigen Lichts" aufzukommen. Es gibt noch eine Variante um einen Brudermord, der zu der Stiftung geführt haben soll. Auch dabei geht es um Schuld und Sühne. Fest steht jedenfalls, dass die "Ewig-Licht-Stiftung" auf dem Dokument von 1357 beruht, aus der die Kirche ihren Rechtsanspruch ableitete. Jahrhundertelang ging das gut. Die Gemeinde erhielt genug Öl, sodass das "Ewige Licht" in der Kirche von Mollis - nach der Reformation im Gotteshaus von Näfels, das katholisch blieb -, seinem Namen alle Ehre machen konnte und nie erlosch.

"Auf freiwilliger Basis hätte ich gezahlt"

1806 unterzeichnete der Eigentümer der Ländereien, der bis dato den Brennstoff lieferte, einen Vertrag "zur Vermeidung aller künftigen Streitigkeiten und nachteiligen Folgen". 1850 wurden die Güter Schneisigen und Mühlegut als Spender festgeschrieben - unabhängig davon, ob es eine familiäre Verbindung zum Mörder Konrad Müller gab. Der Unterhalt des "Ewigen Lichts" wurde den Grundstücken und ihren Eigentümern übertragen.

Nachdem auf den fraglichen Parzellen die Nussbäume gefällt wurden, floss kein Öl mehr, sondern ein Geldbetrag. Die Summe wurde über all die Jahre brav überwiesen - und zwar zuletzt von der Mutter von Thomas Seliner, der das Gut Schneisigen gehörte. Sie erhielt Rechnungen mit dem Betreff "EWIGLICHT-RECHNUNG". In einer aus dem Jahr 2006 listet die Kirchenverwaltung Näfels unter "unser Einkauf" von "Ewiglichtölkerzen" einen Betrag von 192 Franken auf und erklärt der Frau: "Ihr Anteil: 96 Franken." Nach der Bitte um Überweisung heißt es: "Für Ihre Bemühungen danken wir im voraus bestens."

2009 übernahm Thomas Seliner nach eigener Aussage den Hof von seiner Mutter. Vermutlich hätte der Landwirt - inzwischen wollte die Gemeinde 70 Franken pro Jahr (knapp 57 Euro) - das Geld wie seine Vorfahren der Kirche zukommen lassen. "Ich denke schon, dass ich gezahlt hätte", sagt er auf Anfrage von stern.de. "Aber nur auf freiwilliger Basis." Doch die Kirche wollte 2010 einen Eintrag ins Grundbuch über den Betrag, womit die Überweisung von jährlich 70 Franken zur rechtsverbindlichen Pflicht geworden wäre. "Damit war ich nicht einverstanden. Dann ist das eine Grundlast, gegen die man sich nicht mehr wehren kann." Doch damit nicht genug: "Die wollten das Geld für die nächsten 20 Jahre, also 1400 Franken."

Und deshalb war für Thomas Seliner Schluss mit lustig. Er wollte sich nicht für zwei Jahrzehnte ein einklagbares Bußgeld für einen Mord im 14. Jahrhundert aufbrummen lassen. So trafen sich die Kontrahenten vor Gericht. Schlichtungsversuche scheiterten. Die Näfelser Kirchenratspräsidentin Daniela Gallati, die für stern.de nicht zu erreichen war, ignorierte nach einem Bericht der "Neuen Zürcher Zeitung" ein Angebot des Churer Bischofs Vitus Huonder, der die 70 Franken übernehmen wollte, um den Streit zu schlichten. So kam es zum Prozess. Die Richter mussten für die Verhandlung in die Rolle der Historiker schlüpfen, um ein Urteil zu fällen. Sie sprachen von "beträchtlichen rechtsgeschichtlichen Nachforschungen", was sich auch bei den Gerichtskosten wiederspiegelte. Seliner, der mit einem Kompromiss gerechnet hatte, siegte auf ganzer Linie. Die Kirche muss ihm 5000 Franken Entschädigung zahlen und die Prozesskosten von 4000 Franken übernehmen, wie aus dem kürzlich veröffentlichten Entscheid hervorgeht. 9000 Franken gegenüber einem eingeforderten Betrag von 1400 Franken.

Kirche gibt klein bei

Erst nach dem Richterspruch gab sich die Gemeinde geschlagen. Die Katholische Landeskirche akzeptierte das Urteil und erklärte, "entgegen der irreführenden Kampagne in den Medien" sei es der Gemeinde nicht um das Geld gegangen, "sondern um die Erhaltung eines alten Rechts, welches seit über 655 Jahren" bestanden habe. "Die Stiftung des Ewigen Lichtes ist mehr als nur eine alte Tradition, sie ist ein Zeichen der Verbundenheit mit unserer Geschichte. Die Ewig-Lichtstiftung hat alle Zeitläufe wie die Reformation, die Helvetik oder den Kulturkampf bis heute überstanden." Die Kirche hat verloren, kann sich aber damit trösten, dass "in der Zwischenzeit verschiedene ernstgemeinte Angebote von Privatpersonen vorliegen", die das "Ewige Licht" am Leben halten wollen.

Und was macht Thomas Seliner, der siegreiche Landwirt, mit der Entschädigungszahlung? "Ich kriege kein Geld. Das kriegt der Anwalt." Aber er hat dennoch Grund zur Freude: Er ist zur Berühmtheit geworden. Und die Zeit der Geldbuße für einen Mord vor mehr als sechs Jahrhunderten hat für seine Familie ein Ende.

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