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23. November 2009, 19:03 Uhr

Was schockt Gaffer?

Sie sind immer dann da, wenn Menschen in Gefahr sind: Gaffer, die Unfälle oder andere Unglücke mit ihren Handys filmen und Rettungskräfte bei ihrer Arbeit behindern. Was kann sie davon abhalten? Von Manuela Pfohl

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Rettungs- und Bergungskräfte an einem Unfallort. Ohne Gaffer haben sie bessere Chancen, zu helfen© Julian Gebhardt/DPA

Gibt man bei Google das Stichwort Autounfälle ein, so findet man auf Platz drei der Suchergebnisse: "Extreme Autounfälle - gratis Unfallclips". Hier findet der Gaffer alles, was er sucht. Aufzeichnungen von tragischen Unfällen bietet auch Youtube. Einer der Hobbyfilmer präsentiert ein Video mit der "letzten Sekunde vor einem tödlichen Autounfall" an. Ganz real ist auch der Tod zweier Kinder, die bei einem Hausbrand im August in Sachsen-Anhalt ums Leben kamen, weil laut Polizeiangaben mehr als 100 Schaulustige auf der Straße standen und die Rettungskräfte behinderten.

Eine Show für Gaffer

Eine Show für Gaffer bot auch der Unfall auf der A1 bei Hamburg, der jetzt den Schleswig-holsteinischen Innenminister auf den Plan rief. Dabei ging es um eine schwer verletzte Frau, deren Auto brannte. Nach Angaben der Feuerwehr hatten LKW-Fahrer mit einem Feuerlöscher an Bord am Straßenrand gestanden und lediglich zugeschaut, obwohl die Einsatzkräfte sie zur Hilfe aufgefordert hatten. Innenminister Klaus Schlie (CDU) ging daraufhin mit der Idee an die Öffentlichkeit, dass Gaffer sich auf Polizeistationen Fotos von Unfällen anschauen müssen. Quasi als Schocktherapie. "Vielleicht kapieren sie dann, dass es kein Film, sondern die hässliche brutale Wahrheit ist, bei der es häufig um das Leben von Menschen geht", erklärte der Minister.

Ein Vorschlag, der aus Sicht von Bastian Roet, Verkehrssoziologe des Automobilclub von Deutschland (AvD) wenig Erfolg verspricht. "Wenn bei Menschen die Fähigkeit, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden, und sich danach zu verhalten, nicht mehr ausreichend vorhanden ist, dann werden solche Maßnahmen die betreffenden Personen auch nicht schocken."

Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr

Ein Berliner Autobahnpolizist mit langjähriger Berufserfahrung sieht das ähnlich. Er nennt den Vorschlag des Ministers "einfach nur gaga". Er meint: "Gaffer, die mit eigenen Augen einen Unfall beobachtet haben, lassen sich doch nicht von ein paar Bildern abschrecken, die ihnen ein Beamter später auf der Dienststelle zeigt.

Allerdings lassen sich Gaffer offenbar auch nicht von den Strafandrohungen beeindrucken, die es bereits gibt. "Wer bei gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leiste, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten sei, könne mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft werden, sagte der frühere Berliner Justizsenator Rupert Scholz der "Bild"-Zeitung und verwies auf Paragraph 323c des Strafgesetzbuches.

Mutti zeigt den Tod

Allzu oft eine leere Drohung, wie es scheint. Ein Sprecher des Kieler Innenministerium erklärt: "Feuerwehr, Helfer und Polizei haben nach einem schweren Unfall genug zu tun. Um dann noch die Personalien von Schaulustigen aufzunehmen, dafür fehlt einfach das Personal."

Dass Gaffer allerdings häufig gar kein Unrechtsbewusstsein haben, zeigt ein Unfall, der sich Anfang November im hessischen Michelstadt ereignete. Nach Polizeiangaben mussten dort sogar Platzverweise ausgesprochen werden, um die Schaulustigen zurückzudrängen. "Mütter mit kleinen Kindern wollten diesen die Unfallfahrzeuge, die Rettungsfahrzeuge und den Rettungshubschrauber aus nächster Nähe zeigen", heißt es im Polizeibericht.

Wie also ist Gaffern beizukommen? Verkehrssoziologe Roet sieht sich einigermaßen ratlos. "Natürlich gilt es zunächst, alle Möglichkeiten staatlicher Gewalt auszuschöpfen. Doch ganz offensichtlich handelt es sich hier um ein gesellschaftliches Phänomen, dem mit juristischen Mitteln nicht so ohne Weiteres beizukommen ist." Roet plädiert deshalb dafür, über Präventionsmaßnahmen soziale Kompetenzen zu stärken.

Von Manuela Pfohl
 
 
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