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Mein Patient, der Massenmörder

Vor dem Landgericht Heilbronn klagt der Vater des Amokläufers von Winnenden gegen den Therapeuten und den Arzt seines Sohnes. Diese hätten "Tötungstendenzen" bei Tim K. registrieren müssen. Es geht um Geld. Und um die Frage, ob Ärzte die Gefährlichkeit eines Menschen erkennen können.

Von Ingrid Eißele, Heilbronn

Ein Aktenordner mit der Aufschrift "Klinikum am Weissenhof" liegt auf einem Tisch in einem Gerichtssaal in Heilbronn

Am "Klinikum am Weissenhof" war der Amokläufer von Winnenden vor seiner Tat in Behandlung. Hätten die Therapeuten und Ärzte erkennen müssen, dass es zu dem Gewaltausbruch kommen würde? Das muss das Gericht entscheiden.

Juliane H., 44, kommt mit einem großen schwarzen Rucksack, der sichtlich im Kontrast steht zu der zierlichen Frau im schwarzen Hosenanzug. Eine große Last, die sie da schleppt.

Eine viel größere Last allerdings trägt sie seit sieben Jahren mit sich herum. Juliane H. war die Therapeutin, die Tim K. im Klinikum in Weinsberg behandelte. Ihr gegenüber offenbarte er im ersten Gespräch am 23. April 2008, dass er "Wut und Hass auf die ganze Menschheit" empfinde. Vier Gespräche in Weinsberg folgten.

Ein knappes Jahr nach diesem Bekenntnis setzte der Realschüler aus einer Gemeinde bei Winnenden unweit von Stuttgart seinen Hass in die Tat um. Er kehrte an seine ehemalige Schule zurück, die Albertville-Realschule in Winnenden, und erschoss neun Schülerinnen und Schüler, drei Lehrerinnen und einen Mitarbeiter der benachbarten Klinik, dann nahm er einen Autofahrer als Geisel und ließ sich nach Wendlingen fahren, wo er einen Kunden und einen Mitarbeiter eines Autohauses tötete, bevor er sich selbst erschoss. War eine "Tötungstendenz" für die Mediziner im Jahr zuvor schon erkennbar?

Jörg K. will Schuld und Schulden halbieren

Jörg K. und seine Anwälte glauben: Ja. Deshalb klagt der Vater des Amokläufers - der allerdings nicht vor Gericht erschien - gegen Juliane H., den Oberarzt Michael B. und das Klinikum in Weinsberg. Der schwäbische Unternehmer Jörg K. wurde 2013 vom Stuttgarter Landgericht wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe von anderthalb Jahren verurteilt, weil er seinem Sohn den Zugang zu Waffen ermöglichte. Er hatte die Beretta, eine großkalibrige Waffe, im Schlafzimmerschrank hinter Wäsche versteckt.

  Erik Silcher, Anwalt des Vaters des Amokläufers von Winnenden, gibt Interviews im Gerichtssaal. Er will für seinen Mandanten erreichen, dass die Therapeuten des jugendlichen Täters ebenfalls für die Tat haften müssen.

Erik Silcher, Anwalt des Vaters des Amokläufers von Winnenden, gibt Interviews im Gerichtssaal. Er will für seinen Mandanten erreichen, dass die Therapeuten des jugendlichen Täters ebenfalls für die Tat haften müssen.


Darüber hinaus muss er für finanzielle Folgen der Tat seines Sohnes einstehen - es geht um Schmerzensgelder und Schadensersatz in Höhe von vier Millionen Euro an Angehörige, Überlebende und die Stadt Winnenden. Etwa zwei Millionen fordert der Vater von der Klinik zurück. Nicht für sich, sondern um das Geld an die "Geschädigten weiterzuleiten", betonten die Anwälte von Jörg K. am Dienstag zum Prozessauftakt vor Gericht. Die Klage vor der Zivilkammer ist der Versuch, eine doppelte Last zu teilen. Die der Schulden. Und die der Schuld.

Ärztin will eigentlich nichts sagen

Juliane H., die im April 2008 gerade ein knappes Jahr ihre Approbation als Psychotherapeutin besaß, spricht nicht über Schuld. Sie will eigentlich überhaupt nicht sprechen, ihre Anwältin verweist auf die ärztliche Schweigepflicht, die auch über den Tod des Patienten hinaus gelte. Tatsächlich muss die Therapeutin nur ihrem Gewissen und dem "mutmaßlichen Willen" ihres Patienten folgen.

Nun also spricht Juliane H. zum ersten Mal über ihren Patienten, der zum Massenmörder wurde. Sie sitzt steif und aufrecht da, das Gesicht von blonden Locken halb verborgen. Es sind leise, spröde, fast widerwillige Sätze, die sie sich abringt. Tim habe im ersten Gespräch "Wut und Hass auf die Menschheit" erwähnt, aber "unkonkret" und "ohne Planung", berichtet sie. Sie habe beim zweiten Gespräch nachgefragt, ob er immer noch solche Gedanken habe, "aber er sagte, es gehe ihm besser, das ist nicht mehr so."

Mordphantasien in "guten Phasen"

Dann sagt Juliane H. etwas, das aufhorchen lässt. Tim sei ja just wegen seiner Mordphantasien gekommen. Er habe diese Gedanken "in guten Phasen", hat sie in ihren Unterlagen vermerkt. Was das bedeutet? Ob sie versucht habe, diesen Widerspruch aufzuklären, fragt der Anwalt des Vaters. "Es wurde eine Hypothese gebildet und dann wurde weiter gefragt, auch in diesem Punkt", antwortet die Therapeutin knapp.

Blick auf den "gebrochenen Ring", das Mahnmal zum Gedenken an die Opfer des Amoklaufs von Winnenden 2009

Der "Gebrochene Ring": Mahnmal für die Opfer des Amoklaufs an der Albertville-Realschule in Winnenden am 11. März 2009


Hätte sie die Gefahr erkennen müssen? Für die Einschätzung von Suizidgedanken haben Psychotherapeuten handfeste Kriterien. Die gelten so ähnlich auch für die so genannte Fremdgefährdung: Welche Diagnose hat der Patient, ist er zu Absprachen fähig? War er schon mal gewalttätig gegen sich oder andere? Wie konkret sind seine Pläne?

Nie ein Hinweis auf Waffen

Ein wichtiger Hinweis fehlte der Therapeutin offenbar. Zwar habe sie dezidiert nach seinen Hobbys gefragt, aber weder die Eltern noch Tim selbst hätten Waffen erwähnt, oder dass der Vater den Sohn auf den Schießstand mitnahm, um ihn "unter Menschen" zu bringen.

Einmal aber soll Tim auch vom "Erschießen" von Menschen gesprochen haben. "Man hätte weiter fragen müssen“, kritisiert der vom Gericht beauftragte Sachverständige Helmut Remschmidt. Der Gutachter findet auch einige fachliche Mängel. Die Diagnose einer "sozialen Phobie" sei nicht ganz zutreffend, es gab Schludrigkeiten bei der Auswertung eines Tests, die Therapeutin stellte keine Fragen zur sexuellen Entwicklung.

"Einfach nicht vorauszusehen"

Doch selbst wenn die Diagnose exakter gewesen wäre - "es gibt keine Diagnose, die eine Amoktat voraussagen lässt", stellte der Gutachter klar. Erst recht nicht im Fall Tim K. Er habe gegenüber seiner Therapeutin "höchstens eine abstrakte Äußerung gemacht, aber keine Ankündigung."

In dieser Verhandlung voller Konjunktive macht Remschmidt, ehemals Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uni Marburg, deutlich, wo die Grenzen der ärztlichen Kunst liegen: Ärzte und Psychotherapeuten hätten kaum eine Möglichkeit, einen künftigen Amokläufer zu identifizieren, so lange der nicht über konkrete Pläne spricht. Geheimhaltung gehöre aber gerade zu den Besonderheiten von Amoktätern. Der extrem verschlossene Tim habe nicht mal gegenüber seiner Schwester am Vorabend der Tat Andeutungen gemacht, sondern lapidar erwähnt, er müsse am nächsten Tag später zur Schule. Die monströse Tat des 11. März 2009, glaubt Helmut Remschmidt, "war einfach nicht vorauszusehen".

Anwältin Monika Baumhackl und eine weitere Frau sitzen in einem Gerichtssaal in Heilbronn

Die Anwältin Monika Baumhackl (li.) vertritt im Prozess das verklagte "Klinikum am Weissenhof". Die Klinik soll zwei Millionen Euro der Entschädigung für die Hinterbliebenen der Amok-Opfer übernehmen.


Der Satz ist eine sichtliche Entlastung für die Therapeutin. Also sie den Gerichtssaal verlässt, mit ihrem schwarzen Rucksack, wirkt sie erleichtert. Juliane H. arbeitet nicht mehr für die Klinik. Sie hat inzwischen eine eigene Praxis gegründet. Einer ihrer Behandlungsschwerpunkte: "Wie gehen Menschen mit Krisen um, ohne aufzugeben und sich äußerem Druck zu beugen?", steht auf ihrer Homepage.

Am 26. April gibt das Landgericht Heilbronn seine Entscheidung in dem Fall bekannt.

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