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Der Schneemann - Wie ein Deutscher 500 Kilo Koks über den Atlantik schmuggelte

Ihn lockt die Karibik, die endlose Party unter Palmen. Das Problem ist die Fracht. Und dass er noch nie gesegelt ist. Die Geschicht eines abenteuerlichen Segeltörns, der vor Gericht endete.

Der Starkwind kommt von einer Sekunde auf die andere. Packt sich die "Blue Star" wie ein übellauniges Kind seine Puppe. Rüttelt. Zerrt. Nass klebt das Hemd an Kai Scherer(*), er hat sich erst spät, zu spät, darangemacht, die Segel zu reffen. Seine Muskeln zittern vor Anstrengung. Er kämpft mit dem Wind, den Wellen. 

Und mit seiner Unerfahrenheit.

Vor ein paar Wochen noch beschränkte sich seine Wassersporterfahrung auf Tretbootfahren. Jetzt, im Frühjahr 2011, versucht er auf einem Regattaboot, einer Nussschale aus Kunststoff und Karbon, allein über den Atlantik zu segeln. Und der Starkwind drückt das Boot auf die Seite. Gerade eben kann er sich an Bord halten.

Ein Anfänger allein auf dem Atlantik. Kai Scherers Plan ist nicht wagemutig. Sondern irrsinnig. Irrsinnig gefährlich.

Warum bloß hat er sich darauf eingelassen? Ich wollte das Abenteuer, sagt Kai Scherer heute. Ich wollte das Geld. Ich war so unglaublich naiv. Es war der Fehler meines Lebens.

Durch eine Sünde ins Paradies

Kai Scherer war so naiv zu glauben, ins Paradies zu kommen, indem er eine Sünde begeht. 

In die Karibik. Strände, blaue Lagunen, und obendrauf: leicht verdientes Geld. Schmutziges Geld, aber darüber macht er sich nicht allzu viele Gedanken. Er denkt an das Abenteuer seines Lebens.

Es ist Herbst 2010, Kai Scherer ist 30 Jahre alt, als sein Sündenfall beginnt. Sein Kumpel Dennis Kramer ist wieder zurück im Süden Kölns. Kai Scherer kennt den Amateurboxer schon lange, der ein Jahr zuvor zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden war, nachdem er versucht hatte, ein Kilogramm Kokain über die niederländisch-deutsche Grenze zu schmuggeln.

Kramer hat nun eine Yacht gechartert und ist in die Karibik gesegelt. Erzählt Scherer von der Weite des Meeres, der endlosen Party unter Palmen und einem Typen aus Bolivien. Der habe ihn angesprochen auf der Isla Margarita vor der Küste Venezuelas. Ob er nicht mal in seinem Segelboot Kokain nach Europa transportieren wolle? Ein Riesengeschäft. Er habe erst einmal abgelehnt, er war ja auf Bewährung wegen Drogenbesitzes. Aber sich eine Telefonnummer von dem Typen geben lassen, für den Fall.

Kai Scherer ist begeistert. Von der Weite des Meeres, der Party unter Palmen. Nicht von der Sache mit dem Kokainschmuggel. Noch nicht. Du spinnst, sagt er zu Kramer.

Abgleiten in eine Halbwelt

Doch Scherer liebt Abenteuer. Vielleicht zu sehr. Er wächst in einem geordneten bürgerlichen Viertel auf, in dem die Hecken so gepflegt werden wie die nachbarschaftlichen Beziehungen. Er lernt Konstruktionsmechaniker, arbeitet aber nicht lange in diesem Beruf. Er will mehr vom Leben. Besucht die Abendschule, um das Abitur nachzuholen. Doch noch vor den Prüfungen sucht er zum Leidwesen seiner Eltern wieder neue Herausforderungen. Trainiert stundenlang im Fitnessstudio. Selbst die Trainer nennen ihn Fitnessfanatiker. Sein Bizeps scheint die T-Shirt-Ärmel zu sprengen. Sein Körper ist sein Kunstwerk. Er testet Grenzen aus. Verlässt die Enge seiner Heimatstadt, die 53-Quadratmeter-Wohnung, seine Ikea-Furnierwelt, seine beiden Flachbildfernseher in Wohn- und Schlafzimmer. Besteigt zusammen mit Dennis Kramer Alpengipfel. 4000 Meter mindestens. Übernachtet auf Gletschern. 


Er verdingt sich als Türsteher, als Fitnesstrainer. Er gleitet in ein Milieu, in dem Fitnesswelt und Halbwelt verschmelzen. Lernt Leute kennen, die Kokain und Amphetamin nehmen oder damit dealen.

Kai Scherer nimmt keine Drogen. Raucht nicht. Alkohol trinkt er an Silvester 1999. Und 15 Jahre später einen Schluck Sekt, als er seiner Freundin einen Heiratsantrag macht. Kai Scherer will sein Kunstwerk nicht ruinieren. Sein Körper ist sein Tempel.

Doch dann überschreitet er Grenzen.

Halt die Ohren steif!

Dennis Kramer fliegt noch einmal auf die Isla Margarita und trifft den Drogenhändler aus Bolivien.

Kramer erzählt Scherer gegen Ende des Jahres 2010, man könne bestimmt 3000 Euro pro Kilo Kokain verdienen. Man müsse es nur in einem europäischen Hafen abliefern. Kein Verkauf, kaum Risiko. Er würde es ja selbst machen, wenn da nicht seine Vorstrafe wäre. Die würde ihn doch bei jeder Kontrolle verdächtig machen.

Nun ist Kai Scherer dabei. Dennis Kramer soll den Deal einfädeln und das Boot chartern, er die Drogen im Segelboot über den Atlantik bringen. Er allein, sie wollen keine Mitwisser. Außerdem bleibt so mehr für jeden, sie wollen das Geld teilen. 

Das Problem ist nur, dass Kai Scherer noch nie gesegelt ist. Doch er ist kein Mensch, der lange grübelt. Anpacken. Machen. Das klappt schon.

Anfang März 2011 sitzt Scherer in den Schulungsräumen der Segelschule Köln. Schon länger lernt er für die Theorie. Es ist Karnevalszeit, und fast wäre der Kurs deswegen ausgefallen. Doch Scherer bettelt darum, dass er auch mit ihm als einzigem Teilnehmer stattfindet. Denn er muss vor der Hurrikan-Saison zurück sein.

Er lernt zu navigieren, Notsignale zu setzen, einen Kompass zu lesen. Dennis Kramer nimmt ihn mit auf einen Segeltörn vor der spanischen Küste. Seine praktische Prüfung absolviert er Ende März 2011 im Rheinauhafen in Köln. Danach hält er den Sportbootführerschein See in den Händen.

Und einige Tage später segelt Kai Scherer mit Dennis Kramer von Gran Canaria, wo die gecharterte "Blue Star" wartet, zu den Kapverdischen Inseln. Die liegen vor der Westküste Afrikas und damit sehr günstig für eine Atlantiküberquerung in die Karibik. Dann geht Dennis Kramer von Bord und ruft: Halt die Ohren steif!

4000 Kilometer Ungewissheit

Kai Scherer ist plötzlich allein in einem Segelboot auf dem Atlantik. Findet sich wieder in dieser Wüste aus Wasser. Der Kölner Rheinauhafen ist noch nicht einmal eine Pfütze dagegen, eher Kinderspucke. Vor ihm liegen rund 2200 Seemeilen. 4000 Kilometer Ungewissheit. 


Einmal den Atlantik zu überqueren, das ist der Traum vieler Segler. Es gibt Ratgeber, in denen steht, man solle in der Vorbereitung alle Eventualitäten durchgehen. Was, wenn die Steuerdrähte brechen? Was, wenn die Fockrolle blockiert? Was, wenn der nächste Helfer Stunden oder gar Tage entfernt ist? Was, wenn ein Crew-Mitglied über Bord geht?

In den Ratgebern steht nichts darüber, wie man allein den Atlantik auf einem Segelboot überquert. Das findet man eher in den dramatischen Erlebnisberichten der Segler-Ikonen. Die schreiben dann zum Beispiel: "Was die meisten als fröhliches Abenteuer angehen, wird zur großen menschlichen Bewährungsprobe.“

Bei manchen Seglern dauert die Vorbereitungsphase für eine Atlantiküberquerung ein Leben lang. Die meisten wagen es nie.

Scherer hat keine Zeit, mögliche Probleme zu wälzen. Hätte er es getan, wäre er wohl auch nicht an Bord gegangen. Die Fahrt ist eine Strapaze. Er bekommt kaum Schlaf. Alle 20 bis 30 Minuten klingelt nachts der Wecker. Dann steigt er aus seiner Koje und kontrolliert, ob er den Kurs ändern muss. Tanker, rechnet er aus, haben eine Geschwindigkeit von 16 bis 17 Knoten. Dazu setzt er seine Geschwindigkeit. Berechnet die Distanzen, die in dieser Zeit zurückgelegt werden. So kann er bestimmen, wie lange er sich hinlegen kann, bevor er schlimmstenfalls einen Kollisionskurs korrigieren muss. Kein Wunder, dass er sich nach diesen Nächten auf die Cornflakes zum Frühstück freut.

Am schlimmsten ist die Einsamkeit

Die "Blue Star" ist eine Segelyacht vom Typ Jumbo 40, zwölf Meter lang, ein Regattaboot und damit eher ein maritimer Rennwagen als ein Wohnmobil. Kein Luxus, nur glasfaserverstärkter Kunststoff und Karbon. Keine Dusche. Wenn Wolken aufziehen, stellt er sich mit Duschgel an Deck.

Einmal haut ihn der Starkwind fast von Bord. Er lernt schnell, die Wolken zu lesen, die Winde einzuschätzen, Gewitterfronten zu erkennen. Doch langsam wird ihm klar, wie machtlos er hier auf dem Atlantik hin und her geworfen wird. Dass er eigentlich zum Scheitern verdammt ist.

Am schlimmsten aber ist nicht die Angst. Am schlimmsten ist die Einsamkeit. Er beginnt, mit den Delfinen zu sprechen. Hallo Freunde, wie geht es euch?

Er isst Nudeln und Linseneintopf aus der Dose. Trainiert täglich eine Stunde. Liegestütz. Kniebeugen. Schlingt ein Teraband um den Baum und baut sich so ein Trainingsgerät.

Er liest. "Milliardäre und ihre Erfolgsgeschichten". Das Buch fesselt ihn, Lebensgeschichten von Menschen, die etwas Besonderes vollbracht haben. Rockefeller, Warren Buffet, Bill Gates. Und er lernt viel aus dem Buch "Lionheart". Darin beschreibt ein 17-Jähriger seine Weltumseglung.

Scherer kommt gut voran, der Passatwind bläst stetig, er muss kaum kreuzen, es ist, als trage der Wind ihn hinüber. Er segelt zwischen Trinidad und Tobago hindurch, ein Glücksritter inmitten von Seeräuberinseln.

Scherer wartet. Drei Wochen lang.

Die Sonne geht gerade auf, als er Anfang Mai 2011 in den Hafen von St. George’s einläuft. Er sieht die grünen Hügel Grenadas und denkt: das Paradies.

Er ankert und trifft Dennis Kramer, der hergeflogen ist, um alles in die Wege zu leiten. Als Kramer wieder abgereist ist, ruft er einen Mittelsmann an. Die Nummer hat er von Kramer. Der Mittelsmann sagt: Warte. Und Kai Scherer wartet. Drei Wochen lang. Mietet sich einen Roller, sieht sich die Strände an, geht ins Fitnessstudio. Genießt karibische Nächte im Club Bananas.

Einmal spricht ihn ein Einheimischer an, Scherer ist hier längst eine kleine Berühmtheit. Der Verrückte, der gerade den Segelschein gemacht hat und sofort über den Atlantik segeln musste.

Ob er das Boot sehen dürfe?

Auf dem Boot fragt der Einheimische: Willst du Kokain? Nein, nix, thank you. Nimm was, dann bist du der King bei den Girls im Club Bananas! Kai Scherer komplementiert ihn vom Boot.

Die Unschuld verloren

Endlich kommt der Anruf. Scherer solle sich für die Nacht ein Hotel nehmen. Und am nächsten Morgen losfahren. So erzählt er es heute. Hatte er keine Angst vor den Leuten vom Drogenkartell?

Ich hatte ja nicht direkt mit denen zu tun. Ich habe immer gedacht: Wenn ich nichts Böses möchte, dann wollen die auch nichts Böses. Natürlich war das naiv. Die hätten mich doch jederzeit über Bord werfen können. Aber Angst hatte ich eigentlich kaum.

Er sei dann ins Hotel gegangen. Am nächsten Morgen sind 500 Kilogramm Kokain in Zwischenräumen im Wassertank verstaut. Aber davon, wo das Kokain lagerte, erfährt er erst vor Gericht, sagt Scherer.

Der Mittelsmann nennt ihm per Satellitentelefon sein Ziel: Breskens, Niederlande. Die Hafenstadt liegt gut 80 Kilometer westlich von Antwerpen, Belgien. Hier soll er das Kokain abliefern. Scherer macht sich auf. Sein Segelabenteuer hat von diesem Moment an die Unschuld verloren. Er will es nur noch hinter sich bringen.

Er darf nun wirklich nicht auffallen. Er darf keine Hilfe rufen, selbst wenn sein Schiff zu zerschellen droht. Er ist im Griff der Elemente. Und des Drogenkartells.

Joseph Conrad schrieb einmal: "Die schlimmste Fracht ist der Mensch." Er hatte wohl nie Kokain geladen.

Nur diese eine Tour

Zurück sind die Winde ungünstig. Es geht kaum vorwärts. Da streikt auf einmal die Energieversorgung. Aber er braucht Strom, um mit dem Laptop navigieren zu können.

Er überlegt. 

Er sitzt auf einem Boot voller Kokain. Der nächste Hafen liegt auf den Bermudas. Und mit einem voll beladenen Koksschiff da den Hafen anzulaufen, das kommt ihm lebensmüde vor. Die Kontrollen dort sollen scharf sein, auch auf Druck der USA. Das hat er auf Grenada von anderen Seglern gehört. Doch ihm bleibt nichts anderes übrig.

Der Hafen der Inselhauptstadt St. George’s ist ein Nadelöhr. Überall Korallenriffe. Noch dazu hat sein Schiff drei Meter Tiefgang. Mitte Juni kreist er auf der Suche nach einem Ankerplatz durch den Hafen. Wieder und wieder.

Da winkt ihn ein Zöllner zu sich. Er solle einfach direkt vor dem Zollhaus anlegen. Das tut Scherer. Er denkt sich: Wenn die wüssten, was da vor ihrer Nase liegt.

Und ihm ist so mulmig zumute, dass er sich so lange wie möglich auf der Insel herumtreibt. Sich von Yacht zu Yacht herumreichen lässt, seine Geschichte vom Grünschnabel auf dem Atlantik kommt gut an. Insgeheim hofft er: Wenn ich nicht auf meinem Boot bin, kommt der Zoll vielleicht auch nicht, um es genauer zu kontrollieren. 

Endlich, als die Elektrik repariert ist, macht er sich auf. Windstille in den Rossbreiten. Hallo Freunde, er redet wieder mit Delfinen. Und mit sich selbst.

Er sagt zu sich in den wenigen schwachen Momenten: Du schaffst das nie. Die kriegen dich. Die meiste Zeit aber: Du schaffst das. Hör auf zu grübeln. Just do it.

Sein Kurs führt ihn nach Norden. Mit kaltem Sturm, Regen und Wellengang kommt die Panik. Er funkt die Küstenwache an: Ab welchen Breitengraden muss ich mit Eisbergen rechnen? Erst die Antwort beruhigt ihn ein wenig.

Er denkt an seine Eltern. Nur diese eine Tour, dann würde er mit dem Geld sein Leben in geordnete Bahnen lenken.

Du musst es schaffen

Er geht im Kopf seine Legenden durch. Nie würde er seine wahre Route preisgeben. Wenn die Polizei ihn vor Europa aufspüren würde, wollte er behaupten, er komme von den Kanaren und wolle nach Kiel. Er hat alle Lebensmittelverpackungen, die auf einen Aufenthalt in der Karibik hindeuten, schon auf den Bermudas entsorgt. Und zwei Pässe dabei. Er würde in europäischen Gewässern den Pass ohne Einreisestempel aus der Karibik vorzeigen.

Stündlich befreit er die Ruder vom Müllstrudel des Meeres, den Plastiktüten und Verpackungen. Dann der Ärmelkanal. Endlich Land in Sicht. Und für Scherer neue Sorgen: englisches oder französisches Recht? Die französische Seite ist einfacher zu segeln. Die englische Seite verfolgt jemanden mit 500 Kilo Kokain aber weniger drakonisch, hat er gehört.

Scherer ist am Ende seiner Kräfte. Befiehlt sich: nicht einschlafen. Kein Stopp in einem französischen Hafen!

Die Wellen schlagen höher. Der Bug bohrt sich in die entgegenkommenden Seen. Er denkt: Achterbahnfahren ist gegen diese Höllentour ein Scheißdreck. Er ist so nah am Ziel. Und ist sich noch nie so weit entfernt vorgekommen.

Ich bin am Ende. Ich schaffe es nicht.

Doch, du schaffst es, du musst es schaffen.

Jackpot!

Hinter ihm tuten bald die Containerschiffe, als wollten sie ihn mit Schallwellen aus der Fahrrinne drängen. Der Wind tobt, er fühlt sich wie auf einem Hackbrett, so stark hauen die Wellen gegen die Bordwand. Seine Schuhe hängen wie nasse Lumpen an seinen Füßen. Im Hafen von Breskens tanzen die Fender in der Luft, so stürmisch ist es. Nach drei Wochen Rückfahrt. Er braucht zwei Versuche, um anzulegen.

Das Schiff ist ein Wrack. Den Motor bekommt er erst abgestellt, als er die Benzinzufuhr kappt. Der Hafenmeister sagt: Was bist du für ein krasser Typ, dass du bei so einem Wetter hier anlegst.

Doch Scherer hört kaum hin. Ruft Kramer an, der benachrichtigt den Mittelsmann. Scherer selbst kauft sich erst einmal Schuhe. Isst Pommes frites mit Frikandel und trinkt eine kalte Cola.

Er geht in ein Hotel. Seine Nerven sind angespannt. Werden die Drogenbosse wirklich bezahlen? Und was, wenn nicht? Dann war alles umsonst. Wer ist er denn, dass er sich mit einem Drogenkartell anlegt? Immerhin: Er hat sein Abenteuer überstanden.

Als er mit Kramer am nächsten Morgen zur Yacht geht, erzählt er, finden sie eine schwarze Sporttasche voller Geld.

Hammer. Jackpot.

Mit dem Sündenfall abgeschlossen

Eine Million Euro. Das ist zumindest die Summe, die später vor Gericht verhandelt wird. Scherer kauft eine Corvette für 44.000 Euro. Eine Rolex für 5000. Zu Hause trainiert er an manchen Tagen drei Stunden im Studio. Dort erzählt man sich, Scherer habe geerbt. Er fliegt mit seiner neuen Freundin nach Thailand, New York und Bali.

Doch wohin mit dem schmutzigen Geld? Im Februar 2013 gründet er eine Firma. Scherer Est. 1980 Ltd., Geschäftszweck: Webdesign. Hier zahlt er ein paar Zehntausend Euro ein. Im Frühjahr will er für sich und seine Freundin ein Einfamilienhaus kaufen. Dem Makler bietet er 280.000 Euro.

Er hat abgeschlossen mit seinem Sündenfall. Mit Drogen will er nichts mehr zu tun haben. Er hat sich mit seiner Freundin auf Bali kleine Werkstätten angeguckt, die Silberschmuck und Möbel produzieren. Könnte man damit nicht in Deutschland handeln?

Ich hätte doch aufgemacht

Scherers Vertreibung aus dem Paradies beginnt im Juni 2013 um sechs Uhr morgens. Eine Sondereinheit stürmt seine Wohnung, Beamte zerren Scherer aus dem Bett und fesseln ihn, als hätten sie es mit einem kleinen Pablo Escobar zu tun. Auch seine Freundin wird hart angefasst. Sie zittert, ist kaum fähig zu sprechen. Scherer sagt: Sie hätten doch einfach klingeln können. Ich hätte doch aufgemacht.

Scherer ist aufgeflogen, weil Dennis Kramer zu gierig war. Ein Jahr später, 2012, wollte er genau die gleiche Tour durchziehen. Aber davon wusste Scherer nichts.

Wieder fädelte Kramer den Deal ein. Diesmal segelte der Vater von Scherers bestem Freund, von dem alle glaubten, er mache Urlaub in Australien. Doch der stellte sich ungeschickt an. Schon auf der Hinfahrt entdeckte der Zoll einen präparierten Hohlraum im vorderen Laderaum.

Das hinderte den 59-Jährigen nicht, auf der Isla Margarita die Fracht zu laden. Nachdem er den Hafen verlassen hatte, wunderte er sich noch, dass ein Flugzeug über ihm kreiste. Kurz darauf wurde die "Blue Star" von der Polizei durchsucht. Die fand 437 Päckchen Kokain mit einem Gesamtgewicht von 500 Kilogramm.

Der Fall zieht umfangreiche Untersuchungen nach sich. Fragen werden gestellt. Wer hat dieses Boot bisher gefahren? Wann und wohin? Antworten werden gefunden. Kai Scherer. Ein Jahr zuvor. Auf der gleichen Route.

Im blauen Sack: 384.000 Euro

Ist Kai Scherer Mitglied eines Drogenrings? Die Ermittler mieten die Nachbarwohnung. Verwanzen sein Auto. Hören sein Telefon ab. Durchleuchten seine Finanzen.

Sie durchsuchen nach seiner Festnahme auch das Haus seiner Eltern und werden hinterm Öltank im Heizungskeller fündig. Als sie die Lappen aus einer Tonne nehmen, entdecken sie einen blauen Sack. Darin: 384.000 Euro. Und einen schwarzen Rucksack mit 131.950 Euro, das meiste in 50-Euro-Scheinen. Dazu kommt das Geld in seiner Wohnung und auf Konten. Insgesamt stellen sie 862.290 Euro sicher.

Beim Prozess vor dem Kölner Landgericht starren Richter, Anwälte und Staatsanwälte gebannt auf die Weltkarte, als Kai Scherers Segelroute rekonstruiert wird. Sein ehemaliger Kumpel Dennis Kramer wird im August 2014 zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Kai Scherer bekommt fünf Jahre und bald Freigang.

Noch anderthalb Jahre, dann ist er draußen.

Ich habe gelernt, sagt er. Nachdenken. Dann handeln. Und das Segeln? Vielleicht mache ich noch mal einen Nachmittagstörn,
mehr aber auch wirklich nicht.

(*) Namen der Täter und der Yacht von der Redaktion geändert


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