Wenn Gewalt eine Gesellschaft regiert

23. Februar 2013, 10:27 Uhr

Für viele Südafrikaner war Oscar Pistorius Held und Vorbild, sie begleiten den Mordprozess extrem emotional. Der Fall steht exemplarisch für die allgegenwärtige Gewalt im Land. Von Henry Cloete, Kapstadt

Die meisten Nachrichten in südafrikanischen Zeitungen sind eher niederschmetternd als hoffnungsvoll. Aber was erwartet man in einem Land, dessen Mord- und Vergewaltigungsraten zu den höchsten der Welt gehören? Kriminalität ist ein ständiger Begleiter im Leben eines jeden Südafrikaners - für reiche Farmer ebenso wie für die Bewohner der Elendsviertel. Aufgrund der schieren Masse an Gewalttaten - von denen die Medien viele, jedoch längst nicht alle aufgreifen - lässt sich eine gewisse Abstumpfung in dieser Hinsicht kaum vermeiden.

Nur wenige Fälle können die allgemeine Betäubung noch durchbrechen und die Menschen wirklich bewegen - und erreichen sogar diejenigen, die sich normalerweise nicht für die täglichen Nachrichten interessieren. Es sind solche wie der Prozess gegen Oscar Pistorius.

Pistorius erhitzt die Gemüter

Bislang konnte nicht nachgewiesen werden, ob Oscar Pistorius seine Freundin Reeva Steenkamp absichtlich erschossen hat. Doch die nationale und internationale Presse verbreitet schon jetzt ein düsteres Bild des einstigen Paralympics-Stars. Die Reaktionen unter Südafrikanern - in Kneipen, beim Grillen mit Freunden und im Internet - sind auf einem breiten Spektrum sehr emotional. Sie reichen von Vergebung bis zu der hartnäckigen Forderung nach kalter, harter Justiz. Menschen kommen zusammen, um gemeinsam für Oscar Pistorius zu beten. Währenddessen wird anderswo lautstark gegen seine Freilassung auf Kaution demonstriert.

Warum hat der Fall Oscar Pistorius bei vielen Südafrikanern solche extrem emotionalen Reaktionen hervorgerufen?

Symbol der Hoffnung

Oscar Pistorius war ein Star, weltberühmt. Für viele Südafrikaner war er noch mehr: Er stand symbolisch für sein Heimatland. Gehandicapt, ohne Unterschenkel, erschüttert von einer ungerechten Vergangenheit - trotzdem schienen seine Möglichkeiten grenzenlos zu sein. Sein Siegeszug gipfelte in seiner Teilnahme an den Olympischen Spielen in London 2012, wo er gegen nicht gehandicapte Sportler antrat. Die Geschichte passte zu der allgemeinen Stimmung in Südafrika nach der erfolgreichen Austragung der Fußball-WM 2010. Motto: Alles ist möglich.

Es ist also anzunehmen, dass die heftigen Reaktionen auf den Vorfall nur teilweise Empörung über den sinnlosen Tod einer unschuldigen jungen Frau sind. Darüber hinaus schleicht sich bei uns Südafrikanern das beklemmende Gefühl ein, dass es in dieser Geschichte auch um uns geht. Dass wir es sind, die zu so einer Tat im Stande sind. Wenn Pistorius das Inbild unseres Landes, ja, unserer selbst ist, werden wir dann eines Tages genauso enden wie er? Auf der Anklagebank und nach Erklärungen ringend, während die Welt über uns urteilt?

Wenn Paranoia alles andere überlagert

Noch hat das Gericht nicht über Pistorius' Schuld entschieden. Doch einmal angenommen, er sagt die Wahrheit und hat seine Freundin tatsächlich für einen Einbrecher gehalten - was würde das über unsere Gesellschaft sagen? Greifen wir an einem Ort, an dem Paranoia alles andere überlagert, so verzweifelt nach dem rettenden Strohhalm der Macht, dass Selbstzerstörung und gegenseitige Vernichtung allmählich unausweichlich werden?

Anfang des Monats ereignete sich in Südafrika eine andere Gewalttat, die zwar für weniger Wirbel sorgte als Reeva Steenkamps Tod, aber dennoch einige Tage lang die Nachrichten beherrschte: die Gruppenvergewaltigung und Ermordung der 17-jährigen Anene Booysen aus Bredasdorp. Auch sie hat einige der Täter persönlich gekannt. Im Gegensatz zu Reeva Steenkamp lebte Anene Booysen in armen Verhältnissen. In den Medien kursierte tagelang dasselbe Foto von ihr. Vielleicht ist es das einzige Bild, das je von ihr gemacht worden ist - für ihren Personalausweis. Der soziale Status und die Lebensumstände dieser beiden jungen Frauen hätten unterschiedlicher kaum sein können. Trotzdem haben sie eine Sache gemeinsam: Vor ihrem Tod waren sie von Menschen umgeben, die sie kannten und denen sie vertrauten.

Der Autor

Der Autor Henry Cloete, 28, arbeitet als freier Journalist und Kolumnist für verschiedene südafrikanische Medien. Er lebt in Kapstadt.

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