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28. Oktober 2007, 14:44 Uhr

Mit 15 hat man noch Träume

Noch nie zuvor gab es für Jugendliche so viele Freiheiten und so viele Chancen. Gleichzeitig müssen sie sich immer früher für ihren Lebensweg entscheiden. Wo, bitte, geht's zum Glück? Von Verena Lugert

Aufbrezeln für den Abend: Nele und Lara aus Hamburg© Monika Bender

Da stehen sie, fünf Realschüler auf der Terrasse, und sagen: "Wir sind die Schwarzen von Baienfurt." Sie meinen das ernst. Ein Dörfchen bei Ravensburg, Kevin und seine Kumpel tragen Basecap und Panzerketten, Shirts und Hosen in Übergroß. Sie sind 15 - und HipHopper. Die kleinen Gesichter umschattet von wuchtigen Basecaps, Bübchenschmelz in den Wangen, die Münder trotzig aufgeworfen. Kevin nimmt einen Schluck vom Bananenmilkshake, sein Kehlkopf hüpft auf und ab. Die Kinder sehen sich als Ghettokids - auch wenn hier nicht Los Angeles ist, sondern Oberschwaben. Mit Zwiebeltürmchen und freundlichen Kühen, mit Badeseen und einer Landschaft, die wie eine weiche Umarmung ist. Aber heute ist alles möglich, überall.

Da kommt sie vom Baden, Lucy in Hamburg, sie ist 15, die Sonne spielt mit ihren schwarzen Haaren, in denen noch ein paar Wassertröpfchen glitzern. Sie ist niedlich, Kindchenschema und Kurven, trägt über dem Restbabyspeck ein rotes Nikkishirt mit Kapuze, dazu Jeans und weiße Söckchen. Lucy sagt: "Es gibt verschiedene Arten von Liebe. Die Liebe zu einem Mann, aber auch die zu einer Freundin." Dabei sitzt sie im Gras und rollt Gänseblümchenstängel zwischen den Fingern. Wenn Lucy in zehn Jahren nicht verheiratet ist, will sie ihre beste Freundin heiraten. Eine von ihnen macht dann den Haushalt, die andere den Beruf. Und natürlich darf jede auch einen Freund haben. Lucy, die mal Stewardess werden will, meint das sehr ernst. Früher hätte man gesagt: Teeniespinnerei. Heute sagt man: ein Lebensentwurf, der gar nicht so unrealistisch ist, wenn man 15 Jahre alt ist im Jahr 2007. Wo alles möglich ist. Keine andere Jugend hatte je ein solches Überangebot an Lebensalternativen, eine derartige Menge an Informationen und solche vielfältigen Möglichkeiten. Amerika- oder Frankreichjahr? Halbe-halbe!

Die Ausrichtung auf die Lebensplanung findet immer früher statt

Die Eltern lassen sich scheiden? Die Hälfte der Woche bei Mama, die andere zu Papa. Hetero? Schwul? Bi geht auch, kein Problem. Reich sein, ohne etwas gelernt zu haben? Dafür gibt es Castings bei Dieter Bohlen. Die Jugend ist ein Märchen: Hänsel und Gretel verlaufen sich im Wald. Dicht und dunkel ist er und hat so viele Wege. Rechts rum, links rum? Oder zurück? Zukunft ist ein fernes Land, die Gegenwart ein Dickicht. Sie tapsen mit Sneakers und Basecap durch das Gestrüpp der Möglichkeiten, beharrlich suchend nach dem rechten Weg. Wo, bitte, geht’s zum Lebensglück? Die Jugend ist anders geworden, dabei sind die Jugendlichen gar nicht so viel anders als früher. "Aber die Ausrichtung auf die Lebensplanung findet immer früher statt", sagt Michael Schulte-Markwort, Professor für Kinder- und Jugendpsychosomatik an der Universität Hamburg. Früher, das bedeutet auch: immer tiefer in der Pubertät.

Auf Kevins Terrasse, wo die Gangsta- Rapper von Baienfurt rumhängen, entwickelt sich ein klassisches Liebesdrama. Keiner hat einen Plan, wohin man gehen könnte. In Kneipen bekommen sie keinen Alkohol. "Mit 15 kann man nichts machen außer strafbar sein", sagt einer. Ebro, die hübsche Freundin von Kevin, erzählt, wie ätzend dieses ganze Ausgehen oft ist: Man sitzt rum auf einem Bänkchen und säuft, na toll. Irgendwann steuern sie die Turnhalle an, dunkel wird es gerade, jemand, der alt genug ist und zufällig vorbeikommt, besorgt bei Penny Erdbeerlimes, einen hochprozentigen Drink aus Erdbeerpüree. Dazu Cola und Rum. Sie prosten sich mit dem bonbonfarbenen Gebräu zu, das dickflüssig in den Plastikbechern schwappt. Regen fällt sanft, und der Alkoholpegel steigt. Ebro und Kevin geraten aneinander. Sie gehen runter zur Wiese, sie gestikulieren, immer heftiger, sie schreien sich an. Irgendwann rennt Kevin einfach los, rennt und rennt, und Aziz packt die Rumflasche, rennt Kevin hinterher, Ebro kommt wieder zur Turnhalle, von Tränen geschüttelt, "es ist aus", sie sagt das ganz tonlos, die beiden anderen Mädchen umarmen sie, streicheln sie, weinen auch, wie ein Dreierstern sind die bebenden Köpfe aneinandergesteckt, es ist aus.

Die Jugendlichen müssen heute viel früher entscheiden

Auch der Erdbeerlimes ist leer und der Abend vorbei, zehn vor elf ist es, um elf muss Ebro zu Hause sein. Schluchzend macht sie sich auf den Heimweg. So anstrengend ist sie, so ermüdend, diese Scheißpubertät. "Die Pubertät ist die Lebensphase, in der Identität und Autonomie entwickelt werden müssen", sagt Schulte-Markwort. Die Sexualität erwacht, der Körper verändert sich, und die Gefühle erst! Aber wie gehe ich damit um? "Diese Schwierigkeiten sind notwendig", sagt Schulte- Markwort, "von ihnen hängt ab, unter welchen Bedingungen ein junger Mensch sich weiterentwickeln kann." Das allein wäre ja schon Herausforderung genug für einen 15-Jährigen, eine 15- Jährige. Aber dann ist da noch die große Freiheit, dieses Alles-ist-erlaubt, die einerseits viele Chancen birgt, andererseits die Qual der Wahl. Denn mit den Möglichkeiten steigen auch die Erwartungen, zum Beispiel der Eltern.

So lebt Marcel, 15: Er geht in Weingarten in Baden-Württemberg auf die Realschule, 10. Klasse. Nach einem Mittagessen mit Schnitzeln, der Oma, den Eltern und den beiden Brüdern marschiert er zur Englisch-Nachhilfe. Der Nachhilfelehrer heißt Jack und kommt aus England. Marcel verehrt ihn: Er war Kampfschwimmer bei der Marine, hat in Shanghai und Malaysia gedient und knallt ihm jetzt die "New York Times" auf den Tisch: "Übersetzen!", donnert er. Jack ist ein riesiger tätowierter Seebär mit grauem Bart, seit Marcel zu ihm geht, hat sich der Junge steil verbessert in Englisch. Nächstes Jahr steht für ihn die mittlere Reife an, zum Entsetzen seiner Eltern will Marcel dann Friseur werden. Die sähen ihn lieber als Industriekaufmann. Die Jugendlichen müssen heute viel früher entscheiden, wohin ihr Leben sie führen soll, sie müssen viel früher begreifen, was notwendig ist im Leben. Da bleibt kaum Raum fürs Ausprobieren, denn der Zeitdruck pocht im Nacken. Wer zu spät kommt, den bestraft der, der schneller war.

Optimale Startbedingungen oder Resignation

Es gibt zwei Extreme, mit diesem Druck umzugehen: Die Jugendlichen versuchen entweder mit allen Mitteln, optimale Startbedingungen zu schaffen, oder sie resignieren zu früh. Bleiben sitzen im Finsterwald und trauen sich nicht. Hier driften die Schichten auseinander: In dem Maße, wie sich Gymnasiasten selbst an die Kandare nehmen und mit der Zeitökonomie eines Managers ihre Ausbildung optimieren, "geht die Leistungsbereitschaft an den Hauptschulen kontinuierlich zurück", sagt Anke Pijahn, 36, Hauptschullehrerin in Bielefeld. Auf die Frage, was sie werden wollen, antworten die Schüler: "Zuhälter." Zynische Einsicht in die eigene Chancenlosigkeit. Gymnasiasten finden sich dagegen oft in einem Förderkarussell aus Tennisstunden, Russischunterricht und Auslandsjahr wieder, das sich immer schneller dreht. Das Auslandsjahr zum Beispiel kommt inzwischen häufig zu früh: "Die Schüler sind oft noch viel zu jung", sagt Professor Schulte- Markwort.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 43/2007

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