Ultraorthodoxe versuchen Israel zu ihren Gunsten zu verändern.Die Autorin Judith Rotem warnt davor - sie weiß, wovon sie spricht. Sie war selber ultraorthodox. Von Manuela Pfohl

Judith Rotem kämpft für Frauenrechte und gegen religiöse Extremisten© Eli Dasa/Ullstein Buchverlage GmbH
Verräterin! Judith Rotem hat sich längst daran gewöhnt, von ultraorthodoxen Männern beschimpft zu werden. Aber dass die Frau, die da plötzlich hinter ihr steht und keift, ebenso feindselig ist, berührt sie doch. Es geht schließlich nur um einen Sitzplatz in einem Bus auf dem Weg von Beit Shemesh nach Bnei Brak. Darum, als Frau sitzen zu dürfen, wo gerade frei ist und nicht dort, wo die Extremisten es gern hätten, nämlich hinten. Auch und gerade jetzt, da die vorderen Sitzreihen rund um Judith Rotem tatsächlich frei bleiben, weil die Charedim in ihren langen schwarzen Kitteln und den breiten Hüten versuchen, möglichst viel Abstand zu ihr zu wahren. Was will diese Frau, die sie beschimpft, sie solle sich schämen, dass sie in das "Reich der Männer" eingedrungen ist? Draußen am Bus der öffentlichen Verkehrsgesellschaft Egged ist es doch deutlich zu lesen: "Jeder Passagier hat das Recht, zu sitzen, wo immer er will."
Manchmal, und besonders in Momenten wie diesem, möchte Judith Rotem verzweifeln. Dass ausgerechnet ein Teil der ultraorthodoxen Frauen sie am schärfsten kritisiert, sei schon seltsam, meint die 68-Jährige. Immerhin haben sie doch am meisten unter den unzähligen Restriktionen des extrem konservativen Patriarchats zu leiden. Es gehe um ihre Rechte, um ihr Leben, um ihre Chancen, hält sie den Frauen entgegen, wenn sie sie angreifen. Darum, dass der Einfluss der religiösen Extremisten das Klima in der israelischen Gesellschaft nicht noch weiter vergiftet. Eine Sisyphusarbeit, wie es Judith Rotem mittlerweile scheint. Denn vor allem die Bedingungen für die Frauen haben sich nicht verbessert in den vergangenen Jahren. Im Gegenteil. Sie haben sich verschlechtert: Getrennte Gehwege für Frauen und Männer, Kopftuchzwang und das Verbot für Frauen in der Öffentlichkeit laut zu singen, gehören ebenso zu den radikalen Forderungen, wie die Verbannung jeglicher öffentlicher Werbung, in der Frauen zu sehen sind.
"Manchmal", sagt Judith Rotem, "ist mir, als ob eine Zeitmaschine mich zurück zieht zu meinen Wurzeln". In die Welt der Ultraorthodoxen, in der sie mit ihren Schwestern in den 50er Jahren aufwuchs, in der sie mit 18 einen frommen Toraschüler heiratete, dem sie schließlich neun Kinder gebar. Eine Welt, in der sie gehorsam und in Demut als Alleinverdienerin für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen hatte, bis ihr nach 20 Jahren Ehe der Kragen platzte und sie die Scheidung einreichte, um mit ihren Kindern ein neues Leben zu beginnen. Draußen, wo die Macht der Tradition ihr nicht mehr die Luft zum Atmen nahm. Und nun?
In weitgehend isolierten Vierteln wie dem Jerusalemer Stadtteil Me'a She'arim oder in mehrheitlich von strengreligiösen Chassidim bewohnten Städten wie Bnei Brak gilt nach wie vor das Gesetz einer Tradition, die sich buchstabengetreu an der Tora orientiert und sich jedem noch so kleinen Fortschritt verweigert. "Bitte nehmen Sie Rücksicht auf unsere religiösen Gefühle", mahnen die Schilder an der Hauptstraße von Me'a She'arim und listen zugleich auf, was von jedem einzuhalten ist, der das streng abgeschirmte Viertel der Ultraorthodoxen in Jerusalem betritt: Frauen bewegen sich nur in den dafür vorgesehenen Bereichen, sie tragen lange Röcke und Blusen mit langen Ärmeln, sie unterlassen es, laut zu sprechen, oder gar zu lachen - und natürlich ist es strengstens verboten, einen fremden Mann auf der Straße anzusprechen.
Zeichen des Respekts und ein Schutz vor Belästigungen sei das, behaupten die Ultraorthodoxen. Judith Rotem widerspricht. "Es ist lediglich der Versuch der Männer, ihre Macht über die Frauen zu sichern." Dass sich die religiösen Eiferer so vehement der Moderne widersetzen, sei der Angst geschuldet, etwas von der für sie sehr bequemen Rollenverteilung zu verlieren, wenn Frauen sich ihrer Stärke bewusst würden. "Vielleicht ist es ja eine Art vorbeugende Kriegslist, die Frauen an der kurzen Leine zu halten", meint die 19-fache Großmutter augenzwinkernd.
Auch sie selber wuchs in dem Bewusstsein auf, dass Bescheidenheit und Folgsamkeit Gottes Wille seien und dass es eine Ehre ist, als verheiratete Frau arbeiten zu gehen, um dem Ehemann den Rücken für sein Studium der heiligen Schriften freizuhalten.