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9. Juli 2010, 10:29 Uhr

Ein deutscher Held in London

Familienvater Schönrock ist in Großbritannien zum Helden erklärt worden - weil er seine beiden Kinder zur Grundschule radeln lässt. stern.de-Kolumnistin Cornelia Fuchs über die außergewöhnliche Verehrung gesunden Menschenverstandes in London. Von Cornelia Fuchs, London

 
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Sollte ein kleines Kind allein auf dem Fahrrad unterwegs sein dürfen? In Großbritannien ist diese Frage zum Politikum geworden© Marcus Brandt/DPA

Die Kinder von Oliver und Gillian Schönrock haben es nicht weit bis zu ihrer Grundschule. Die 1,6 Kilometer lange Strecke zieht sich entlang grüner Wohnstraßen, es gibt eine Kreuzung, die zu Schulzeiten von Schülerlotsen bewacht wird. Die Schönrocks lassen ihre Tochter, acht Jahre, und ihren Sohn, fünf Jahre, jeden Morgen zur Schule radeln. Und wurden deswegen zu einem ernsten Gespräch beim Schuldirektor vorgeladen.

"Was ist, wenn der Fünfjährige plötzlich einen Tobsuchtsanfall bekommt?", fragte der Schulleiter. Er sei vom Gesetz angehalten, jegliche Gefahr von seinen Schülern fernzuhalten. Die Kinder seien von ihren Eltern zu begleiten, sonst müsse man das Jugendamt einschalten. So harsch dieser Vorgang klingt - im größten Überwachungsstaat Europas wäre dies allein wohl noch keine Meldung wert gewesen.

Denn Eltern stehen in Großbritannien unter Dauerbeobachtung: Mütter, die Freunde ihrer Kinder zum Fußball fahren, Autoren, die in Schulen Vorlesungen halten - jeder, der irgendwie mit Kindern zu tun hat, muss laut Gesetz beweisen, dass er keine Vorstrafen für Kindesmissbrauchs hat. Elf Millionen Erwachsene werden Ende des Jahres in einer Datenbank erfasst sein. Vor allem Unternehmen sind inzwischen so ängstlich, dass sie im voreilenden Gehorsam vor allem Männern ganz den Kontakt mit Kindern untersagen: Erst gerade wurde ein werdender Vater vom Platz neben seiner schwangeren Frau vertrieben. Er hätte dort neben einem 12-jährigen, ihm fremden Jungen gesessen. Trotz Protesten seiner Frau musste er in einen anderen Teil des Flugzeuges umziehen.

Sicherheitsparanoia in Großbritannien

In Großbritannien lauert überall die Angst vor einer undefinierten Gefahr, die Kindern angeblich überall auflauert. Und mitten in dieses Gefühl platzten nun die Schönrocks. Oliver Schönrock erzählt, dass er mit sechs Jahren allein zur Schule lief und zum Schwimmverein radelte: "Wir wollen unseren Kindern die einfachen Freiheiten unserer Kindheit bieten." Seine Frau sagt, Tochter und Sohn seien Schritt für Schritt an größere Verantwortung und Risiken herangeführt worden: "Uns wird gesagt, unsere Kinder seien für ihr jeweiliges Alter ausgeglichene, reife und unabhängige Persönlichkeiten." Das Lernen über und Umgehen mit Risiken sei für Kinder jedoch wichtig.

Die BBC-Nachrichten berichteten über den Fall, schritten die von Bäumen gesäumten Wohnstraßen ab, auf denen die Schönrock-Geschwister radelten, das ganze Land diskutierte, ob die Eltern verrückt oder zu bewundern seien. Zum Helden wurde Oliver Schönrock vom Londoner Bürgermeister Boris Johnson gekürt, selber eifriger Radler und ein Kämpfer gegen "Health-and-Safety"-Gesetze, das Synonym für die Sicherheitsparanoia des britischen Staates.

"Hail the heroic parents - die heroischen Eltern seien gegrüßt", schrieb Boris in der Überschrift seiner wöchentlichen Kolumne und erzählte, er habe vor Freude am liebsten auf seinen Büro-Stuhl klettern und jubeln wollen, als er deren Geschichte las: "Dass es in diesem Zeitalter der betütelten, infantilisierten Airbag-Überregulierung draußen in der Savanne des modernen Großbritanniens noch Freiheitskämpfer gibt, die sich wehren gegen die Übergriffe des Staates!" Wo der beliebteste Konservative Boris kommentiert, lässt der neue konservative Premierminister David Cameron nicht lange auf sich warten: Sein Sprecher teilte mit, Eltern hätten das Recht auf Eigenverantwortung.

Die Schönrocks nehmen die Diskussion gelassen

Nicht alle unterstützen allerdings die Schönrocks. Mütter argumentierten in Zeitungskolumnen vehement, ein Fünfjähriger könne niemals alt genug sein, allein zur Schule zu radeln. Andere sagten, sie wollten zwar auch, dass Kinder freier und selbstständiger aufwüchsen - aber die eigenen Kinder werden sie weiterhin zur Schule fahren, komme, was wolle.

Oliver Schönrock nimmt die Kritik gelassen. Sie seien "ziemlich zufrieden" mit der offenen Diskussion im Land: "Offensichtlich teilt ein Großteil der Eltern unsere Ansichten." Auf der Webseite der Familie hat er noch einmal klargestellt, dass seine Herangehensweise keinesfalls für alle Kinder geeignet sei - nur Eltern könnten und sollten über die Erziehung ihrer Kinder entscheiden. Dass die Schule nach dem Aufschrei, der durchs Land geht, wie angedroht weitere Schritte einleiten wird, glaubt er nicht: "Das ist noch nicht klar. Aber ich bezweifle, dass wir etwas ändern müssen."

Von Cornelia Fuchs, London
 
 
Very British

Die wöchentliche Kolumne von Cornelia Fuchs

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