Ein Eis-kaltes Vergnügen

16. Dezember 2003, 16:21 Uhr

Draußen herrscht Frost - 20 Grad minus. Vor der finnischen Hafenstadt Kemi, ist die Ostsee schon dick eingefroren. Zeit für eine Tour mit dem Eisbrecher "Sampo" und weiterre coole Abenteuer.

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Bad im Pool am Pol. Sechs Stunden schützen die aufgeblasenen Neoprenanzüge vor der Kälte, aber so lange hält es keiner der Sampo-Passagiere zwischen den Schollen aus©

Tarjo sagt, wenn es ihr zu warm wird, legt sie sich in den Schnee. Dann schaut sie dem Nordlicht zu, wie es Bögen spannt in Gelb und Grün, wie es irre Farben wirft, Schleier, Spiralen, Bänder. Über Jahrtausende haben die Menschen gerätselt, wer da wohl zaubert. Wirbelt ein Feuerfuchs den Schnee mit seinem Schwanz auf? Spielen die Verstorbenen Ball mit Walrossschädeln? Haben Zwerge im Himmel ein Feuer entfacht? Es gibt viele Legenden, Tarjo kennt sie alle. Sie ist Reiseleiterin bei Lapponia Safaris und verkauft ihren Gästen den finnischen Winter. Am liebsten, sagt Tarjo, mag sie Temperaturen um die 40 Grad minus. Da hört man den Puls pochen und das Blut fließen und über Kilometer das Knarzen der Äste. Und morgens kann sie am Knirschen des Schnees erkennen, wie kalt es ist. Jetzt sind es 20 Grad minus im nordfinnischen Kemi. Eine kleine Arbeiterstadt kurz vor dem Polarkreis, zwischen Oulo, wo Nokia sitzt, und Rovaniemi, wo der Weihnachtsmann wohnt. In Kemi mündet der Kemijoki, Finnlands längster Fluss, in den Bottnischen Meerbusen. Die Ostsee gefriert hier ab Anfang November, vier Wochen später ist das Eis schon 30 Zentimeter dick. Kalte Platte, so weit das Auge reicht. Lange Zeit war damit kein Geld zu verdienen, bis jemand auf den Gedanken kam, einen ausgemusterten Eisbrecher für Touristen umzubauen. Eine Schnapsidee, an die zunächst niemand so recht glauben wollte. Nun aber kommen die Gäste, vor allem aus heißen Ländern, aus Dubai, Spanien, Italien: ein paar Tage frieren und schnell zurück nach Hause.

Knarzend bricht die "Sampo" sich Bahn, rührt das Eis, poltert, kracht. Manchmal muss sie mehrmals Anlauf nehmen: Bei 20 Grad minus wächst die Eisdecke täglich um vier Zentimeter. Ein koreanisches Fernsehteam ist mit an Bord. Aufgeregt erklärt die junge Moderatorin auf dem Vorderdeck, dass man besser seinen Drink festhält, wenn sich das Schiff durchs Packeis wälzt. Im Captain‘s Saloon hält der Erste Offizier seinen Drink fest und erläutert, dass am Bug der "Sampo" Luftblasen ins Wasser eingeleitet werden. Dadurch reduziert sich die Reibung zwischen Eis und Metall, eine Art Gleitfläche wird geschaffen, damit sich die geknackten Schollen schnell vom Metall lösen. Normalerweise rollt der Dampfer kräftig, wenn das meterdicke Eis unter dem gewaltigen Druck des Schiffes einbricht. Uns bleibt das erspart.Nach einer heißen Lachssuppe bittet der Kapitän in die Badewanne. Neben dem Hinterdeck hat er einen Swimmingpool ins Eis hacken lassen. Alles hört auf Tarjos Kommando, steigt in leuchtend rote Overalls und zieht den Reißverschluss bis zur Nase hoch. Eisbaden ist Volkssport in Finnland, aber nur mit Badehose wagt hier niemand den Sprung ins kalte Wasser. Wie Teletubbies taumeln wir die Treppe hinunter und werden sanft ins tiefschwarze Nass geschubst. Kurz darauf plantschen und juchzen 16 erwachsene Menschen wie übermütige Teenies on the rocks. Ein Japaner schreit um Hilfe, weil er in seinem Anzug ein Loch entdeckt hat. Wenn‘s richtig kalt ist, friert der Pool in Minuten zu. Sechs Stunden sichern die aufgeblasenen Neoprenanzüge das Überleben in Eiswasser, hier sichern sie 16 Finnen den Arbeitsplatz.

Die weiße Pracht im Schneeschloss von Kemi: Selbst Tische, Stühle und tassen des Restaurants sind aus Eis©

Vier Stunden dauert der Ausflug auf dem Eisbrecher. Schon die Anreise ist abenteuerlich. Wer will, brettert mit einem Motorschlitten übers Meer. Er schafft bis zu 120 km/h, eine Heizung am Lenker wärmt die Hände. Der Diesel stinkt zum Himmel, doch wer weiterkommen will im Winter, riecht drüber hinweg. Motor-Safaris in die weite Stille leerer Landschaften sind der Renner im Kältegeschäft. Meist geht es zu Rentierfarmen, wo verkleidete Lappen in Fellschuhen vor dem Feuer sitzen und nach ein paar lustigen Worten über Sitten und Gebräuche geduldige Tiere vor den Karren spannen.Mit Rudolf, dem Rentier, geht es durch vom Raureif verzauberte Wälder. Wenn dann noch die Mittagssonne die Birken in samtweich rosarötlich taucht, will man seinen Augen nicht trauen vor Kitsch. Auf den verstehen sich die Finnen, die nicht nur Rentier-Führerscheine verteilen, sondern dir auch böses Blut wegzaubern und von einer Wiedergeburt als Rentier sprechen. Um sich all das vorzustellen, hilft Glögli, die finnische Variante deutschen Glühweins, nur mit viel Wodka drin und Johannisbeersaft. Und dann erzählen die Finnen, dass ganz in der Nähe der Weihnachtsmann wohnt, den könnte man doch mal besuchen, mit dem Motorschlitten. Hundert Kilometer nördlich sitzt der Weihnachtsmann in einer Höhle und lässt seinen Bart wachsen. Sommers wie winters beantwortet er Briefe. Millionen jedes Jahr. Wer mag, darf sich auf seinen Schoß setzen und mit ihm plaudern. Er sei 500 Jahre alt, sagt der Weihnachtsmann in zehn Sprachen, sogar Kisuaheli kann er. Und Mama und Papa können sich zur Erinnerung für 18 Euro ein Foto kaufen, im Großformat macht das 38 Euro.

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