Türkisches Welterbe in Tuff

25. November 2009, 21:06 Uhr

Eine der größten Attraktionen der Türkei liegt genau in der Mitte des Landes. Seit die Unesco 1985 den Göreme Nationalpark zum Natur- und Kulturerbe der Welt erklärt hat, zählt Kappadokien zu den faszinierendsten Reisezielen des Landes. Von Ludwig Moos

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Kappadokien, Göreme, Türkei, Unesco Weltkulturerbe

Im Heißluftballon über der Welterbe-Landschaft©

Der Stein ist zauberisch. Was der Vulkan Erciyes, der sich im Süden der Provinzhauptstadt Kayseri auf imposante 4000 Meter erhebt, mit seinen kleineren Kollegen vor rund 60 Millionen Jahren über das Land spuckte, hat sich durch Wind, Wasser und Menschenhand wundersam verwandelt. Felsbänder aus dem sandfarbenen Tuffgestein, dessen Tönung im Lauf des Tages von Hellgelb bis Rosa changiert, mäandern Täler entlang. Über kleinen Städten türmen sich mächtige Kegel. Dazwischen reihen sich angespitzte oder mit Steinkissen gekrönte Säulen, die in der gängigen Reiselyrik Feenkamine heißen.

Über vier Jahrtausende, in denen die Hochkulturen der Hettiter und Perser, der Griechen und Römer, der Seldschuken und Osmanen einander ablösten, gruben die Menschen Fluchtburgen und Kirchen, Lagerräume und Wohnhöhlen in den weichen Stein oder formten daraus ihre Bauten. Im Göreme-Nationalpark, dem Kerngebiet Kappadokiens, finden sich all die Naturwunder und Kulturerbstücke zuhauf und nah beieinander. Man kann sie erwandern, mit dem Bike durchmessen, auf dem Rücken von Pferd oder Kamel durchstreifen oder im Heißluftballon darüber schweben.

Luftfahrt durch ein Naturschauspiel

Wenn das Wetter es erlaubt, färbt sich das Feld am Rande des Ortes Göreme in aller Frühe bunt. Kaum zeigt sich die Sonne hinter der zackigen Silhouette der Felslandschaft, neben dem blassen Schemen des 60 Kilometer entfernten, bis weit in den Sommer schneebedeckten Erciyes-Gipfels, sind zwei Dutzend Teams mit den farbigen Hüllen ihrer Ballons beschäftigt. Ausbreiten, mit lautem Getöse Luft hinein blasen, lange Flammen aus dem Gasbrenner hinterher schießen, bis sich über dem Korb ein makelloses Rund 30 Meter hoch wölbt.

Kaum merklich hebt das Luftgefährt ab, laviert nahe am Boden durch die angespitzten Felsen hindurch oder übersteigt sie ganz knapp, und hat unversehens die Höhe für den Panoramablick erreicht. Nur das Fauchen des Brenners unterbricht mitunter die Stille. Was rund 20 Jahre zuvor der Leidenschaft einiger westeuropäischer Ballonfahrer entsprang, die spektakuläre Landschaft Kappadokiens von oben zu erkunden, ist inzwischen ein touristisches Angebot der Extraklasse. Nicht billig, aber jeden Lira wert.

Leben im Felsen

Sie nennen es "unterirdische Stadt". Doch das verwirrende System enger Abstiege, Verbindungsröhren und Kammern, von dem in Kaimakli, 20 Kilometer südlich von Nevşehir, vier Ebenen wieder freigelegt sind, war wohl immer nur ein Zufluchtsort in Kriegszeiten. Im nahen Derinkuyu kann man sogar acht Etagen bis zu 40 Metern tief hinabklettern. Über Jahrtausende gewachsen ist das wahre Ausmaß der Labyrinthe auch 40 Jahre nach ihrer Wiederentdeckung noch immer nicht abzusehen, und hundert weitere kleinere Höhlenfluchten warten auf ihre Erforschung.

Der Tuff ist leicht zu bearbeiten. Und er puffert die Temperaturen der anatolischen Hochebene auf 1000 Metern mit ihren heißen Sommern und schneeigen Wintern. Die meisten Ortschaften gruppieren sich um Felsbänder, die von Kammern durchlöchert und mit Vorbauten bewachsen sind. Manche wie Ürgüp, Uçhisar oder Ortahisar haben einen mächtigen Kegel in der Mitte, mit vielen Stockwerken einstiger Bebauung. Das Freilichtmuseum im Zelvetal bewahrt die Anschauung vom Wohnen im Fels, dem Einsturzgefahr und der Wunsch nach modernem Komfort vor einigen Jahrzehnten ein Ende gesetzt haben. Nur für Besucher gibt es noch Ausnahmen. Das Gastgewerbe hat mancherorts alte Grotten zu neuen Wohnerlebnissen hergerichtet. In Ürgüp, mit 10.000 Einwohnern das Zentrum touristischer Dienstleistungen, will das Clubunternehmen Magic Life viele Millionen in den Berg investieren, um terrassierte Edelresorts zu schaffen.

Wer durch die Landschaft wandert, etwa durch das Rote Tal nach Çavusin, kommt immer wieder an Höhlen vorbei, in denen die Ernte sommers wie winters bei zehn Grad lagern kann. Oder an den eckigen Löchern weiter oben im Fels, durch die Tauben eigens für sie geschaffene Heimstätten erreichen und dafür mit ihrem Mist den Bauern einen vorzüglichen Dung liefern. Soweit sie Wasser hat, ist die Gegend fruchtbar. Kichererbsen und Zuckerrüben wachsen, die Aprikosen sind berühmt, Weintrauben sorgen für allerlei Naschwerk und sogar wieder für einen ehrlichen Tropfen.

Weitere Infos Turkish Airlines fliegt von Istanbul in gut einer Stunde nach Kayseri oder Nevşehir. Auch von der Südküste bieten Veranstalter mehrtägige Ausflüge nach Kappadokien an. Wer etwas tiefer in die Kultur und den Alltag eintauchen möchte, ist bei der Gebeco gut aufgehoben. Sie hält verschiedene Erlebnisreisen durch Kappadokien bereit, darunter auch eine kontraststarke Kombination mit Istanbul.
Für Fahrten im Heißluftballon gibt es einige Veranstalter, die sich im Preis kaum unterscheiden. Für eine rund einstündige Fahrt im Zehnerkorb zahlt man um die 150 Euro. Bewährt hat sich Göreme Balloons.
Neben den üblichen Kastenhotels gibt es kleinere Unterkünfte, die sich überkommener Bauformen bedienen. In Mustafapaşa sind dafür zwei Anwesen griechischer Handelsherren aus der Mitte des 19. Jahrhunderts neu belebt worden. Das Gül Konaklari mit seinem Rosengarten hat 19 Zimmer im traditionellen Stil, mit plastischem Zierrat in Tuff, hohen Gewölbedecken oder ganz in den Fels gemeißelt.
Freunde klassischer Teppiche erfahren bei Hadosan in Ürgüp viel über die Jahrtausende alte Knüpfkunst und können die edlen Stücke zur Hälfte der handelsüblichen Preise erwerben.

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