Ratgeber Indien

Nackte Grazien und Götter

Weltberühmt, aber keiner geht hin! Aurangabad, die kleine Provinzstadt in Maharashtra, überrascht mit den erotischen Höhlenmalereien von Ajanta und Ellora - die vielleicht bizarrsten Tempelanlagen der Welt. Von Swantje Strieder

Ajanta-Höhlen, Indien, Reise, Hinduismus, Götter, Religion, Buddha, buddhistisch

Relief mit herausgearbeiteten Skulpturen am buddhistischen Höhlentempel Nummer 19 im Tal von Ajanta©

Der Tiger hatte sich ein exquisites Versteck ausgesucht. Als Major John Smith im Jahr 1819 die Raubkatze in den Wäldern um Aurangabad verfolgte, sah der Brite, wie sich das Tier in eine Felsöffnung zurückzog. Das Tigerversteck entpuppte sich als ein kunstvoll in den Stein gemeißelter Felsendom, heute Höhle Nr.10, eine von dreißig weiteren Kavernen. Als der Major im Fackellicht die farbenfrohen sinnlichen Wandgemälde aus Buddhas Leben schimmern sah, dämmerte ihm, dass er sich nicht als Meisterschütze, wohl aber als Entdecker von über tausend Jahre verschollenen Meisterwerken verdient gemacht hatte.

Die buddhistischen Höhlenmalereien von Ajanta (200 v. Chr. bis 600 n. Chr.) und die in den Fels gemeißelten Tempel von Ellora ( 650 bis 950 n. Chr.) gelten heute als der Louvre von Zentralindien, wie der Globetrotter-Reiseführer "Lonely Planet" scherzhaft schreibt. Sie liegen sie nur eine knappe Flugstunde nördlich von Mumbai in Maharashtra. Doch die großen Touristenrouten führen meist nur zu prallen erotischen Tempeln von Khajurao im Norden - und lassen die schönsten Höhlenmalereien der antiken Welt links liegen.

Sinnliche Liebesszenen und gewitzte Affen

Dabei ist Ajanta, von buddhistischen Mönchen mitten in der Wildnis geschaffen, auch landschaftlich reizvoll. Nach der Regenzeit braust der kleine Fluss Waghora durch sieben Wasserfälle, bevor er sich in einen hufeisenförmigen Canyon ergießt, wo die Kavernen wie eine Kolonie scher erreichbarer Schwalbennester liegen. Auch heute ist es bei 38 Grad Hitze ein mühsamer Anstieg zu den Höhlen. Fast beneide ich andere Touristen, die sich bereits an der untersten von etwa 200 Stufen in einen Großvater-Lehnstuhl fallen lassen, der von vier jungen Männern mit schweißglänzendem Rücken getragen wird. Für ein ordentliches Bakschisch, versteht sich.

Vor Höhle Nr. 1 erwartet uns Mr. Patil, unser Guide. Ein gebildeter älterer Herr, der mit seiner Glatze und Rundbrille ein bisschen wie Mahatma Gandhi aussieht. Statt des berühmten Steckens hält er eine Stablampe in der Hand. In den nächsten zweieinhalb Stunden verlangt unser Herr Lehrer absolute Konzentration. Aber ohne Mr. Patil und den präzisen Lichtkegel seiner Taschenlampe hätten wir die schönsten Details in den schummerigen Höhlen glatt verpasst: Wir hätten die zarte Lotusblüte in der Hand des eleganten halbnackten Buddhas ebenso wenig beachtet wie die sinnliche Schwarze Prinzessin mit dem schimmernden Perlenkollier auf der blanken Brust. Die anrührenden Liebesszenen des Königspaares im Schlafgemach wie den schmerzlichen Gesichtsausdruck der Sterbenden Prinzessin, die nicht ertragen kann, dass ihr Gemahl Nanda sie für immer verlässt, um Lord Buddha in die Askese zu folgen. Oder die männermordenden Hexen im knappen Wickelrock, die erst die Herren der Schöpfung verführen, um dann urplötzlich den Dolch unterm Röckchen zu zücken und ihre Liebhaber zu tranchieren. Wie Gottesanbeterinnen, diese schlimmen Insekten, die ihren Männchen Kopf und Glieder abbeißen, sagt Mr. Patil und kichert über soviel weibliche Infamie.

Es gibt aber auch lustige Tierszenen wie den frechen Affen, der dem Rind die Augen zuhält, die grazilen Gazellen oder den Stier, dessen Auge, ein optischer Trick der Malerei, dem Besucher durch die ganze Höhle zu folgen scheint. Mein Lieblingstier, ein stoisch heiterer kleiner Elefant, ist das Maskottchen aller Inder und als Logo der indischen Tourismusbehörde international bekannt.

Erotik und Relgion in Stein

Niemand weiß, weshalb die Mönche Ajanta im 6. Jahrhundert verließen. Aber zum Glück zogen sie nur hundert Kilometer weiter nach Ellora, um genau das zu tun, was sie in Ajanta zur Vollendung geschaffen hatten: Nackte Grazien und Götter aus dem Fels zu meißeln in heiterer Vermählung von Erotik und Religion. Im Gegensatz zum rein buddhistischen Ajanta ist Ellora ein Multikulti-Mix von gleich drei großen indischen Religionen: Nicht nur Buddhisten, auch Hindus und Jains - eine vegan ausgerichtete Spielart des Hinduismus, die Respekt vor allen Lebewesen bis zum Bakterium fordert - verewigten sich in 34 Höhlen, ein Zeichen für die große religiöse Toleranz auf dem Subkontinent.

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