Ausverkauf des Aussteigeridylls

Das indische Goa war einst Reiseziel von Aussteigern und Hippies auf der Suche nach Erleuchtung. Mittlerweile landen Chartermaschinen, Ayurveda gibt es all-inclusive und für die reiche Klientel wurden Luxushotels gebaut. Doch es gibt noch Geheimtipps. Von Swantje Strieder

Goa, Indien, Hippies, Strand Indien

Touristen und Kühe am Anjuna Beach©

Das Paradies - gab es das mal in Goa? Davon ist Sebastian, der einst ein Hippie war, fest überzeugt. Mitte der Siebziger reiste er zum ersten Mal in die Hasch- und Hippie-Kommune. Heute trägt der Frankfurter Konzertmanager kurz getrimmtes Grauhaar statt langer Mähne. Er übernachtet nicht mehr in Fischerhütten ohne fließendes Wasser, sondern eher in schmucken Boutique-Hotels.

Goa war 450 Jahre eine portugiesische Kolonie, bevor es 1961 von Indien annektiert wurde. Noch heute ist Goa stolz auf beide Kulturen, auf leuchtend weiße Barockkirchen, mächtige Forts und verfallene Fazendas und bunte indische Tempel. Bald wurde der vergessene Küstenstreifen am Indischen Ozean das Sehnsuchtsziel einer Generation. Die Hippies wollten nur das Eine: aussteigen, bekifft und glücklich in den Tag leben. Die Goaner aber lernten bald das Gegenteil - die westliche Masche, schnelles Geld zu machen. Aus Fischerhütten wurden Betonburgen. Irgendwann landeten die ersten Chartermaschinen und der All-inclusive-Tourismus eroberte die kilometerlangen weißen Strände.

Klimaanlage ersetzt wallende Gewänder

Heute reisen nicht nur Ausländer, auch immer mehr Inder aus den Metropolen Mumbai, Dehli oder dem Pandschab nach Goa. Im klimatisierten Bus wird der Gast ins Vier-Sterne-Hotel transportiert, wo die Speisekarten auf Spanisch, Deutsch und Russisch gedruckt sind. Damals, 1976, kam Sebastian in wallenden Gewändern mit dem Klapperbus ins Fischerdorf Calangute - nach dreifachem Übersetzen mit der Fähre über Goas große grüne Dschungelflüsse. Hotelbuchung? Wozu? Als Eingeweihter setzte er sich zuerst in "Alex Tea Shop", das einzige Café im Ort, wo die tropischen Früchte liebevoll aufgestapelt wie auf dem Münchner Viktualienmarkt lagen.

Alex war der erste im Dorf, der eine westliche Kostbarkeit wie einen elektrischen Rührstab besaß und damit frische Mango-Lassi oder Ananas-Papaya-Säfte für die langhaarigen Neuankömmlinge mixte. "Spiegeleier, Kaffee und Toast unterm kunstvoll geflochtenem Palmdach, das war Luxus pur", schwärmt Sebastian. Und die Shilum, die Haschischpfeife, die unter dunkelhäutigen jungen Goanern und hellhäutigen Fremden friedlich kreiste. Ein Quartier fand sich von selbst: Ein Junge brachte Sebastian zur Fischerswitwe Chilsu, die dem Deutschen gerne eine leere Kammer mit Bastmatte und vier Geckos an der Wand vermietete. Die Idylle mit Donnerbalken und grunzenden Hängebauchschweinen im Garten kostete 45 Cent pro Tag.

Frittengeruch statt Ingwermixtur

Goa ist vielerorts den gnadenlos effizienten Weg des modernen Tourismus gegangen. Die Hippies von damals sind fort. Nur noch in Anjuna, wo mittwochs der berühmte Flohmarkt stattfindet, haben sich ein paar eisgraue Veteranen gehalten. Der verlockende Duft der vielen indischen Gewürze von Kardamon, Chili- und Pfefferschoten, Kümmel über Ingwer, Vanille und Zimt ist verflogen und hat Frittengeruch Platz gemacht. Leere Spritzen, Plastik und Kondome sind als Strandgut geblieben. Calangute ist zum indischen Ballermann mutiert.

Tea-Shop-Besitzer Alex besitzt ein zweistöckiges Betonhaus, grüßt müde. Bei ihm sitzen nur noch Trinker und Drogenabhängige, die harte Sachen wollen, keine Fruchtsäfte. Die Fischer haben ihre Boote an Land gezogen, wo sie als Relikte einer alten Zeit in der Sonne rotten und ihre Hütten an Landentwickler verkauft. Sie vermieten Strandliegen an knapp bekleidete Touristinnen. Kulturschock auf beiden Seiten. Abends aber treffen sich Ost und West wieder, bei Apfelkuchen, Pizza und selbst gebackenem Brot in einer der "German Bakeries", dem besten Hippie-Nachlass unter Palmen in Anjuna und Arambol. Mit Bob Marleys sinnlich nölender Stimme oder Bob Dylans Gitarrenläufen kehrt ein Stück von Goas Magie zurück.

Von der Palmenhütte bis zum Hotelpalast

Die indische Goldküste von der Größe Schleswig-Holsteins hat sich auf die unterschiedlichsten Urlauber eingestellt. Für die Reichen und Schönen aus Bollywood und Mumbai hat das Leela Palace in Cavelossim eröffnet, ein architektonisches Kleinod mit rosafarbenen Villen an exotischen Lagunen und hauseigener Orchideenzucht. Betuchte Europäer mieten sich im Taj Mahal Hotel ein. Pauschaltouristen bevorzugen die Remmi-Demmi-Orte Calangute, Baga und Benaulim, wo sie ein Strandprogramm mit Jet skiing, Paragliding oder Delphin Cruises erwartet. Die internationalen Backpacker haben in den letzten Jahren Fischerorte wie Palolem im Süden oder Arambol im Norden erobert. Aus den geheimen Geheimtipps wurden Allerweltsziele.

In Palolem sind die Häuser zwar noch niedriger als die Palmen, dafür stehen die coolen Beach Clubs und Lounges so dicht an dicht, dass die Musikliebhaber inzwischen Kopfhörer tragen, sonst würden sich die eigenen Songs zur unentwirrbaren Kakophonie mit denen des Nachbarn mischen. Den immer noch feinsandigen Palmenstrand beherrschen aufdringliche Schmuck-Händler aus Kaschmir, Yoga-Lehrer, die attraktive Nordlichter für ganz private Übungen suchen und zarte Ayurveda-Masseusen, die ihre Hände tapfer in westlichen Bauchspeck krallen. Wer stillere Ufer sucht, den zieht es in die Nachbarbuchten von Agonda oder Patnem, die noch jenem tropischen Idyll unter Palmen gleichen, das die Hippies vor 40 Jahren erfanden. Noch werden die Adressen der kleinen Gästehäuser hinter vorgehaltener Hand getauscht - noch.

Urlaubsziel Goa
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