2. September 2008, 15:27 Uhr

Nachtarbeit im Bett

Geheimnis Schlaf

Ein Drittel unseres Lebens verschlafen wir einfach. Warum das so ist, wissen Forscher bis heute nicht. Sicher ist nur: Schlaf hält das Gedächtnis fit, repariert den Körper und erhält die Potenz. Der Schlummer macht uns glücklich, gesund und schlau.

Ohne Schlaf kein Gedächtnis

Lernen im Schlaf - kein Traum

Schlaf ist nicht gleich Schlaf: Wie von einem unsichtbaren Dirigenten geleitet, durchläuft der Mensch nachts verschiedene Schlafstadien. Dabei wechseln sich mehrmals verschiedene Phasen ab: der Tiefschlaf, der leichte Schlaf und der
Traumschlaf
. Wissenschaftler vermuten, das Gehirn bearbeite während des Tiefschlafs und des REM-Schlafs alles, was der Mensch während des Tages erlebt hat. Nur so können sich Erinnerungen für immer im Gedächtnis verankern.

Studien zeigen: Während des REM-Schlafs verbessert sich das so genannte prozedurale Gedächtnis. Dieser Erinnerungsspeicher steuert unbewusste Abläufe und Fähigkeiten wie Fahrrad fahren oder Walzer tanzen. Solche Dinge können wir unbewusst: Wir müssen uns über die Tretbewegungen, die Balance oder die Schrittfolgen keine Gedanken machen, wenn wir die Sache einmal gelernt haben.

Tanzen trainieren im Traumschlaf

Dass wir im Traumschlaf weitertrainieren, konnten Forscher nachweisen: Sie ließen Versuchspersonen auf einer Computertastatur eine Fingerübung lernen. Nach einer Nacht Schlaf beherrschten die Testpersonen die Aufgabe besser als nach einer ähnlich langen Pause am Tag. Je mehr Traumschlafanteile den Testpersonen vergönnt war, um so besser bewältigten sie die Aufgabe.

Was während der Traumphase passiert, können Bilder vom Gehirn zeigen. So kann ein Positronen-Emissions-Tomograph (PET) verbildlichen, welcher Hirnteil besonders aktiv ist. Während des Traumschlafs sind dieselben Nervenzellen aktiv, die auch bei der Lernübung am Tag strapaziert wurden. Offenbar geht das Gehirn das Gelernte im REM-Schlaf noch einmal durch: Das Gelernte festigt sich, Erinnerungen entstehen.

Vokabeln brauchen Tiefschlaf

Tanzen lernen braucht also den Traumschlaf. Fremdsprachen lernen hat jedoch nichts mit dieser Schlafphase zu tun. Dafür brauchen wir den Tiefschlaf. Französische Vokabeln, das Rechnen im Dreisatz oder die Erinnerung an den ersten Kuss lagert das Hirn nicht im unbewussten, prozeduralen Gedächtnis, sondern im so genannten deklarativen Gedächtnis. Diese Inhalte sind uns bewusst. Schließlich erinnern wir uns genau, wann wir den ersten Kuss bekamen - und von wem. Dieser Teil des Gedächtnisses festigt sich besonders im Tiefschlaf.

Versuchspersonen, die zusammenhanglose Wortpaare lernen mussten, beherrschten das Gelernte besser, wenn sie ein paar Stunden Tiefschlaf anhängten. Einige Stunden REM-Schlaf dagegen nützten nichts. Besonders der Tiefschlaf zu Beginn der Nacht ist für bewusste Erinnerungen besonders wichtig.

Ältere Menschen schlafen weniger tief - und vergessen mehr

Noch ist der Zusammenhang zwischen Schlaf und Gedächtnis nicht bis ins letzte Detail geklärt. Die Wissenschaftler rätseln zum Beispiel noch, warum bestimmte Medikamente wie Antidepressiva zwar den REM-Schlaf unterdrücken, aber trotzdem das Gedächtnis nicht verschlechtern.

Sicher ist hingegen, dass Schlaf die Erinnerungen stärkt. Verschiedene Schlafphasen scheinen unterschiedliche Gedächtnis-Inhalte zu festigen: Ältere Menschen haben zum Beispiel weniger Tiefschlaf-Anteile. Gleichzeitig sind sie vergesslicher, wenn es um neue Namen oder neue, bewusst gelernte Fakten geht. Fahrrad fahren hingegen verlernen sie nicht.



Wer pauken muss, sollte lange genug schlafen

Grundsätzlich gilt: Wer lernen will, muss genug schlafen. Sechs Stunden sind absolutes Minimum. Wer mehr schläft, lernt vermutlich auch besser.
Haben Sie tagsüber Klavier geübt, Fahrstunden genommen oder Skifahren trainiert? Dann sollten Sie ausreichend Nachtruhe einplanen: Für das unbewusste Gedächtnis, das solche Bewegungsabläufe speichert, sind die ersten 24 Stunden nach dem Lernen entscheidend. Stellen Sie den Wecker nicht auf eine zu frühe Stunde ein - motorische Fähigkeiten werden vor allem im REM-Schlaf gefestigt - der überwiegt erst in der zweiten Nachthälfte.

Wenn Sie Vokabeln pauken oder die Präsentation für den nächsten Tag vorbereiten wollen, dann versuchen Sie, den Stoff am Vormittag ein erstes Mal durchzugehen und ihn am Abend noch einmal zu wiederholen - allerdings nicht zu spät, sonst schlafen Sie schlecht ein. Verzichten Sie auf Alkohol, denn schon kleine Mengen stören den Tiefschlaf, besonders zu Beginn der Nacht. Aber genau diese Phase stärkt solche Gedächtnisinhalte.

Der Schlummer bringt den Geistesblitz

Mit Duft nachhelfen: Schnuppern Sie beim Lernen an einem Duft, zum Beispiel an Rosenöl oder an Ihrem Lieblingsparfum. Sprühen Sie den gleichen Duft abends ins Kopfkissen - das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich Ihr Gehirn noch einmal mit dem Gelernten beschäftigt.

Eine Nacht drüber schlafen: Wenn Sie mit einem Problem, zum Beispiel einer schwierigen Denkaufgabe, nicht weiterkommen, könnte Schlummer tatsächlich helfen. In einer Studie ließen Lübecker Wissenschaftler Versuchspersonen komplizierte Zahlenreihen berechnen - ohne ihnen zu sagen, das es dafür auch eine ganz einfache Lösung gab. Nach einer durchschlafenen Nacht hatten zwei Drittel der Probanden einen Geistesblitz und kamen auf die einfache Lösung. In der Vergleichsgruppe, die morgens und abends rechnete, fiel der Groschen dagegen nur bei einem Fünftel der Teilnehmer.



Eva-Maria Schnurr

Adobe Flash Player

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind