HOME

Stern Logo Kolumne Kopfwelten

Kopfwelten: Schöpferischer Schlummer

Wer glaubt, dass die Zeit des Schlafes vertan ist, muss umdenken. Während unser Wachbewusstsein abgeschaltet ist, arbeitet es nämlich heftig in unserem Gedächtnis. Sogar Neues wird geschaffen.

Von Frank Ochmann

Der Evolution ist kein Fehler unterlaufen, als sie den Schlaf zur Gewohnheit werden ließ

Der Evolution ist kein Fehler unterlaufen, als sie den Schlaf zur Gewohnheit werden ließ

Wer bei uns als unermüdlicher Leistungsträger gelten will, kann das dadurch eindrucksvoll beweisen, dass er mit möglichst wenig Schlaf auskommt. Gerackert wird am besten fast rund um die Uhr. Dazwischen drei, vier Stunden auf der Matratze. Mehr muss doch nicht sein, oder? Sind in der Politik gewaltige Probleme wie jetzt in der Euro-Krise zu lösen, geht es in Kabinetten und Räten nicht selten die ganze Nacht hindurch. Und am nächsten Morgen werden mit den Verhandlungsergebnissen auch die dunklen Augenränder der Akteure wie Orden vor die Kameras getragen. Natürlich gibt es heikle Situationen, in denen jede Minute zählt. Ansonsten aber würde es der schöpferischen Leistung unserer Entscheider - und natürlich auch unserer eigenen - sehr gut tun, wenn sie regelmäßig und ausgiebig ruhen dürfte.

"Wenn der Schlaf nicht eine absolut lebenswichtige Funktion hat, dann ist er der größte Fehler, der dem Evolutionsprozess je unterlaufen ist". Das stellte Allan Rechtschaffen, einer der Pioniere der Schlafforschung, schon vor über 30 Jahren fest, als noch keineswegs klar war, wozu der tagtägliche Schlummer so recht dient. Heute können wir uns sicher sein, dass der Evolution kein Fehler unterlaufen ist, als sie den Schlaf zur Gewohnheit werden ließ. Und mit den bisherigen Ergebnissen der Forschung ist auch klar geworden, dass wir nicht einfach nur unsere Ressourcen schonen, wenn wir auf der Matratze liegen. Im Gehirn passiert sehr viel in dieser Zeit. Allerdings nimmt unser Bewusstsein darauf keinen Einfluss. Es sind die automatischen Prozesse, die dann voll und ganz das Geschehen im Kopf bestimmen.

Im Schlaf wird vorausgelernt

Im Zentrum steht dabei unser Gedächtnis. Seit etlichen Jahren schon zeichnet sich bei Untersuchungen ab, dass im Schlaf das "konsolidiert" wird, was wir tagsüber in unserem Neuronennetz an Erfahrungen und Erlebnissen gespeichert haben. Vor allem was in unserem Kopf intensive Gefühle ausgelöst hat, wird als bedeutsam eingestuft. Des Nachts werden solche Inhalte dann fest im Langzeitgedächtnis verankert. Das gilt nicht nur für neue Vokabeln, die wir im Unterricht oder - viel besser! - auf Reisen und unter Menschen aufgeschnappt haben. Im Schlaf werden auch Bewegungsabläufe präziser, die wir zuvor im Wachzustand vielleicht beim Sport oder im Spiel eingeübt haben. Stellen wir uns am nächsten Morgen einem Test, verbessert sich normalerweise das Ergebnis so, als hätten wir die Nacht über weiter trainiert. Und recht betrachtet haben wir das ja auch.

Als würde das alles nicht schon genug Lust darauf machen, schnell wieder in die Federn zu kriechen, zeigen jetzt neue Forschungsergebnisse, dass die Formung unseres Gedächtnisses im Schlaf über solche stärkenden Prozesse noch deutlich hinausgeht. Das Netz der Erinnerungen wird nicht nur fester, es wird durch neue Verknüpfungen sogar weitergesponnen. Bei einer Studie von Psychologen der City University of New York hatten diejenigen Probanden einen klaren Vorteil, die den übenden Teil der Gedächtnisexperimente mit einem Nickerchen abrunden durften. Sie merkten sich nicht nur mehr als die schlaflose Vergleichsgruppe. Auch Assoziationen und das Knüpfen von sinnvollen Beziehungen zwischen den gelernten Inhalten (Bildpaaren von Gesichtern und Gegenständen zum Beispiel) gelangen bei den Schläfern deutlich flüssiger. Schließlich hatte das Gehirn im geistigen Dämmer schon vorausgelernt.

Wie es scheint, sind geistige Spitzenleistungen ohne eine ordentliche Mütze Schlaf in der Nacht und ruhig auch mal ein Nickerchen am Tag einfach nicht zu schaffen. Auch nicht vom rastlosesten Ehrgeizling. Wenn eine Karriere Kreativität verlangt, dann braucht sie zweifellos auch satte Auszeiten. Die amerikanische Star-Bloggerin Arianna Huffington hat ihre Lektion jedenfalls schon gelernt. Anfang des Jahres richtete sie an ihre Geschlechtsgenossinnen diesen Appell: "Frauen, es ist Zeit, dass wir uns an die Spitze schlafen. Buchstäblich."

Literatur:

  • Ellenbogen, J. M. et al. 2007: Human relational memory requires time and sleep. PNAS 104, 7723-7728
  • Huffington, A. & Leive, C. 2010: Sleep Challenge 2010: Women, It's Time to Sleep Our Way to the Top. Literally. Huffington Post v. 4.1., online.
  • Lau, H. et al. 2010: Daytime napping: Effects on human direct associative and relational memory. Neurobiology of Learning and Memory 93, 554-560
  • Walker, M. P. et al. 2002: Practice With Sleep Makes Perfect: Sleep-Dependent Motor Skill Learning. Neuron 35, 205-211
  • Walker, M. P. & Stickgold, R. 2006: Sleep, Memory, and Plasticity. Annual Review of Psychology 57, 139-166
  • Walker, M. P. 2009: Sleep-dependent Memory Integration. Frontiers in Neuroscience 3, 418-419
Themen in diesem Artikel