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Kopfwelten Riskanter jugendlicher Überschwang

Die Pubertät ist für Jugendliche und Eltern keine einfache Phase
Die Pubertät ist für Jugendliche und Eltern keine einfache Phase
© Colourbox
Heranwachsende sind leicht zu begeistern - was sie sympathisch macht und zugleich in Gefahr bringen kann, falls sie eine Situation falsch einschätzen. Als mögliche Ursache wurde jetzt ein gravierender Fehler im reifenden Gehirn entdeckt: Seine Vorfreude ist zu groß.
Von Frank Ochmann

Jugendliche sind schwierig, Eltern auch. Je nachdem, wen man fragt. Die Zeit der Pubertät ist jedenfalls in vielen Familien von gegenseitigem Unverständnis und nicht selten auch von Konflikten geprägt. Die einzige und zumeist stille Hoffnung, die den Älteren bleibt: Das wächst sich aus, es geht vorbei. Sie sollten es wissen, denn schließlich waren sie einmal genauso.

Doch warum genau sind wir alle oft so seltsam, wenn wir uns vom Kind zum Erwachsenen entwickeln? Was geht in uns vor? Eine amerikanische Forschergruppe hat jetzt eine Entdeckung gemacht, die uns einer Antwort auf diese Frage deutlich näher bringen kann: Es sind demnach vor allem die freudigen Erwartungen, die mit Jugendlichen durchgehen und sie schon einmal über das ersehnte Ziel hinausschießen lassen. Dass Pubertierende deshalb auch ein höheres Risiko eingehen, als es die allermeisten Erwachsenen tun würden, macht diesen jugendlichen Überschuss an erhoffter Lebensfreude so gefährlich. Weil der mögliche Gewinn überschätzt wird, ist auch der Einsatz unvernünftig hoch.

Das Hirn schätzt Risiken und Nutzen ab

Unser Verhalten entspringt immer einer unbewussten Abschätzung in unseren Köpfen. Diejenige der Handlungsmöglichkeiten, die dabei gegenüber allen anderen mehr Lust und gute Gefühle und weniger Last oder Schmerz erwarten lässt, wird bevorzugt. Natürlich ist das Ganze ziemlich kompliziert, weil solche Entscheidungen oft an andere gebunden sind und ja auch berücksichtigt werden muss, welche längerfristigen Folgen eine Handlungsoption haben kann. Berücksichtigt werden müsste … Entscheidend ist in unserem Zusammenhang hier aber nur, dass in einer bestimmten Situation jede Handlungsalternative in unserem Gehirn ganz automatisch daraufhin abgeklopft wird, wie gut sie uns höchst wahrscheinlich bekäme, wenn sie denn ausgeführt würde. Und selbstverständlich können wir uns dabei auch irren.

Im Experiment, das von einem Team um die Psychologin Jessica Cohen an der University of California in Los Angeles durchgeführt wurde, hatten die Probanden in einem Hirnscanner eine einfache Aufgabe zu erfüllen: Per Knopfdruck mussten sie entscheiden, ob ein T-Shirt mit einem computergenerierten abstrakten Logo womöglich von Studenten getragen würde, die zwei virtuellen Universitäten (Nord-Universität und Ost-Universität) angehören konnten. Den Versuchsteilnehmern wurde zuvor gesagt, dass die Studenten nicht nur Shirts mit dem Logo der eigenen Universität trügen, sondern womöglich auch von anderen Hochschulen, denen ihre Sympathie gelte.

Unrealistisch große Erwartung und Enttäuschung

Zu Beginn war also alles offen. Und so mussten die Probanden im Laufe der Testreihen nach der Versuch-und-Irrtum-Methode lernen, welcher Logo-Typ zur einen Uni passte und welcher eher zu den Studierenden der anderen. Richtige Antworten wurden mit 5-Cent-Münzen belohnt - aber nicht in jedem Fall mit gleich vielen. So konnte von den Experimentatoren die Vorfreude ihrer Teilnehmer im Scanner gesteuert werden. Mal war also die richtige Einschätzung der Nord-Universität besonders wertvoll und brachte fünfmal mehr Münzen als die anderen Alternativen, später wurde eine andere Möglichkeit bevorzugt, wie die Probanden per Feedback nach jedem einzelnen Raten schnell herausfanden.

Was die amerikanische Forschergruppe bei diesen Versuchen entdeckt hat, ist eine Besonderheit: ein Abschätzungs-Irrtum nämlich, der in dieser Form und Stärke offenbar nur Jugendlichen unterläuft. Stand etwas bevor, worauf sie (12 - 25 Jahre alt) sich sehr freuten - eine richtige Antwort, die mit vielen Münzen belohnt wurde also - , überstieg die im Scanner sichtbare Enttäuschung im Irrtumsfall deutlich die in den Vergleichsgruppen der Kinder (8 bis 12 ) und der Erwachsenen (25-30). Die Enttäuschung war so unverhältnismäßig groß, weil eben auch die freudige Erwartung zuvor das realistische Maß überstiegen hatte.

Bis zum 25. Lebensjahr reift unser Hirn

Wir wissen heute, dass die Reifung im Kopf bis weit in unsere Zwanziger hinein andauert und damit in eine Phase reicht, von der wir oft wie selbstverständlich annehmen, wir seien dann bereits fertige Erwachsene und müssten in der Lage sein, unser Leben komplett eigenverantwortlich zu führen. Mit 18 Jahren sind wir wahlberechtigte Staatsbürger, Autofahrer, vielleicht Soldaten oder gar schon Eltern. Zugleich aber befinden wir uns in diesem Alter noch in einem gewaltigen Umbruch, den uns keine noch so fürsorgliche Erziehung und kein Gesetz ersparen kann. Denn erst in dieser Zeit, bis ungefähr zum 25. Lebensjahr, vollendet unser Gehirn den Aufbau in einem der Areale, die für unser Verhalten besonders wichtig sind: im Stirnlappen der Großhirnrinde. Dort werden die Abschätzungen vorgenommen, die unser Verhalten zwischen antreibendem Gefühlsüberschwang und bremsender Vernunft bestimmen. Und womöglich sind wir in diesem Alter genau deshalb von vielen gesellschaftlichen Erwartungen, die an uns gestellt werden, teilweise oder manchmal auch vollständig überfordert.

Es scheint sehr ratsam, diese und ähnliche Forschungsresultate, die uns das auf den ersten Blick vielleicht unverständliche Verhalten vieler Jugendlicher inzwischen immer verständlicher machen, zum Beispiel bei der Erziehung und überhaupt im familiären Umfeld im Kopf zu behalten. Das kann allen Beteiligten viel Stress ersparen und den Umgang miteinander sehr erleichtern. Aber auch in politische Entscheidungen müssen solche Einsichten in ein noch reifendes Hirn unbedingt einfließen. Weder Kinder noch Heranwachsende sind einfach nur kleinere oder jüngere Ausgaben von Erwachsenen. Altersgrenzen immer weiter nach unten zu schieben, wie etwa beim Führerschein, ist sicher populär, aber deswegen noch lange nicht klug. Da können dann eben auch Erwachsene leicht auf eine verführerische Fehleinschätzung hereinfallen: Was jetzt von vielen beklatscht wird, weil es so "modern" ist, kann sich morgen schon bitter rächen. Und ganz sicher trifft die Schuld dann in erster Linie nicht die Jugendlichen.

Literatur:

  • Cohen, J. R. et al. 2010: A unique adolescent response to reward prediction errors. Nature Neuroscience (im Druck, online vorab: doi:10.1038/nn.2558)
  • Dahl, R. E. 2004: Adolescent Brain Development: A Period of Vulnerabilities and Opportunities. In: Dahl, R. E. & Spear, L.P.: Adolescent Brain Development - Vulnerabilities and Opportunities (Annals of the New York Academy of Sciences, Vol. 1021), New York: The New York Academy of Sciences, 1-22
  • Oya, H. et al. 2005: Electrophysiological correlates of reward prediction error recorded in the human prefrontal cortex. PNAS 102, 8351-8356
  • Schultz, W. 2000: Multiple Reward Signals in the Brain. Nature Reviews Neuroscience 1, 199-207
  • Wallis, J. D. & Kennerly, S. W. 2010: Heterogeneous reward signals in prefrontal cortex. Current Opinion in Neurobiology 20, 191-198

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