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Eurovision Song Contest 2011: Lena auf Mission Impossible

Erster Akt im Vorentscheid zum Eurovision Song Contest: In "Unser Song für Deutschland" tritt Lena Meyer-Landrut gegen sich selbst an. Ob die Euphorie wieder auflebt? Selbst Fans sind skeptisch.

Von Jens Maier

Im Überschwang der Gefühle haben wir uns einfach mal gesagt (...), es gibt keine andere Möglichkeit, moralisch wie ethisch, dass die Siegerin bei der Europameisterschaft im eigenen Land den Titel verteidigt" (...). "Auch die Fußball-Nationalmannschaft lässt schließlich nicht ihren besten Stürmer zu Hause." Stefan Raab am 30. Mai 2010

Viele hielten es zunächst für einen Scherz. Für eine unbedachte Äußerung im Freudentaumel während der Sieges-Party im Osloer Radisson-Plaza-Hotel. Doch Stefan Raab war es bitterernst: Die Idee zur Titelverteidigung im eigenen Land, Teil zwei der nationalen Aufgabe, spukte längst in seinem Kopf herum. Nur wenige Stunden nach Lena Meyer-Landruts Erfolg beim Eurovision Song Contest verkündete er, dass sein Schützling 2011 erneut antreten werde. Die Entscheidung sei "total logisch", erklärte Raab dem verdutzten Publikum.

Mit 246 Zählern hatte Lena mit "Satellite" mehr Punkte gesammelt, als alle anderen deutschen Eurovisions-Teilnehmer in den vergangenen sechs Jahren zuvor. Neun Mal erhielt die 19-jährige Abiturientin aus Hannover die Höchstwertung von zwölf Punkten. Sie hat erst Deutschland, dann die Norweger und schließlich ganz Europa erobert. Mit ihrer unbekümmerten und frischen Art hatte sie eine Charmeoffensive gestartet, die auf den ganzen Kontinent hypnotisch wirkte. Europa war verliebt in "Lovely Lena". Was lag da näher, als dieses Mädchen, diesen Diamanten, den Raab mit seiner Show "Unser Star für Oslo" entdeckt hatte, erneut ins Rennen zu schicken?

Die Mächtigen beim verantwortlichen Sender NDR waren schnell überzeugt - viele behaupten: überrumpelt. Nur Raab hatten sie es zu verdanken, dass der Eurovision Song Contest in Deutschland nicht vollkommen in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht war. Die Gracias, No Angels und Miss Kisses hatten den Grand Prix zu einer Witzveranstaltung verkommen lassen. Jetzt war die Ehre wieder hergestellt. "Never Change a Winning Team", wurde als Devise ausgegeben. Ohne aber offenbar die Risiken einer Titelverteidigung abzuwägen.

Grand-Prix-Historie spricht gegen erneuten Sieg

Die Statistik spricht gegen Raabs und Lenas zweiten Anlauf. Erst zwei Mal haben Künstler versucht, ihren Titel im Folgejahr zu verteidigen. Beide Male ist es gründlich daneben gegangen. Die erste Gewinnerin, die Schweizerin Lys Assia, ist nach ihrem Sieg 1956 im Jahr darauf Vorletzte geworden. Und die Siegerin von 1957 - Corry Brokken aus den Niederlanden - wurde 1958 Letzte. Nur Johnny Logan aus Irland gelang das Double - allerdings im Abstand von sieben Jahren, 1980 und 1987.

Nach dem Erfolg von "Unser Star für Oslo" im vergangenen Jahr wollten weder ProSieben noch die ARD auf einen Vorentscheid verzichten. Doch die Aufgabe scheint unlösbar: Wie soll ein spannendes Showkonzept aussehen, bei dem die Siegerin bereits vorab feststeht? Grand-Prix-Veteranen werden sich an Katja Ebstein erinnern. Die Drittplatzierte von 1970 durfte im Folgejahr noch einmal für Deutschland antreten und war als Sängerin gesetzt. In der TV-Sendung "Ein Lied für Dublin" sang sie brav sechs Lieder hintereinander. Eine Jury wählte schließlich das Siegerlied "Diese Welt" aus. Die Show war trotz fehlender Rivalen ein Erfolg. Doch damals hatte selbst das Testbild eine höhere Einschaltquote als mancher Spartenkanal heute.

"Alter Finne" droht zum alten Hut zu werden

40 Jahre später singt Lena bei "Unser Song für Deutschland" in insgesamt drei Shows 18 Mal gegen sich selbst. Dass der Vorentscheid sich nur um sie selbst dreht, bestreitet die Künstlerin trotzdem. "Auch die Songkomponisten kriegen viel Bildschirmzeit", kündigte sie an. Zudem hätten sie sich gedacht, "dass man neben der Musik auch noch ein bisschen Show machen könnte". Also doch Lena-Show! Aber in einer Zeit, in der die Lena-Euphorie längst abgeebbt ist.

Die Vorverkäufe für die Lena-Live-Tour, die am 13. April in Berlin startet, laufen Medienberichten zufolge schleppend. Derzeit verschenkt ein großer deutscher Automobilhersteller sogar 10.000 Tickets. Und der Lena-Effekt, der die Hannoveranerin im vergangenen Jahr auf einer Woge der Begeisterung bis zum Sieg nach Oslo getragen hat, wird nur schwer zu wiederholen sein: Ihre Sprüche, ihre Unbekümmertheit, ihre ganze Art, sind für das Publikum keine Überraschung mehr. "Alter Finne" droht zum alten Hut zu werden.

"Das Geheimnis dieses Contest ist ja, dass man die Leute überraschen muss, ihre Aufmerksamkeit im genau richtigen Moment auf den Bildschirm leiten muss. Ich weiß nicht, ob das zweimal mit der gleichen Masche gelingen kann", kritisiert Grand-Prix-Experte Irving Wolther, der über den Eurovision Song Contest eine Doktorarbeit geschrieben hat. Und auch viele Fans sind nicht vom Konzept der Titelverteidigung überzeugt. "Der Überraschungseffekt Lena entfällt komplett. Die Show 'Unser Song für Deutschland' kommt so langweilig daher wie die Wiederholung einer Quizshow, bei der man die Antworten bereits kennt. Alles hängt jetzt von den Songs ab", sagt Lars Peters, Mitglied im Fanclub "ECG Germany" und im vergangenen Jahr bei Lenas Sieg in Oslo dabei.

ARD-Beirat: "Lena hat ihre Unschuld verloren"

Und selbst bei der ARD regt sich Widerstand. Wie der "Spiegel" berichtet, soll es im Programmbeirat des Senderverbundes bereits im Oktober zu massiver Kritik an der Titelverteidigung Lenas gekommen sein. Es sei "deutlich geworden, dass die Sängerin mittlerweile ihre Unbefangenheit verloren habe", zitiert das Magazin aus dem Sitzungsprotokoll. Lena spiele "nun nur noch eine Rolle".

Im Gegensatz zu ihrem Entdecker Stefan Raab, der vollmundig die "Mission Titelverteidigung" verspricht, äußert sich Lena inzwischen kleinlauter: "Mein Ziel ist es, nicht Letzte zu werden", kokettiert sie über ihre Pläne für das Abschneiden in Düsseldorf. Das klingt, als sei ein Sieg bereits abgeschrieben, als sei die "Mission Titelverteidigung" eine "Mission Impossible". Doch den Mann, der aus "Maschendrahtzaun" einen Nummer-Eins-Hit gemacht hat, der Quotenerfolge mit Shows feiert, in denen Teile der Kelly-Family auf einem Wok die Bobbahn herunterfahren, und der seit Jahren eine feste Showgröße der deutschen Fernsehunterhaltung ist, hat das Eurovisionsfieber gepackt: Tausendsassa Stefan Raab. Verrennt er sich damit?

Nach dem erfolgreichen Abschneiden mit Guildo Horn 1998, seiner eigenen Teilnahme 2000, der Entdeckung von Max Mutzke 2004 und Lenas Sieg im vergangenen Jahr sind nicht wenige der Meinung, dass Stefan Raab der neue Ralph Siegel sein könnte - besessen vom größten Musikwettbewerb der Welt. Eines fehlt ihm jedoch, um mit Mister-Grand-Prix gleichzuziehen: Raab hat Lena zwar entdeckt, er war aber nicht der Komponist von "Satellite" und gilt somit offiziell nicht als Gewinner des Eurovision Song Contest. Ein Schönheitsfehler, den er in diesem Jahr in Düsseldorf beheben möchte. Dafür wirft Raab seine komplette Unterhaltungsmaschinerie an.

Raab wirft seine Unterhaltungsmaschinerie an

Zwei der Songs, die im Vorentscheid zu hören sein werden, hat er mit Lena zusammen geschrieben. Und anders als im vergangenen Jahr, als die Komponisten bis zum Schluss geheim waren - und vielleicht auch deshalb der Raab-Song "Love Me" nicht gewonnen hat - wird 2011 vorab bekannt sein, welche Lieder aus seiner Feder stammen. Bereits einen Tag nach dem zweiten Halbfinale erscheint am 8. Februar Lenas neue Platte "Good News", die aus den zwölf Songs des Vorentscheids besteht. Dieses Verfahren sei besser als in den Vorjahren, weil die Zuschauer - dank der CD - in Ruhe aussuchen könnten, behauptet Raab. Dass diese Methode vor allem ihm nutzen dürfte, verschweigt er nonchalant.

Dem Ehrgeiz Raabs werden die Zuschauer es zu verdanken haben, dass "Unser Song für Deutschland" halbwegs spannend bleibt - obwohl die Siegerin bereits vorab feststeht. Sie werden am Montagabend eine Lena zu sehen bekommen, die immer dann zur Höchstform aufläuft, wenn sie unter Druck steht. Und einen Stefan Raab, der mit seinem eigenen Song nach der Grand-Prix-Krone greifen will. Doch reicht das aus, um die nötige Euphorie für den Song Contest im eigenen Land zu erzeugen? Bis zur "Europameisterschaft im eigenen Land" (Raab) ist es nicht mehr lang. Nur noch 103 Tage bis Düsseldorf.