"Träumen. Nichts tun. Lange duschen"

17. Februar 2013, 19:38 Uhr

Der Psychologe Stephan Grünewald sieht die Deutschen in einer gefährlichen Erschöpfungsfalle. Aber er kennt auch Fluchtwege. Ein stern-Gespräch.

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Stephan Grünewald, 52, hört genau zu. Das ist seine Stärke und sein Geschäft. Das Bild "Der erschöpfte Mann" hinter ihm hat seine Ehefrau Katharina gemalt, auch sie ist Psychologin.©

Guten Tag, schön, Sie zu sehen. Ich habe heute Nacht von Ihnen geträumt ...

stern: Oh! War’s nett?

Nein! Wir irrten durch Köln, um einen Raum für unser Gespräch zu finden. Aber überall war besetzt. Jedes Café, jede Kneipe. Überall.

Was verrät der Traum?

Der Traum hat mich auf unser Gespräch eingestellt. Er hat mein zentrales Thema in den Blick gerückt. Wir sind so von der Unruhe getrieben, dass wir keinen Raum mehr finden für das, was uns eigentlich wichtig ist. Ich habe einen unserer Gesprächsräume hier im Haus reserviert.

Das sieht ja wie ein gemütliches Wohnzimmer aus. Führen Sie hier Ihre psychologischen Tiefeninterviews?

Ja, die Befragten sollen sich wohlfühlen. Das ist wichtig, jedes Gespräch dauert zwei Stunden und länger. Anders als bei Meinungsumfragen, bei denen meist mit Ja oder Nein geantwortet wird, wollen wir zum Kern eines Themas vordringen. Wir sprechen auch über das Peinliche, das Aberwitzige, das Unerhörte.

Tun wir mal so, als ob ich für eine Studie über Stress am Arbeitsplatz auf Ihrer Couch läge. Was wollten Sie wissen?

Als Einstieg würde ich fragen, was Ihnen zu Ihrem Berufsalltag einfällt.

Und ich erzähle Ihnen dann, dass mich mein Blackberry stresst, dass ich gern ohne ihn wäre, aber nicht ohne sein kann ...

Meine Rolle wäre es jetzt, Ihren Arbeitstag im Gespräch zu zerdehnen. Ich würde fragen: Wie hat Ihr Tag angefangen? Mit welchem Gefühl kamen Sie zur Arbeit? Ich würde zwei Stunden lang zuhören und immer wieder nachfragen, um zu verstehen, was Sie wirklich bewegt, wie Sie leben und erleben. Nach 30 solcher Gespräche mit Mitarbeitern einer Firma haben wir ein plastisches Bild davon, was an ihren Arbeitsplätzen stresst, was sie sich wünschen und wie man die Situation möglicherweise positiv verändern kann.

Sie und Ihre Mitarbeiter führen 7000 tiefenpsychologische Gespräche im Jahr. Bezahlt werden Sie dafür von der Industrie. Zum Beispiel von Ikea, Nivea, Frosch, Rotbäckchen und vielen anderen. Sie alle wollen wissen, wie der Verbraucher tickt, wie sie noch mehr Saft oder Möbel verkaufen können.

Ja, klar. Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen. Unser Produkt ist das tiefe Wissen über die aktuelle Befindlichkeit der Menschen im Land. Das ist für Unternehmen interessant, aber auch für Behörden oder Parteien.

Und wie geht es den Deutschen?

Sie sind zunehmend erschöpft.

Woran erkennen Sie das?

Alltag und Freizeit sind überprogrammiert. Es gibt eine dauernde Hetze – im Beruf und in der Freizeit. Und am Ende des Tages fallen dann viele total ermattet und ausgepowert ins Bett.

Was sagen Ihnen die Menschen konkret?

Ein Fall ist mir besonders gut in Erinnerung. Eine 47-jährige Architektin, selbstständig mit zehn Angestellten, berichtete von ihrer permanenten Angst, Pleite zu machen. Sie arbeitet 60 Stunden die Woche. Sie nimmt seit Jahren nie Urlaub. Neben dem Bett liegt ihr Diktiergerät, um auch nachts Einfälle aufzeichnen zu können. Sie lebt unter Dauerstress.

Und ein Ende ist nicht in Sicht?

Ich habe den Eindruck, wir haben einen Gipfelpunkt erreicht. 2013 könnte ein Jahr werden, in dem die Deutschen merken, wir müssen einen Gang zurückschalten. Wir müssen andere Lebenswerte finden, sonst taumeln wir in Erschöpfungs- und Burnout-Zustände. Die Dauerbetriebsamkeit führt dazu, dass man den Sinn des Tuns aus dem Blick verliert. Das wird mehr und mehr schmerzlich erkannt.

Die Europäer haben eine noch nie da gewesene Krise erlebt – die Finanz-Wirtschafts-Schulden-Euro- Krise. Manche glaubten, das Ende der Wohlstandsgesellschaft sei gekommen. Das ist doch auch ein permanenter Unruheherd ...

... und ein viele Menschen verstörendes Sinnbild dafür ist die "Costa Concordia". Der Wohlstandskreuzer kippte einfach um ...

... und bevor alle gerettet waren, ging auch noch der Kapitän von Bord.

Interessant, dass Ihnen der Kapitän gleich in den Sinn kommt. So geht es nämlich sehr vielen Menschen. Nach den Enttäuschungen über Wulff oder zu Guttenberg wissen viele nicht mehr, ob sie bei den Steuermännern unseres Landes in guten Händen sind. Hier liegt auch eine Erklärung dafür, warum Frauen wie Angela Merkel so viel mehr Vertrauen geschenkt wird als Männern. Die SPD wäre viel besser aufgestellt mit Hannelore Kraft, weil man den mütterlichen Gestalten eher eine Verlässlichkeit zubilligt.

 
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