Der Psychologe Stephan Grünewald sieht die Deutschen in einer gefährlichen Erschöpfungsfalle. Aber er kennt auch Fluchtwege. Ein stern-Gespräch.

Stephan Grünewald, 52, hört genau zu. Das ist seine Stärke und sein Geschäft. Das Bild "Der erschöpfte Mann" hinter ihm hat seine Ehefrau Katharina gemalt, auch sie ist Psychologin.© Thomas Rabsch
Guten Tag, schön, Sie zu sehen. Ich habe heute Nacht von Ihnen geträumt ...
Nein! Wir irrten durch Köln, um einen Raum für unser Gespräch zu finden. Aber überall war besetzt. Jedes Café, jede Kneipe. Überall.
Der Traum hat mich auf unser Gespräch eingestellt. Er hat mein zentrales Thema in den Blick gerückt. Wir sind so von der Unruhe getrieben, dass wir keinen Raum mehr finden für das, was uns eigentlich wichtig ist. Ich habe einen unserer Gesprächsräume hier im Haus reserviert.
Ja, die Befragten sollen sich wohlfühlen. Das ist wichtig, jedes Gespräch dauert zwei Stunden und länger. Anders als bei Meinungsumfragen, bei denen meist mit Ja oder Nein geantwortet wird, wollen wir zum Kern eines Themas vordringen. Wir sprechen auch über das Peinliche, das Aberwitzige, das Unerhörte.
Als Einstieg würde ich fragen, was Ihnen zu Ihrem Berufsalltag einfällt.
Meine Rolle wäre es jetzt, Ihren Arbeitstag im Gespräch zu zerdehnen. Ich würde fragen: Wie hat Ihr Tag angefangen? Mit welchem Gefühl kamen Sie zur Arbeit? Ich würde zwei Stunden lang zuhören und immer wieder nachfragen, um zu verstehen, was Sie wirklich bewegt, wie Sie leben und erleben. Nach 30 solcher Gespräche mit Mitarbeitern einer Firma haben wir ein plastisches Bild davon, was an ihren Arbeitsplätzen stresst, was sie sich wünschen und wie man die Situation möglicherweise positiv verändern kann.
Ja, klar. Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen. Unser Produkt ist das tiefe Wissen über die aktuelle Befindlichkeit der Menschen im Land. Das ist für Unternehmen interessant, aber auch für Behörden oder Parteien.
Sie sind zunehmend erschöpft.
Alltag und Freizeit sind überprogrammiert. Es gibt eine dauernde Hetze – im Beruf und in der Freizeit. Und am Ende des Tages fallen dann viele total ermattet und ausgepowert ins Bett.
Ein Fall ist mir besonders gut in Erinnerung. Eine 47-jährige Architektin, selbstständig mit zehn Angestellten, berichtete von ihrer permanenten Angst, Pleite zu machen. Sie arbeitet 60 Stunden die Woche. Sie nimmt seit Jahren nie Urlaub. Neben dem Bett liegt ihr Diktiergerät, um auch nachts Einfälle aufzeichnen zu können. Sie lebt unter Dauerstress.
Ich habe den Eindruck, wir haben einen Gipfelpunkt erreicht. 2013 könnte ein Jahr werden, in dem die Deutschen merken, wir müssen einen Gang zurückschalten. Wir müssen andere Lebenswerte finden, sonst taumeln wir in Erschöpfungs- und Burnout-Zustände. Die Dauerbetriebsamkeit führt dazu, dass man den Sinn des Tuns aus dem Blick verliert. Das wird mehr und mehr schmerzlich erkannt.
... und ein viele Menschen verstörendes Sinnbild dafür ist die "Costa Concordia". Der Wohlstandskreuzer kippte einfach um ...
Interessant, dass Ihnen der Kapitän gleich in den Sinn kommt. So geht es nämlich sehr vielen Menschen. Nach den Enttäuschungen über Wulff oder zu Guttenberg wissen viele nicht mehr, ob sie bei den Steuermännern unseres Landes in guten Händen sind. Hier liegt auch eine Erklärung dafür, warum Frauen wie Angela Merkel so viel mehr Vertrauen geschenkt wird als Männern. Die SPD wäre viel besser aufgestellt mit Hannelore Kraft, weil man den mütterlichen Gestalten eher eine Verlässlichkeit zubilligt.