"Uns hat niemand ernst genommen"

19. September 2013, 10:00 Uhr

2008 hat Nathan Blecharczyk aus Geldnot das Übernachtungsportal "Airbnb" mitgegründet, heute ist der Amerikaner Multimillionär. Ein Gespräch über Zweckoptimismus und Cornflakes als PR-Strategie. Von Frauke Hunfeld und Karsten Lemm

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Airbnb-Mitbegründer Blecharczyk: "Die Idee war so neu, so abseitig."©

Die Idee kam, als das Geld ausging: Vor gut fünf Jahren gründeten die Freunde Brian Chesky, Joe Gebbia und Nathan Blecharczyk in San Franciso "Airbedandbreakfast" - und landeten einen Coup: Mit dem Übernachtunsportal, über das Private ihre Zimmer, Ferienwohnungen und Häuser an andere Menschen vermieten könen, schufen sie eine Alternative zum Pauschaltourismus. "Airbnb" stellt den Kontakt zwischen Gastgeber und Mieter her und wickelt die Buchung gegen Provision ab. Weltweit haben Reisende nach Firmenangaben über 10 Millionen Nächte gebucht, fast 200 Länder und 33.000 Städte stehen zur Auswahl. Ein Konzept, was die Investoren reihenweise abschreckte, wie Blecharczyk im Interview mit dem stern verriet: "Sie haben gesagt, dass keiner seine Wohnung ins Netz stellen und keiner sich in die Stube schauen lassen will." Warum am Ende doch alles anders kam.

Herr Blecharczyk, Sie sind 29 Jahre alt und Sie haben es geschafft: Sie sind Multimillionär. Und die von Ihnen gegründete Firma "Airbnb" ist drauf und dran, so bekannt zu werden wie Hyatt und Hilton. Wie groß ist Ihre Villa?

Ich habe gar keine Villa. Meine Frau und ich wohnen in einer kleinen Zweizimmerwohnung, zur Miete. Möbliert, hier ganz in der Nähe. Ich fahre jeden Morgen mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Warum so bescheiden?

So ist es einfacher. Wir haben keine Zeit zum Einrichten und Möbelkaufen. Meine Frau ist mit ihrem Medizin-Doktor in Stanford beschäftigt, und ich bin eh nie zu Hause. Ich arbeite ja 100 Stunden die Woche.

Sie und zwei Freunde sind auf die Idee gekommen, "Airbnb" zu gründen, weil die beiden Ihre Miete nicht mehr zahlen konnten.

Ja. Bei einer Konferenz im Herbst 2007 haben Brian und Joe Luftmatratzen in ihrer WG ausgelegt, weil sie Geld für die Miete brauchten. Sie sind davon ausgegangen, es kommen Leute wie sie. Aber es kamen eine ältere Frau aus Boston, ein vierfacher Familienvater aus Utah und ein Mann aus Indien. Und sie hatten eine Menge Spaß zusammen. Es war für alle ein Gewinn. Also haben wir gesagt: "Warum bauen wir nicht eine Webseite, die auch anderen Menschen erlaubt, solche Erlebnisse zu haben?"

Hat niemand gesagt: "Woher weiß ich, dass da kein Mörder bei mir einzieht?"

Das ist genau das, was uns Investoren erzählt haben: "Keiner will seine Wohnung ins Netz stellen, keiner will sich in die Stube schauen lassen. Das ist doch unheimlich. Was, wenn etwas Schlimmes passiert? Ich würde das nie machen!" Wochenlang haben wir nach Geldgebern gesucht, und die meisten haben uns ausgelacht. Die Idee war so neu, so abseitig, dass uns niemand ernst genommen hat.

Aber Sie haben sich nie beirren lassen?

Wir hatten das Gefühl, dass wir auf etwas Besonderes gestoßen waren.

Sie mussten gleich doppelt Nutzer für Ihre Idee begeistern: Mieter und Vermieter. Wie geht das, wenn noch nie jemand von "Airbnb" gehört hat?

Anfangs haben wir uns auf Großveranstaltungen konzentriert, weil dann der Bedarf am größten ist. Zur Nominierung von Barack Obama im Herbst 2008 in Denver, Colorado, hatten wir herausgefunden, dass es dort nur 17.000 Hotelzimmer gibt – für 800.000 erwartete Besucher. Wir fanden ziemlich schnell 800 Leute, die Gäste bei sich aufnehmen wollten. CNN hat über "Airbedandbreakfast" berichtet, wie unsere Seite damals noch hieß, und wir dachten: "Großartig, ein Bilderbuchstart!" Eine Woche später konnten Sie die Spatzen pfeifen hören – der Wirbel hatte sich gelegt, und bei uns war nichts mehr los.

War das nicht vorhersehbar?

Start-Up-Unternehmer sind von Natur aus optimistisch. Manchmal geradezu idiotisch optimistisch. Wir hatten uns nie so recht überlegt, wie es anschließend weitergehen würde.

Dass Hotelbetriebe gewissen Gesetzen folgen müssen, hat Sie auch nicht gestört?

Wenn Sie etwas Neues ausprobieren wollen, können Sie nicht ständig darüber nachdenken, warum etwas garantiert nicht funktionieren wird und welche Vorschriften besagen, was alles verboten ist – andernfalls würden Sie nie dazu kommen, überhaupt anzufangen.

Hatten Sie nie Zweifel?

Nach einem Jahr waren wir ziemlich niedergeschlagen. Wir hatten Ausgaben, aber wenig Einnahmen und mussten uns fragen: "Wann ziehen wir die Reißleine?" Und woher wissen wir, dass es Zeit ist, lieber auszusteigen? Aber jeder von uns hatte bis dahin noch andere Projekte, ich lebte in Boston, die anderen beiden hier in San Francisco. Es war klar, dass Airbnb noch nicht unsere volle Aufmerksamkeit bekommen hatte. Also haben wir gesagt: "Wir können nicht aufhören, ehe wir alles gegeben haben."

Klingt ein wenig nach Las Vegas: Einsatz verdoppeln oder Schluss.

Es kann sehr schwer sein, Kurs zu halten, sich nicht entmutigen zu lassen. Im Herbst 2008 waren meine Mitgründer auf die Idee verfallen, Cornflakes herzustellen: "Obama O's" und "Captain McCain's", in Anspielung auf die Wahlen im November. Das sollte uns Aufmerksamkeit bringen. "Lieber Himmel", habe ich gesagt. "Sind wir wirklich so verzweifelt?" Es funktionierte sogar: Wir kamen wieder ins Fernsehen, alle haben über uns gesprochen – nur unsere Webseite hat weiter keiner besucht.

Was haben Ihre Freunde, Ihre Familie zu alledem gesagt?

Jedes Mal, wenn ich meine Eltern besucht habe, fragte mein Vater: "Na, was meinst du, wie lange macht ihr das noch?" Es war klar, dass er nicht viel von der Idee hielt. Die meisten meiner Harvard-Studienfreunde sind zu Banken gegangen oder haben andere Jobs bekommen, auf die sie stolz sein konnten.

Und Sie machten was mit Cornflakes und Untermiete.

Genau. Ich hatte keine Arbeit und bastelte an einer Webseite herum, mit der Leute Zimmer voller Luftmatratzen vermieten konnten. [Lacht]

Wie kam schließlich der Erfolg?

Wir sind bei einem Startup-Helfer im Silicon Valley aufgenommen worden, "Y Combinator". Als der Gründer die Cornflakes sah, sagte er: "Wow! Wenn ihr auf solche Ideen kommt, traue ich euch alles zu." Er war sehr skeptisch, dass Aibnb funktionieren würde – aber er glaubte an uns als Gründer, die irgend etwas auf die Beine stellen würden. Praktisch jeder hier kann ähnliche Geschichten erzählen. Die ersten Monate, in denen nichts gelingt, das hartnäckige Dranbleiben, der unbeirrte Glaube an sich und die Idee – bis es schließlich klappt.

Falls es klappt.

Das ist der große Unterschied hier im Silicon Valley: Es gibt ein ganzes Netzwerk aus Helfern und Menschen, die Verständnis haben für alles, was man als Startup-Unternehmer durchmacht. Jeder will so leben, jeder will sich auf die lange, schmerzhafte Reise zum Erfolg begeben. Es ist ganz normal. Diese Unterstützung von allen Seiten ist enorm wichtig.

Ihre Frau hat alles ohne zu zögern mitgemacht?

Wir kennen uns seit mehr als zehn Jahren und hatten bereits eine sehr tief gehende Beziehung. Sonst hätte es wohl nicht funktioniert. Das Unternehmerleben frisst alles andere auf. Selbst das wäre in Ordnung, wenn man genau wüsste, dass nach all den Strapazen und Entbehrungen die Belohnung kommt, doch Startups verlangen, dass man immer 110 Prozent gibt – obwohl der Ausgang völlig ungewiss ist.

Warum lassen Sie es nicht einfach mal krachen? Sie können es sich doch leisten.

Es gibt natürlich Gründer, die irgendwann genug haben, aussteigen und ihr Geld genießen. Reichlich sogar. Brian, Joe und mir geht es nicht so. Wir sehen eine einzigartige Chance, noch viel mehr zu erreichen – aber das passiert nicht von allein. Und wenn es klappen soll, müssen wir weiterhin alles geben.

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