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EZB senkt Leitzins deutlich

Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte auf 3,25 Prozent herabgesetzt. Vor der EZB hatten schon andere Nationalbanken die Zinsen gesenkt. Experten interpretieren die teils agressiven Senkungen als Angst vor einer Rezession.

Mit der zweiten drastischen Zinssenkung in Folge kämpft die Europäische Zentralbank (EZB) gegen die Auswirkungen der Finanzkrise und den Einbruch der Konjunktur. "Wir schließen nicht aus, die Zinsen weiter zu senken", kündigte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag in Frankfurt an. "Wir legen uns aber nicht im Vorhinein fest." Der Rat der Notenbank hatte zuvor entschieden, den Leitzins im Euro-Raum von 3,75 auf 3,25 Prozent zu verringern.

Nach Trichets Worten hatten die Währungshüter sogar eine noch stärkere Senkung um 0,75 Prozentpunkte in Betracht gezogen. Experten rechnen daher bereits im Dezember mit dem nächsten Schritt nach unten. Die Aussichten für die Wirtschaft seien düster, sagte Trichet: "Die Verschärfung und Ausweitung der Finanzmarktkrise wird höchstwahrscheinlich die Nachfrage weltweit und im Euro-Raum für eine lange Zeit dämpfen." Die Europäische Kommission erwartet für die europäische Wirtschaft im nächsten Jahr Stillstand. Angesichts der Finanzkrise hatte Brüssel vor wenigen Tagen seine Prognose für das Euro-Gebiet von bisher 1,5 auf 0,1 Prozent Wachstum zurückgenommen. Die EZB will ihre neuen Prognosen im Dezember vorlegen.

Die EZB hatte erst Anfang Oktober in einer überraschenden Gemeinschaftsaktion mit anderen führenden Notenbanken erstmals seit Jahren den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte gekappt.

Die Unsicherheit an den Finanzmärkten bleibe "außerordentlich hoch", sagte Trichet und sprach von "großen Herausforderungen, die vor uns liegen". Die EZB erwarte von den Geschäftsbanken einen Beitrag, um das Vertrauen in den Finanzsektor wiederherzustellen. Der Handel zwischen den Banken ist nach wie vor gestört, weil viele Geldhäuser ihr Geld aus Misstrauen in die Zahlungsfähigkeit anderer Institute horten. Die EZB und andere Notenbanken greifen daher den Banken seit Monaten mit zusätzlichen Milliardensummen unter die Arme.

Noch im Juli hatte die EZB den Leitzins wegen der hohen Inflation auf 4,25 Prozent erhöht - gegen scharfe Kritik von Gewerkschaften und Politikern. Inzwischen hat die Gefahr steigender Inflation nach Einschätzung der Notenbank unter anderem wegen sinkender Ölpreise abgenommen. In den nächsten Monaten werde die Teuerungsrate weiter nach unten gehen und 2009 unter die für die EZB entscheidende Marke von zwei Prozent fallen, sagte Trichet. Im Oktober lag die jährliche Teuerungsrate in den 15 Euro-Ländern bei 3,2 Prozent.

Der Leitzins im Euro-Raum ist mit 3,25 Prozent so niedrig wie zuletzt vor zwei Jahren. Er liegt aber immer noch weit über dem Niveau in den USA - dem Ausgangspunkt der weltweiten Immobilien- und Finanzkrise - mit inzwischen 1,0 Prozent.

Tiefer Einschnitt in Großbritannien

Schon vor der EZB hatte die Bank of England die Finanzmärkte mit einer drastischen Zinssenkung um 150 Basispunkte auf nun drei Prozent überrascht. Zuletzt hatte es einen solchen Schritt zu Zeiten der britischen Wirtschaftskrise zu Beginn der 90er Jahre gegeben.

Auch die Schweizer Nationalbank senkte den Leitzins. Die Notenbanker reduzierten den Leitzins unerwartet zum zweiten Mal in vier Wochen um 50 Basispunkte auf zwei Prozent.

Bei niedrigeren Zinsen können Banken sich billiger Geld bei ihrer Zentralbank besorgen. Damit kommen auch Unternehmen und Verbraucher günstiger an Geld, was Investitionen und den privaten Konsum ankurbeln kann. Der Euro-Kurs sank am Donnerstag nach der EZB- Zinsentscheidung auf 1,27 US-Dollar.

"Es hat sehr den Anschein, als wollten die Zentralbanken keine Zeit verlieren", kommentierte UniCredit-Analyst Kornelius Purps die Zinssenkungen. Derart aggressive Zinssenkungen signalisierten, dass die Zentralbanken äußerst besorgt über die konjunkturellen Aussichten seien. "Insofern scheint es weiterhin viel zu früh zu sein, um auf eine breite Stabilisierung oder gar Erholung der Finanzmärkte zu setzen."

Reuters/DPA/DPA/Reuters

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