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Der geheimnisvolle Discounter-Pate

Die Enthüllung des stern wirft ein schlechtes Licht auf den Discounter, den (fast) jeder kennt. Doch wer kennt Dieter Schwarz? Fast niemand. Dabei ist der Lidl-Pate einer der reichsten Deutschen.

Von Malte Arnsperger und Markus Grill

Über 13 Milliarden Liter Milch, rund drei Milliarden Pakete Kaffee oder fast 800 Millionen Kilo norwegischen Räucherlachs könnte er sich kaufen. Bei Lidl. In seinen Märkten. Dieter Schwarz ist steinreich. Der Eigentümer der Discounter-Kette liegt mit einem Besitz von mehr als zehn Milliarden Euro auf Platz vier der vermögendsten Deutschen. Immer, wenn in den vergangenen Jahren die Liste der Superreichen erschien, tauchte sein Name ganz vorne auf. Doch der Mensch Dieter Schwarz tauchte nie auf, er ist ein Gespenst, ein Phantom.

Über den Chef der Schwarz-Gruppe, zu der neben Lidl auch die Kaufland-Märkte gehören, ist nur wenig bekannt. Schwarz, Jahrgang 1939, geboren in Heilbronn, ist mit Frau Franziska verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Seine Leidenschaft sind Weinfeste in der Region und der örtliche Fußballklub, bei dessen Spielen er sich angeblich öfter mal mit dem Drogeriekönig Anton Schlecker blicken lässt. Durch seine Dieter-Schwarz-Stiftung spendet der Schwabe Geld an Universitäten, er engagierte sich finanziell für die Sanierung eines Turms in Heilbronn. 2002 verlieh ihm Baden-Württemberg die Verdienstmedaille. Viel mehr ist nicht zu sehen durch den fast undurchlässigen Schleier, der sein Privatleben umhüllt.

Daten dringen kaum nach außen

Auch sein Unternehmen ist geheimnisumwittert und gleicht einer Trutzburg, einem hermetisch abgeriegelten Königreich. Jahrelang konnte über Details nur spekuliert werden. Denn bis 2004 gab es keine Öffentlichkeitsarbeit, Wirtschaftsdaten drangen kaum nach außen.

Bekannt ist, dass Dieter Schwarz' Vater Josef im Jahr 1930 in die Südfrüchte-Großhandlung Lidl & Co als Komplementär eintrat. Er entwickelte die in Lidl & Schwarz umbenannte Firma zu einer Lebensmittel-Großhandlung weiter. 1973 eröffnete dann Sohn Dieter den ersten Lidl-Discountermarkt in Ludwigshafen. Von der einst übermächtigen Konkurrenz, dem damaligen Quasi-Monopolisten Aldi, anfangs noch belächelt, entwickelte sich Lidl zur Nummer zwei im deutschen Billigsektor. Einer Studie des Marketingunternehmens Nielsen vom Dezember 2007 zufolge macht Lidl mit seinen rund 2900 Filialen in Deutschland einen Umsatz von über 13 Milliarden Euro, Aldi 27 Milliarden mit 4200 Märkten. Doch da Lidl vor allem auf die internationale Expansion setzt, gibt es in 20 europäischen Ländern mittlerweile 7271 der Billig-Märkte mit dem gelben Logo, erstmals mehr als die 6997 Aldi-Filialen. Hinzukommen die rund 500 Kaufland-Märkte, die ebenfalls zu der Neckarsulmer Schwarz-Gruppe gehören.

Patron Dieter Schwarz kann sich diesen Erfolg bequem aus dem Firmensitz im Schwäbischen ansehen. Denn er hat sich im Jahr 1999 aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen und installierte 2004 Klaus Gehrig als Aufsichtsratschef. Wirklich aufs Altenteil zurückgezogen hat sich der "Gottvater" (so bezeichnete ihn mal die Gewerkschaft Verdi) aber wohl noch lange nicht. Er mischt bei Kaufland im Tagesgeschäft mit und "will, dass Lidl wächst, nahezu um jeden Preis", zitierte das "Manager-Magazin" einen Ex-Lidl-Manager im Jahr 2007.

"Lidl ist billig" lautet die Parole des Discounters. Genauso gut könnte es auch heißen: Lidl ist komisch. Denn wie kaum eine Firma in Deutschland ist die Schwarz-Gruppe ein unübersichtliches Geflecht von rund 600 Tochtergesellschaften, Stiftungen und Unternehmenszweigen. Kritiker werfen Schwarz vor, durch die Zerstückelung seines Imperiums Macht und Entscheidungsstrukturen verschleiern sowie die Pflicht zur Veröffentlichung von Unternehmenszahlen unterlaufen zu wollen.

Schwarzbuch deckte Misstände auf

Bislang stieß diese Kritik jedoch bei dem schwäbischen Handelsriesen auf taube Ohren. Wirkliche Schockwellen in Neckarsulm lösten jedoch das "Schwarzbuch Lidl" und der Nachfolger, das "Schwarzbuch Lidl Europa" aus. Im Jahr 2004 veröffentlichte die Gewerkschaft Verdi mit dem Schwarzbuch eine flammende Anklageschrift. Autor Andreas Haman berichtete über brutale Gängelung der Mitarbeiter, über menschenverachtende Mobbing-Methoden und Ausbeutung der Angestellten in Deutschland. Ein ähnlich erschreckendes Bild malte Hamann in dem Schwarzbuch Europa aus dem Jahr 2006, in welchem er die teilweise sklavenhaften Arbeitsbedingungen und die systematische Bespitzelung der Lidl-Mitarbeiter in ganz Europa beschrieb.

Lidl war gezwungen, auf diese Berichte zu reagieren. Erstmals wurde eine PR-Agentur mit der Pressearbeit betraut. Imageanzeigen wurden geschaltet, Aufsichtsratschef Gehrig gab Interviews. Von Einsicht allerdings keine Spur, die Vorwürfe seien "völlig aus der Luft gegriffen", sagte Gehrig damals.

Doch dass die Arbeit bei Lidl auch für Führungskräfte kein Zuckerschlecken ist, zeigt ein Bericht des "Manager-Magazin" vom Januar 2007. Die Unternehmenskultur erinnere an ein "militärisches Ausbildungslager", schrieb das Wirtschaftsblatt. Ein "Gängelsystem" ziehe sich durch den ganzen Konzern, frisch diplomierte Hochschulabsolventen würden geknechtet, die Hälfte von ihnen kehre deshalb Lidl nach kurzer Zeit schon den Rücken.

Keine besonders erfreulichen Meldungen für den expansionssüchtigen Lebensmittelkonzern. Aber trotz der schlechten Presse scheint die Schwarz-Gruppe sich wieder auf ihre Einigelungstaktik zu besinnen. Der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit verließ das Unternehmen 2007, allerdings "nicht freiwillig", zitierte das Medienmagazin W&V einen Insider. Die Nachfolgerin stehe zudem nicht für eine echte politische Pressearbeit mit der Veröffentlichung von Zahlen oder Details zur Unternehmensführung.

Alles wie schon mal gehabt also bei Lidl? Nicht ganz. In einer Hinsicht ist die Informationslage über die Firma um 100 Prozent besser geworden. Denn von Lidl-Chef Schwarz existieren seit Anfang 2007 zwei Bilder, nicht mehr nur eines. Und das neue ist sogar in Farbe.

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