Deutschland steht vor einer Phase der Stagnation, sagt Wirtschaftsexperte Gustav Horn. Im stern.de-Interview erläutert er die langfristigen Folgen der Krise und sagt, warum wir unsere Abhängigkeit vom Export dringend reduzieren müssen.
Es wird keine deutliche Erholung geben, aber der freie Fall ist vorüber. Wir sind in der Talsohle hart gelandet. Wir werden jetzt Phasen eines leichten Wachstums erleben, aber auch wieder Phasen, in den die Wirtschaft leicht schrumpft.
Wir sind mitten in der Krise drin. Es besteht lediglich die begründete Hoffnung, dass sie sich nicht weiter verschärft. Wir werden in eine stagnative Entwicklung übergehen. Die Krise ist auch noch gar nicht am Arbeitsmarkt angekommen. Dort steht uns das schlimmste noch bevor.
Was nicht mehr gehen wird, ist die alte Exportorientierung mit der sich Deutschland immer mal wieder aus einem Sumpf herausgezogen hat. Die amerikanische Wirtschaft wird in der Weltwirtschaft nicht mehr so präsent sein wie zuvor. Und das gilt auch für andere Länder, zum Beispiel Großbritannien oder Spanien. Wir müssen uns in jedem Fall umorientieren. Es ist momentan noch kein gleichwertiger Ersatz für die Spanier, Engländer und die Amerikaner am Horizont sichtbar.
Das ist die Kehrseite der Politik des vergangenen Jahrzehnts. Wir haben unser Exportwachstum auf dem Rücken der Binnenkonjunktur erzielt. Wir waren bei der Löhnen zu maßvoll, so dass sich keine Binnennachfrage entwickeln konnte. Das rächt sich jetzt. Die Weltwirtschaftskrise trifft Deutschland auch deshalb härter als andere Länder.
Es gibt natürlich keinen Schalter, den wir einfach umlegen können. Um das zu erreichen, muss sich die Wirtschaftspolitik verändern. Auf dem Arbeitsmarkt müssen wir das Ausfransen der Lohnbildung nach unten stoppen. Wir müssen die dramatisch niedrigen Löhne - auch im internationalen Vergleich - verhindern. Das geht meiner Meinung nach nur durch einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn. Wir müssen ferner die Binnenkonjunktur gezielt anschieben. Die öffentlichen Investitionen müssen erhöht werden und es müssen stärkere Anreize geschaffen werden, privat zu investieren. Dies kann für Privatpersonen auch über das Steuersystem passieren. Die bestehenden Anreize wurden im vergangenen Jahr gezielt abgeschafft, weil darin eine Verzerrung gesehen wurde. Aber: Wir brauchen Investitionen, um Wachstum und Wohlstand zu erzeugen.
Ja. Das sind die harten Folgen der Krise. Über Jahre werden die Neuverschuldung und die Arbeitslosigkeit hoch bleiben. Was wir aber machen können, ist die Wende zu initiieren.
Ja, daran führt kein Weg vorbei. Auch im kommenden Jahr ist die Krise noch nicht ausgestanden. Wenn man mit einem Auto über Glatteis fährt und nichts tut, landet man in einem Graben. Wenn man hingegen richtig gegensteuert, wird man schnell über die Krise hinwegkommen. Wir müssen den Menschen Hoffnung geben, damit sie wieder mehr investieren und konsumieren.
Ja. Wir müssen da jedoch einen qualitativen Sprung vollziehen. Es muss um Zukunftsinvestitionen gehen, die man ohnehin tätigten muss. Investitionen in Bildung, in den Klimaschutz und andere wichtige Bereiche müssen vorgezogen werden. Dieses Paket sollte vor allem international koordiniert werden und in seinem Volumen etwa zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen.
Das ist leider richtig. Die Krise wird offenbar bewusst verdrängt. Mit Blick auf den Wahltermin sollen die Menschen nicht beunruhigt werden. Aber die Politik wird sich diesem Problem stellen müssen. Genauso die ökonomische Wissenschaft. Die Ökonomie hat die tiefgreifenden Folgen der Krise noch nicht begriffen. Sie reagieren mit einem "Weiter so". Mehr Lohndruck, mehr Exporte. Das wird jedoch werder politisch noch ökonomisch funktionieren.
Nichts gegen mehr Dienstleistungen, aber auch hier sollte ein gesetzlicher Mindestlohn gelten, wie in den USA und Großbritannien seit längerem gibt. Zudem sind viele Dienstleistungen hoch qualifizierte Tätigkeiten mit entsprechend hohem Lohnniveau.
Die Wachstumszahlen werden um die Nulllinie laufen. Vielleicht werden es 0,5 Prozent, aber was sind schon 0,5 Prozent Wachstum? Das reicht von vorne bis hinten nicht, um Beschäftigung zu schaffen.