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Interview

Fack Ju, Kunde! Die absurdesten Erlebnisse eines Verkäufers

Christian Klein arbeitete mehrere Jahre in einem Discounter mitten im Ruhrgebiet. In seinem Buch "Neulich im Discounter" schreibt er über die kuriosesten Kunden, die dümmsten Diebe und die schlimmsten Chefs.

  Wahnsinnn Discounter: Verkäufer Christian Klein in seiner Dienstkleidung

Wahnsinnn Discounter: Verkäufer Christian Klein in seiner Dienstkleidung

Herr Klein, in Ihrem Buch beschreiben Sie die skurrilsten Begegnungen mit Kunden. Sind die Leute im Discounter wirklich so speziell?

Christian Klein: Definitiv nicht alle. Das sind natürlich die Härtefälle, über die ich schreibe. Wobei es im Discounter auffällig viele Härtefälle gibt. Vorher habe ich in einem normalen Supermarkt gearbeitet. Da hatte ich in zwei Jahren nur einen Kunden, der ausfällig geworden ist. Aber im Discounter herrscht die Meinung vor, "der Kunde ist König" - und so benehmen sich viele auch. Aber an der Kasse sitzt immer noch der Kaiser, nämlich ich!

Sie haben es mit Betrunkenen zu tun gehabt, die Alkohol herausschmuggelten und mit Damen, die den Aktions-BH mitten im Laden anprobieren wollten. Was ist Ihre persönliche Lieblingsepisode?

Es gab mal einen Herrn, der mich fragte, ob wir auch Lebensmittel vermieten. Ich hab erst gar nicht verstanden, was der von mir wollte, aber der fragte mich ernsthaft, ob er sich etwas Hefe leihen kann. Er bot mir drei Cent und versprach, sie nächste Woche wiederzubringen. Was soll man dazu sagen?

Was haben Sie denn gesagt?

Ja, wo sind wir denn hier? Lebensmittel vermieten, das geht natürlich nicht! Er wollte aber auch nicht verraten, was er damit vorhat. Ich überlege bis heute, was man eine Woche mit einem Stück Hefe machen kann. Ob das vielleicht ein Anmachspruch ist, den ich nicht kenne? "Ey, ich hab Hefe im Kühlschrank, willst du noch mit hochkommen!" Dann hätte er das Stück aber auch für 19 Cent kaufen können.

Neulich im Discounter

Christian Klein
NEULICH IM DISCOUNTER
Hilfe, ich bin im Einkaufswagen gefangen!
Meine absurdesten Erlebnisse mit Kunden


Mit Illustrationen von Jana Moskito 
240 Seiten | Taschenbuch
ISBN 978-3-86265-533-5
9,99 EUR (D) 
Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 
Berlin 2016

Wo ist für einen Verkäufer der gefährlichste Platz - der mit dem größten Mecker-Risiko? Am Backautomaten, bei der Aktionsware, an der Kasse?

Natürlich regen sich viele Kunden auf, wenn die Aktionsware aus der Werbung nach zehn Minuten schon ausverkauft ist. Aber an der Kasse ist es am schlimmsten. Weil: Da sitzt man und kann nicht weg. Im Laden kann man zur Not abhauen und sich irgendwo verstecken. Wenn ein Kunde einen da anschreit, kann man als Verkäufer sagen, "das lass ich mir nicht gefallen" und weggehen. Die Kasse aber darf man nicht verlassen, egal wie unfreundlich der Kunde wird. Da ist man den Leuten ausgeliefert.

Und je mehr man diskutieren muss, desto unruhiger wird der Rest der Schlange.

Genau. Erst motzt der nächste Kunde, dass es nicht schneller geht. Und dann machen sich auch schon die Kunden gegenseitig an, man solle doch woanders diskutieren. Und als Verkäufer sitzt man da und wünscht sich einfach nur auf eine schöne einsame Insel.

Hand aufs Herz. Wer nervt mehr - die Kunden oder der Chef?

Kommt auf den Chef an. Ich hatte da verschiedene: Der erste war noch der beste, der zweite war in Sachen Mitarbeiterbeleidigung ganz vorne, der dritte war nur vier Wochen da. Und dann hatte ich noch einen unfairen, der ständig die Mitarbeiter gegeneinander ausgespielt hat bei Krankschreibungen, Urlaubsplanung und solchen Dingen. Deswegen hab ich auch gekündigt, das hatte mit den Kunden gar nichts zu tun.

Sind die Arbeitsbedingungen im Discounter hart?

Ja, man steht schon sehr unter Druck. An der Kasse sollten wir 40 Artikel die Minute scannen. Das ist aber nicht immer möglich. Wenn mal ein Artikel kaputt ist oder man nach dem Preis gucken muss, dann schafft man das nicht.

Ihre Waffe gegen den Stress war der Humor. Auch wenn das die Sache manchmal eher komplizierter gemacht hat.

Ich bin ein sehr ironischer Mensch, das hat mir geholfen, nicht wahnsinnig zu werden. Aber wie soll man auch ernst bleiben, wenn man in kompletter Montur Ware ins Regal räumt, und da fragt mich einer, ob ich hier arbeite? Nee, ich tue nur so! Andererseits ist das natürlich recht bedenklich für mich. Denn wenn die Kunden sich schon nicht sicher sind, ob ich arbeite, was denkt denn dann der Chef?

Jetzt, wo Sie dem täglichen Discounter-Wahnsinn entflohen sind - vermissen Sie da nicht auch was?

Ich vermisse schon ein, zwei Kollegen, mit denen die Zusammenarbeit richtig Spaß gemacht hat. Und ich vermisse auch einige Kunden, die echt nett waren. Mit denen man zusammen lachen konnte und die das gut fanden, dass ich so eine große Klappe habe. Es gab sogar eine Kundin, die in einer Arztpraxis nebenan gearbeitet hat und jeden Morgen Frühstück vorbeigebracht hat.

Zum Schluss müssen Sie nur noch eines verraten: Wie sind Sie selbst als Kunde?

Da ich aus leidvoller Erfahrung weiß, welchen Stress die Mitarbeiter haben, bin ich rücksichtsvoll. Wenn der Laden voll ist und es gibt gerade keinen Nachschub an frischen Brötchen, dann nehme ich halt ein Brot und rege mich nicht groß auf.

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