Rund 4,5 Milliarden Euro sammeln deutsche Wohltätigkeitsorganisationen jährlich ein. Das meiste Geld kommt bei den Hilfsbedürftigen an. Ein Teil aber versickert in dunklen Kanälen, weil sich einige Spendensammler skrupellos bereichern - und der Staat fast immer wegschaut. Von Jens Brambusch

Veranstaltung der "Aktion Tier - Menschen für Tiere e.V": Unterlagen belegen fragwürdige Geldflüsse des Vereins© Jens Kalaene/DPA
Feinde hatte Stefan Loipfinger schon immer. Beschimpfungen und Drohungen nimmt er eigentlich gelassen hin. 15 Jahre lang hat er als Journalist offene und geschlossene Fonds analysiert, sein "Fondstelegramm" im Internet war in der Branche gefürchtet. Mit einem Buch über die Selbstbereicherungsstrategien von Fondsmanagern schloss er dieses Kapitel für sich schließlich aber ab, verkaufte seinen Webdienst an ein großes Analysehaus und widmet sich seit einem Jahr einem neuen Betätigungsfeld: Wohltätigkeitsorganisationen. Nun könnte er bald wieder ein Buch über Selbstbereicherungsstrategien schreiben.
An Skandalen mangelt es nicht. Erst gerade haben zwei Fälle bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. In dem einen war die gemeinnützige Hilfsorganisation Treberhilfe Berlin in die Kritik geraten, weil ihr langjähriger Geschäftsführer einen Maserati als Dienstwagen fuhr und ein Monatsgehalt von 35.000 Euro bezogen haben soll. Der andere Fall betrifft die Hatun und Can Frauennothilfe, der Alice Schwarzer die 500.000 Euro gespendet hatte, die sie bei Günther Jauchs "Wer wird Millionär" gewonnen hatte. Die Organisation kaufte davon einen BMW X6, und Schwarzer erstattete Anzeige wegen Betrugs und Untreue.
Loipfinger lehnt sich in seinem braunen Sessel zurück und winkt ab: "Harmlos", sagt er zu diesen Fällen. "Sie zeigen aber: Da ist null Unrechtsbewusstsein." Der 42-Jährige spricht mit oberbayerischem Zungenschlag, ein hochgewachsener, schlanker Mann, auf der Nase eine randlose Brille. Er residiert in Rosenheim im Dachzimmer einer kleinen Bürogemeinschaft mitten in der Fußgängerzone. Hinter seinem Schreibtisch erhebt sich eine hölzerne Schrankwand, darin stapeln sich Dutzende Ordner, allesamt voll mit belastendem Material zu den verschiedensten Organisationen. In harmloseren Beispielen geht es um Missbrauch, in schwerwiegenderen um Betrug. "Diese Fälle", sagt Loipfinger und zeigt hinter sich, "sind ein ganz anderes Kaliber."
Die Summen, um die es geht, sind gewaltig. Insgesamt beträgt das Spendenvolumen in der Bundesrepublik etwa 4,5 Milliarden Euro jährlich. Genaue Zahlen gibt es nicht, nicht einmal eine Veröffentlichungspflicht, trotz des Steuerprivilegs der Gemeinnützigkeit. Kaum ein Bereich ist so intransparent wie der der gemeinnützigen Vereine - sehr zum Leidwesen der sauber arbeitenden Organisationen, ohne deren Engagement notleidende Menschen und Tiere noch schlechter dastünden. Und der Staat schaut weitgehend macht- und tatenlos zu: Die Spendenpraxis in Deutschland lädt zu Missbrauch und Betrug geradezu ein. Eine Wohltätigkeitsorganisation kann jeder gründen - und je nach Skrupel Millionen einsammeln.
Beispiele dafür gibt es viele: Wie etwa das der Hilfsorganisationen Kinder in Not e.V. und die Deutsche Gesellschaft für Tiere und Natur: Deren frühere Vorsitzende hatte 5,3 Millionen Euro aus den Vereinen veruntreut - 90 Prozent der Spendengelder. Im Februar wurde die 72-Jährige in München zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und 57.600 Euro Strafe verurteilt. In Augsburg sitzt der Vorstandsvorsitzende des Bundes für Kinderhilfe seit Oktober 2009 in Untersuchungshaft.
Die Organisation vermittelt für 30 Euro im Monat Patenschaften für Kinder in einem thailändischen Waisenhaus. Doch Ermittlungen der Polizei ergaben: Das Waisenhaus existiert gar nicht. Dem Vorstand werden nun Betrug und Untreue vorgeworfen, wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigte. Zudem soll er in einer Zwangsversteigerung eine Immobilie günstig erworben und später deutlich überteuert weiterverkauft haben - an den Bund für Kinderhilfe. Der Gesamtschaden liegt laut Staatsanwaltschaft bei etwa 500.000 Euro.
Dass derartige Betrügereien möglich sind, liegt auch daran, dass es keine bundesweite Kontrollbehörde gibt. Das Sammlungsrecht, das das Sammeln von Spenden regelt, ist Ländersache. Es gilt jedoch nur in sieben Bundesländern - alle anderen haben es aus Gründen der Entbürokratisierung abgeschafft. Einzig in Trier existiert in der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion eine Abteilung, die Wohltätigkeitsorganisationen überwacht - mit nur zwei Mitarbeitern, deren Einsatzgebiet an den Landesgrenzen von Rheinland-Pfalz endet. Allein in den vergangenen Wochen haben sie fünf Organisationen verboten, Spenden in ihrem Land zu sammeln.
Und die Szene der Gutmenschen ist unübersichtlich. In Deutschland sind Tausende gemeinnützige Vereine registriert, nur 254 tragen das Deutsche Spendensiegel vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI). Vergeben wird es nur an Organisationen, die maximal 35 Prozent ihrer Einnahmen für Verwaltung und Werbung ausgeben, der Rest muss beim Satzungszweck landen. Zudem müssen die Vereine völlige Transparenz gewähren und ihre Bücher regelmäßig durch das DZI überprüfen lassen. Allerdings legt Christel Neff vom DZI Wert darauf, dass es viele "gute Organisationen" gebe, die nicht das Siegel trügen. Inzwischen hat das DZI Informationen über 1000 Vereine gesammelt, es spricht Empfehlungen für bedenkenlose Spenden aus und legt offen, wenn Organisationen nicht bereit sind, ihre Berichte vorzulegen.
Dieser Artikel wurde übernommen... ...aus der aktuellen Ausgabe der "Financial Times Deutschland"