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2. Februar 2009, 08:30 Uhr

Gott statt Kapitalismus

Lange Zeit glaubten die Banker, Makler und Versicherungsleute des Londoner Finanzdistrikts vor allem an den Kapitalismus. Seit der schweren Wirtschaftskrise setzen sie neuerdings wieder auf Beistand von oben - und gehen zur Kirche.

Wirtschaftskrise, London, Banker, Religion

Die St. Helen's-Kirche in London: Derzeit suchen hier viele Banker Beistand© Nadine Michel/DPA

Von der Straße aus wirkt es fast so, als würde die kleine Londoner Kirche von den Hochhäusern der umliegenden Banken und Versicherungen erdrückt. Jeden Dienstag kommen viele deren Mitarbeiter hier in die St. Helen's-Kirche, um in der Mittagspause an einem Gottesdienst mit anschließendem Essen teilzunehmen. Etwa 300 Geschäftsleute, darunter auch viele junge, wollen wöchentlich bei der Predigt von der Arbeit abschalten. Doch in den wirtschaftlich schweren Zeiten fällt das nicht leicht. Auch vor den Türen des Gotteshauses in der Londoner City macht das Thema Finanzkrise keinen Halt.

Woran sollen sie glauben?

"Angst ist derzeit das große Thema", sagt Pfarrer William Taylor. Zu seiner Gemeinde gehören viele Banker, Makler und Versicherungskaufleute. In letzter Zeit greift er das Thema Finanzkrise häufig in seinen Ansprachen auf. An diesem Dienstag bezieht er sich auf die Titelstorys britischer Zeitungen über den Rekordverlust der Royal Bank of Scotland. Der Pfarrer spürt, wie diese Negativschlagzeilen jeden beschäftigen. "Die Leute haben dem Kapitalismus über viele Jahre ihren Glauben geschenkt. Nun sind sie sehr verunsichert", sagt Taylor. Seit dem Beginn der Finanzkrise kommen seiner Meinung nach zwar nicht wesentlich mehr Besucher zum Gottesdienst, "doch viele stellen im Moment sehr ernste Fragen. Sie wollen wissen, woran sie glauben sollen."

Seit etwa 40 Jahren haben sich die Gottesdienste zur Lunch-Zeit um 13 Uhr in der protestantischen Kirche etabliert. Am Anfang kamen nur wenige, inzwischen kommen viele gemeinsam mit ihren Kollegen. Katharine Windham besucht den Mittagsgottesdienst seit drei Jahren. "In diesen Wochen wirken die Stuhlreihen ein bisschen voller als sonst", findet die 27-jährige Versicherungskauffrau. "Man spürt, dass die Leute ängstlich sind. Jeder spricht über die Finanzkrise, auch hier in der Kirche."

Das Suchen nach Zuversicht

Großer Gesprächsbedarf über die wirtschaftliche Misere besteht vor allem beim gemeinsamen Mittagessen nach dem Gottesdienst. Peter Mousley sitzt mit zwei Kollegen am hinteren Tisch zusammen. "Wir haben gerade über die Wirtschaft gesprochen. Ein Bekannter von uns hat vor wenigen Wochen seinen Job verloren", sagt der 45-Jährige. Sonst würde der Bekannte immer mit ihnen zusammen an diesem Tisch sitzen. Heute ist er nicht da. "In letzter Zeit kamen einige nicht mehr, die ihren Job verloren haben." Dennoch haben die drei den Eindruck, dass viele an ihrem Glauben an Gott und damit an eine bessere Zukunft trotz der schweren Zeiten festhielten.

James Wadham gehört zu denjenigen, die seit Beginn der Finanzkrise am Gottesdienst teilnehmen. "Ich bin nicht hier, weil ich verunsichert bin", sagt der 19-Jährige, der bei der Bank of England arbeitet. "Aber der Glaube an Gott gibt mir Zuversicht." Zuversicht, die viele andere derzeit wohl verloren haben.

Nadine Michel/DPA
 
 
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