Lasst Kinder Kinder sein!

Leben ist mehr als die Jagd nach Noten und die Vorbereitung auf eine mündliche Prüfung. Leider aber verstehen sich immer mehr Eltern als Trainer ihrer Kinder. Wahnsinn. Ein Plädoyer für mehr Freiheit. Von Uli Hauser

Kinder, Erziehung, Schule, Hirnforschung, lernen

Mit Begeisterung Großes in kleinen Dingen sehen - eine Fähigkeit, die Kinder auszeichnet und Erwachsenen oft abgeht.©

Es ist eine skurrile Situation. Mit der Geburt legen Kinder einen Start hin, der besser nicht sein könnte. Sie haben phänomenale Fähigkeiten, einen enormen Willen und ungeheuren Ehrgeiz. Sie sind aufmerksamer als Erwachsene, sind im Besitz von mehr Fantasie und können sich noch an sich selbst begeistern. Könnten Kinder Achtsamkeitstrainings anbieten, würden in Deutschland ganze Berufsgruppen arbeitslos. Kinder beobachten besser, leben intensiver und haben keine Hemmungen. Sie sagen, was sie denken. Fragen, was sie wollen. Handeln, wie sie fühlen. Je älter sie werden, desto mehr verlieren sie diese Fähigkeiten. Kinder lernen gern. Doch ausgerecht wir Erwachsene setzen oft viel daran, unseren Kindern eben das zu vermiesen.

Jede neue Entdeckung, jede neue Kenntnis und jede neue Fähigkeit, löst im Gehirn von Kindern einen für uns Erwachsene kaum noch nachvollziehbaren Sturm der Begeisterung aus. Diese Begeisterung über sich selbst und über all das, was es noch zu entdecken gibt, ist der wichtigste "Treibstoff" für ihre weitere Hirnentwicklung. Sicher gebundene Kinder erleben jeden Tag ganze Serien solcher Begeisterungsstürme. Sie sind hingerissen von neuen Erlebnissen und überwältigt von dem, was ihnen mit jedem Tag besser gelingt.

Sie wollen ihr Glück teilen und brauchen sofort eine Bestätigung, dass sie großartig sind. Wenn ihnen eine Entdeckung unter die Haut geht, werden im Gehirn die emotionalen Zentren im Mittelhirn aktiviert. Dann setzen diese Zellgruppen vermehrt sogenannte neuroplastische Botenstoffe frei: Sie wirken wie Dünger auf die aktivierten neuronalen Netzwerke. Diese bringen Nervenzellen dazu, all jene Eiweiße vermehrt herzustellen, die für das Auswachsen neuer Fortsätze und für die Neubildung und Stabilisierung von Nervenzellkontakten gebraucht werden. Deshalb lernt jedes Kind all das besonders gut, worüber es sich begeistert. Und Begeisterung entsteht nur, wenn etwas wichtig ist. Wirklich interessiert. Eine Bedeutung hat. So einfach ist das mit der Begeisterung am eigenen Entdecken.

Spielen fürs Leben

Diese entscheidenden Fähigkeiten erwerben Kinder nur durch eigene Erfahrungen, beim Lösen von Problemen und der Bewältigung von Herausforderungen. Nur dann werden im Gehirn komplexe Verbindungen geknüpft. Sie entstehen nicht auf ein Kommando, in der sogenannten Frühförderung oder später im Schulunterricht. Diese für Kinder so wichtige, hirngerechte und sinnvolle Arbeit findet statt, wo wir sie am wenigsten vermuten: im Spiel.

Dort, im spielerischen Umgang mit den Problemen, die wir Erwachsene unseren Kindern gewollt oder ungewollt bereiten, bereiten sich Kinder auf das Leben vor. Dort erwerben sie neue Fähigkeiten, dort machen sie ihre wichtigsten Erfahrungen: in eigenen, von uns nicht überwachten und kontrollierten Spielen. Im Spiel begegnen sie anderen Kindern, mit denen sie sich verbunden und denen sie sich zugehörig fühlen. Sie lernen, Konflikte zu lösen und gemeinsame Aufgaben zu erledigen. Aufgaben, die für einen allein viel zu groß wären.

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