Wer kennt das nicht: Anfangs ist die Lust auf den Partner riesig, doch bereits nach wenigen Jahren herrscht tote Hose. Ein Naturgesetz? Nein, sagen Paartherapeuten und weisen in zwei neuen Büchern Wege aus der verkehrsberuhigten Zone. Von Meike Winnemuth

© Stefan May
Kuschelsex. Beschwichtigungssex. Sonntags-nach-dem-Tatort-Sex. Wir-sollten-mal-wieder-Sex. TrostSex. Die-Kinder-sind-bei-Oma-Sex. Aber-dann-spätestens-im-Urlaub-Sex. Doch, es gibt ihn noch, den Sex in der Ehe oder in langjährigen Beziehungen - nur, so richtig doll ist er meistens nicht. Früher, daran meinen sich viele noch dunkel zu erinnern, war es mal so, dass die Erde bebte und die Engel weinten. Aber heute ...
Das Phänomen ist so alt wie die Liebe selbst: ein, zwei Jahre rauschhafte Leidenschaft zu Beginn einer Beziehung, danach geht es mit der Lust steil bergab. Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, weil bei Sexumfragen notorisch gelogen wird. Doch in einer Göttinger Studie von 2005 mit 51000 Teilnehmern zwischen 20 und 69 sagte bei 65 Prozent der Paare mindestens einer der Partner, mit seinem Sexualleben unzufrieden zu sein. 57 Prozent der Paare haben maximal einmal die Woche Sex, 17 Prozent gaben an, in den letzten vier Wochen überhaupt keinen Sex gehabt zu haben.
Die Erklärungen lauteten bislang immer: zu viel Stress, zu viel Alltag, zu viel Kindergeschrei, zu wenig Zeit. Oder: Die moderne Beziehung ist mit so vielen Erwartungen überfordert - der andere muss Partner, Kumpel, Vater/Mutter und Lover in Personalunion sein -, dass unter all dem Druck die Lust vergeht. Oder: Langjähriger Sex widerspricht dem biologischen Programm; Leidenschaft hält im Schnitt 18 bis 36 Monate, dann hat die Natur keinen Bock mehr. "Wir sind nicht auf der Welt, um glücklich zu sein", sagt die US-Anthropologin Helen Fisher so bündig wie herzlos, "wir sind auf der Welt, um uns fortzupflanzen." Na toll.
Lustlosigkeit ist jedenfalls, so scheint es, ein Naturgesetz wie die Schwerkraft - bestenfalls kurzfristig und nur mit Anstrengung aufzuheben. Wir können zwar Bälle in die Luft werfen und Raketen zum Mond schießen, aber am Ende fällt doch alles wieder runter. Und so arrangiert man sich ergeben: "Masturbation ist schwer im Kommen", fasst der Paartherapeut und Autor Michael Mary ("Fünf Lügen, die Liebe betreffend") die Pausengespräche des letzten Sexologen-Kongresses trocken zusammen - bei 45-Jährigen ist schon fast die Hälfte aller Sexualakte in festen Beziehungen handgemacht. Daran können auch vereinzelte Protestaktionen wie die jener 52-jährigen Ehefrau aus Aachen nichts ändern, die Anfang August die Polizei rief, weil ihr Mann seit Wochen nicht mehr seinen ehelichen Pflichten nachkommen wollte.
Mit neuen Büchern machen sich nun zwei Therapeuten an die harte Arbeit, die Erotik in der Ehe zu reanimieren (Esther Perel: "Wild Life - Die Rückkehr der Erotik in die Liebe", und Ulrich Clement: "Guter Sex trotz Liebe"). Sie räumen zuerst mal mit lieb gewonnenen Vorstellungen auf. Lustlosigkeit bedeute, dass es in der Beziehung nicht mehr stimmt? Im Gegenteil, sagt Esther Perel: "Vielleicht stimmt zu viel." Auch wenn langjährige Paare oft sagten, sie hätten sich auseinandergelebt, sei der Normalfall eher, dass sie zu sehr zusammenkleben - und das erstickt den Sex. Denn Leidenschaft sei nicht Ausdruck und Fortsetzung der Liebe, sondern ein eigenes System, das nach entgegengesetzten Regeln funktioniere. Stabile Partnerschaften beruhen auf Nähe, Verlässlichkeit, Berechenbarkeit, Gleichheit, Sorge füreinander. Lust dagegen beruht auf Unkontrollierbarkeit, Fremdheit, Geheimnis, Unsicherheit, Sorglosigkeit. "Wir lassen die Leidenschaft vergehen, um ein Gefühl der Sicherheit zu haben", sagt die New Yorker Paartherapeutin Esther Perel. Liebe will Nähe, Erotik will Abstand. Liebe strebt nach Verschmelzung - doch ohne Abstand keine Anziehung.
Um ein Paar im Bett wieder zusammenzubringen, so der neue Denkansatz, muss man es erst mal am Tisch trennen. Das widerspricht der herkömmlichen Therapeutenmeinung "Bessere Beziehung = besserer Sex". Ihr gemäß galt jahrzehntelang: Wenn man eine gute Partnerschaft hat, läuft es mit dem Sex von allein. Im Gegenteil, sagt die Aachener Sexualwissenschaftlerin Ulrike Brandenburg: "Das Schwierige am Sex ist die Beziehung." Esther Perel geht sogar noch weiter: Alles, womit wir unsere Beziehungen zu stabilisieren und zu schützen versuchen - Gleichberechtigung, absolute Offenheit, Verständnis -, kann sie gefährden. Aus Angst vor Verlust einigen wir uns auf kleinste gemeinsame Nenner - alles, wovon wir vermuten, dass es für den anderen erträglich ist - und schaffen damit Langeweile und Unzufriedenheit. Und die können die Beziehung kollabieren lassen, wenn die jeweiligen Bedürfnisse der Partner zu kurz kommen, sie sich ihren Ausweg in Affären suchen, oder wenn das Nachlassen der Lust als Abnehmen der Liebe missverstanden wird.
"Liebe und Verlangen verhalten sich zueinander wie die Kategorien Haben und Wollen", sagt Perel. Die Frage ist also: Wie kann man wieder wollen, was man längst schon hat? Indem man sich von ein paar Illusionen trennt, wie Beziehungen funktionieren.
Übernommen aus ...
Ausgabe 39/2006