Neandertaler-Klon auf Eis gelegt

23. Januar 2013, 11:54 Uhr

Ein US-Genforscher erklärt im "Spiegel" theoretische Möglichkeiten, einen Urzeitmenschen zu zeugen. Seither steht er unter Frankenstein-Verdacht. Die Geschichte eines Interviews und was daraus wurde. Von Thomas Schmoll

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Neandertaler, George Church, Der Spiegel, Wissenschaft, Paläontologie, Urzeit

Ihn gibt es seit ungefähr 30.000 Jahren nicht mehr. Aber wer weiß, was noch so alles passiert in den kommenden 30.000 Jahren.©

Wie jeder andere Professor an der Havard University hat George Church eigentlich genug zu tun. Der Gentechnik-Pionier hält Vorlesungen und forscht voller Leidenschaft am Erbgut mit dem Ziel, den Schlüssel für das Tor zu einem sehr langen Leben zu finden. Am Abend tritt der Molekularbiologe, der in den USA ein echter Wissenschafts-Promi ist, auch noch in Late Night Shows auf, wo er Fragen beantworten soll wie diese: "Können Sie Tote zum Leben erwecken? Steckten Sie hinter dem Auftritt von Mitt Romney letzte Nacht?"

Kürzlich lief bei Church ein ganz anderes Programm. Da klingelte sein Telefon ununterbrochen. "Journalisten aus aller Welt", so berichtet er, riefen an und wollten mit ihm sprechen, weil sie glaubten, er sei der "moderne Dr. Moreau", also der leibhaftige Nachkomme des bizarren Wissenschaftlers aus dem weltberühmten Fantasy-Werk "Die Insel des Dr. Moreau" aus der Feder von H.G. Wells. Die Romanfigur macht aus Tieren menschenähnliche Kreaturen. Sie steht im Zeitalter der Gentechnik - ein Jahrhundert nach der Erstausgabe des Buches - als Symbol für einen fanatischen Forscher, der auf alle ethischen Gebote pfeift.

Der Grund der unzähligen Anrufe bei Professor Church waren weltweite Schlagzeilen, die ungefähr so lauteten: "Gesucht: Abenteuerlustige Frau, die Neandertaler zur Welt bringt - Havard-Professor sucht Mutter für geklontes Höhlen-Baby". Oder einfach nur: "Havard-Professor will Urzeitmenschen nachzüchten". Dem Genforscher wurde unterstellt, er wolle sich alsbald daran machen, einem Neandertaler auf die Welt zu verhelfen, es fehle nur noch die Leihmutter, nach der er sich gerade umschaue. Überall wurde Church mit dem Satz zitiert: "Jetzt brauche ich einen abenteuerlustigen weiblichen Menschen..." Selbst die seröse britische Zeitung "The Independent" fragte in Anlehnung an Steven Spielbergs Dinosaurier-Film "Jurassic Park": "Palaeolothic Park?" Auf Deutsch: Kommt der "altsteinzeitliche Park"? Als Quelle wurde das "German magazine Der Spiegel" genannt.

In der Tat brachte der "Spiegel" in seiner Ausgabe vom 14. Januar ein vierseitiges, hochinteressantes Interview mit dem Amerikaner, das wenige Tage später auf der englischsprachigen Version von "Spiegel Online" erschien - und zwar in der von Church autorisierten Fassung, wie der Leiter der Redaktion Wissenschaft und Technik, Johann Grolle, auf Anfrage von stern.de berichtete. Darin schildert der Genforscher seine Vision von der Wiedergeburt des Urzeitmenschen. "Werden Sie es noch erleben, dass ein Neandertaler-Baby geboren wird?" Church: "Das hängt von verdammt vielem ab, aber ich denke trotzdem, die Antwort lautet: 'Ja'. Denn die Technik schreitet so rasant voran wie noch nie." Und er fügt hinzu: "Nur wenn sich ein gesellschaftlicher Konsens darüber herstellen lässt."

Zum Hinweis, dass die künstliche, ungeschlechtliche Vermehrung von Menschen in Deutschland verboten ist, verlautbart Church: "Gesetze können sich ändern. Außerdem ist das Klonen von Menschen nicht überall auf der Welt verboten." Der Genforscher führt weiter aus, was alles geschehen müsse, bis der Neandertaler wieder auferstehen könnte. So sei DNA aus fossilen Neandertaler-Knochen gewonnen worden, um das Erbgut des Urzeitmenschen weitgehend zu rekonstruieren. Nun müsse die Technologie gefunden werden, um menschliche Zellen im Labor denen des Neandertalers anzugleichen. Ein wenig Bastelarbeit bedarf es also noch auf dem Weg zum Neandertaler-Klon.

Dann fragen die "Spiegel"-Reporter: "Und als Leihmutter suchen Sie sich einen 'besonders abenteuerlustigen weiblichen Menschen', wie Sie in Ihrem Buch ("Regenesis" - die Red.) schreiben?" Der Professor gibt zurück: "Ganz genau - vorausgesetzt natürlich, dass das Klonen von Menschen von der Gesellschaft akzeptiert würde."

Aus dieser Antwort entstand das auf unzähligen Websites in aller Welt gebrachte Zitat: "Jetzt brauche ich einen abenteuerlustigen weiblichen Menschen... Das hängt von verdammt vielem ab, aber ich denke, dass es funktioniert." Oder in indirekter Rede hieß es, nun benötige Church lediglich noch eine geeignete Leihmutter, wobei ihm "ein abenteuerlustiger weiblicher Mensch" vorschwebe. Eine Aussage, dass er schon auf der Suche nach der Leihmutter sei, machte er nicht. "So hat er das nie gesagt", erklärt "Spiegel"-Wissenschaftschef Grolle, der ebenfalls überrascht ist, dass das auch von ihm geführte Interview mehr als eine Woche nach Erscheinen solche Wellen schlägt.

Der Professor unter Frankenstein-Verdacht verhält sich inzwischen wie ein Politiker, der gewagte oder provokante Aussagen gemacht hat und dann erschrocken ist, welche Wirkung sie haben. Dem "Boston Herald" sagte der Wissenschaftler, er habe in zwei Jahrzehnten vielleicht 500 Interviews zu seinen Forschungsarbeiten gegeben. Das sei das erste, das außer Kontrolle geraten sei. "Die wirkliche Geschichte daran ist, wie die Geschichte gefiltert und in die völlig andere Richtung drehte." Church versucht gar, dem "Spiegel" eine Mitschuld zu geben, was allerdings angesichts der Fakten wie ein Versuch wirkt, dem Magazin den Schwarzen Peter zuzuschieben. Er vermutet eine falsche Übertragung ins Deutsche "als Teil des Problems". Doch das schließt Grolle mit Verweis auf die Autorisierung durch Church definitiv aus: "Es gab keinen Übersetzungsfehler. Da trifft uns keine Schuld."

Church nennt die Interpretationen, er suche eine Leihmutter für ein Neandertaler-Baby, abwegig und unwahr. Seine ausführlichen Einlassungen im "Spiegel" zum Comeback des Urzeitmenschen will er als allgemeine Äußerungen zu dem Thema verstanden wissen. "Ich habe gesagt, da es eines Tages technisch möglich sein wird, müssen wir jetzt eine Debatte darüber beginnen." Er sei als Wissenschaftler überhaupt nicht in die Entschlüsselung der Neandertaler-DNA eingebunden. Seine Forschung diene dazu, die Gesundheitsvorsorge zu verbessern sowie synthetische Kraftstoffe und andere Produkte zu entwickeln - "aber nicht uralte menschliche Arten zu reproduzieren".

Doch da stellt sich die Frage, warum er sich im "Spiegel" so ausgiebig und scheinbar leidenschaftlich über die Reproduktion des Homo neanderthalensis , der vor rund 30.000 Jahren aus bis heute ungeklärter Ursache ausstarb, auslässt und regelrecht dafür Werbung macht. "Man müsste sicherlich viele von ihnen erschaffen, weil sie schließlich Gesellschaft brauchen." Nur so könne "eine Art Neo-Neandertal-Kultur entstehen, die auch politisch Bedeutung bekäme". Oder auch: "Monokulturen laufen stets Gefahr unterzugehen. Deshalb würde ich die Erschaffung des Neandertalers als eine Form von Risikomanagement betrachten." Und worin könnte der Nutzen liegen, die ausgestorbene Spezies wieder ins Leben zurückzuholen? Bei einer "schrecklichen Pandemie... oder wenn es darum geht, unseren Planeten zu verlassen, könnte ihre Form des Denkens sehr nützlich sein", glaubt Church. Denn: "Zumindest hatten sie ein größeres Gehirn, vielleicht sind sie sogar intelligenter als wir."

 
 
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