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29. März 2007, 13:00 Uhr

Mit Allah gegen Darwin

Darwin hatte Unrecht und Gott hat alle Lebewesen so erschaffen, wie sie heute existieren. Nicht nur christliche Fundamentalisten lehnen die Evolutionstheorie ab, auch im Islam gibt es Kreationisten - und für sie ist es von Darwin zu Hitler nicht weit. Von Jens Lubbadeh

Pompöse Aufmachung, tendenziöse Inhalte: der "Atlas of Creation"© Katharina Kritzler

Der "Atlas Of Creation - Volume 1". Ein Buch wie ein Donnerschlag: knallroter Umschlag, DIN-A3-Format, 768 (!) Seiten in Hochglanz-Farbe, geschätzte sieben Kilo schwer. Dieses Buch ist anders - das merkt man sofort. Erinnern Sie sich noch an die Wackelbilder aus Ihrer Kindheit? Bewegte man diese Bilder in der Hand, veränderte es sich. So entstanden herumhüpfende Micky Mäuse, fliegende Marienkäfer, rennende Fußballspieler. Auf dem "Atlas der Schöpfung" prangt gleich ein ganzer Wackelbilder-Zoo: Quer über den Umschlag galoppiert ein Pferd, springt ein Gepard, flattert ein Kolibri, hüpft ein Delfin. Doch beim Verändern des Winkels erstarren die fidelen Wackelbilder-Tiere auf einmal schlagartig zu Skeletten.

"Dunkle Liasion zwischen Darwinismus, Faschismus und Kommunismus"

Vorzüglich ließen sich unter diesem voluminösen Buch Pflanzen pressen, doch der "Atlas der Schöpfung" ist angetreten, um etwas ganz anderes platt zu machen: Die Evolutionstheorie Darwins. Dazu wäre solch ein umfangreiches Buch gar nicht nötig gewesen, denn auf den vielen Seiten wird eine schlichte Aussage breitgewalzt, die auch schon in den Wackelbildern steckt: Darwin hat Unrecht, Evolution gibt es nicht, alle heute lebenden Tierarten haben sich seit dem Zeitpunkt ihrer Entstehung nicht verändert.

Auf seiner Homepage hetzt der Autor gegen die Evolutionstheorie Darwins© www.harunyahya.de

Autor Harun Yahya kommt schnell zur Sache: "Den Betrug der Evolutionisten und ihre unwahren Behauptungen, sowie die dunkle Liasion zwischen Darwinismus und solch blutigen Ideologien wie Faschismus und Kommunismus enthüllen" - das ist es, was er will. Von Darwin zu Hitler zu Lenin - in Yahyas Vorstellungswelt offenbar drei Seiten ein- und desselben Wackelbildes.

Adnan Oktar alias Harun Yahya - im Auftrag des Herrn unterwegs

Um die Evolutionstheorie zu widerlegen, fährt Yahya erst einmal Masse auf: Unzählige Abbildungen von Tieren und Pflanzen werden neben Aufnahmen ihrer Millionen Jahre alten Fossilien gestellt. Gingko-Blätter - mal in grün, mal in Stein, Ameisen neben ihren in Bernstein konservierten Urahnen, Kakerlaken, Krebse, Steinfliegen, Schildkröten - allesamt evolutionär erfolgreiche Organismen, die ihr Erscheinungsbild bis heute nahezu unverändert erhalten haben. Hier müssen sie dafür herhalten, die religiös vorgefertigte Meinung des Autors zu belegen: Es hat nie eine Evolution gegeben, es konnte nie eine geben, es durfte nie eine geben. Denn alle lebenden Arten wurden - so wie sie sind - in einem Akt erschaffen. Und zwar von einem höheren Wesen: Gott. Oder besser gesagt: Allah.

Wer ist Harun Yahya? Sein richtiger Name ist Adnan Oktar. Gleich mit seinem Pseudonym beruft sich Oktar auf höhere Mächte, niemand Geringeren als die zwei Propheten Aaron (= Harun) und Johannes (= Yahya), die - wir erinnern uns an die Geschichte vom Goldenen Kalb - gegen den Unglauben zu Felde gezogen sind. Adnan Oktar ist Türke, in Istanbul geboren, studierter Künstler und Philosoph, und nach eigenen Angaben seit den 80er-Jahren Autor vieler "politischer, wissenschaftlicher und glaubensbezogener" Bücher.

Welche Monokultur die darstellen, zeigt schon ein kurzer Blick auf seine Homepage: "Kinder: Darwin hat die Unwahrheit gesagt!", "Der Niedergang der Evolutionstheorie: Die Realität der Schöpfung'", "Der Untergang des Materialismus'", "Das Unglück, das der Darwinismus über die Menschheit brachte", "Der größte Betrug in der Geschichte der Wissenschaft: Der Darwinismus". Immer wieder "Untergang", immer wieder "Betrug" und immer wieder die "Wahrheit".

Noch vor wenigen Jahren leugnete Oktar in seinen Schriften den Holocaust. Mittlerweile hat er seine Aussagen entschärft© www.harunyahya.de

Holocaust-Leugner mit "antiaufklärerischer" Gesinnung

Adnan Oktar ist kein Unbekannter. Er hat es sogar in den Verfassungsschutzbericht Baden-Württembergs 2003 geschafft, der ihm eine "antiaufklärerische" Gesinnung attestiert. Das allerdings ist noch das Geringste - Oktar hat sich in der Vergangenheit als Holocaust-Leugner hervorgetan, dessen Ziel die "Aufdeckung der vorgeblichen gemeinsamen Machenschaften des 'Zionismus' und der 'Freimaurerei'" sei, "die angeblich die Weltherrschaft anstrebten", wie es im Bericht heißt.

"Noch im Oktober 2000", so der Verfassungsschutzbericht, "hatte der Autor in seiner im Internet abrufbaren 'Holocaust-Lüge' den Holocaust als 'zionistische Lüge' bezeichnet." Die Holocaust-Leugnung hat er mittlerweile entschärft, eines seiner Bücher trägt den Titel "Die Grauen des Holocaust" und stellt den Holocaust als zu verurteilende Tatsache fest. Dennoch untersucht er darin weiter die angeblichen "geheimen Abmachungen zwischen den Nazis und den radikalen Zionisten".

Nun "zieht Yahya gegen die Darwinsche Evolutionstheorie, den Materialismus und den Atheismus zu Feld", heißt es weiter im Verfassungsschutzbericht. Dabei "geht es ihm nicht um eine Interpretation religiöser Quellen. Vielmehr kommt es ihm auf das buchstabengetreue Verständnis des Koran an."

Islam und Wissenschaft - im Zweifel hat der Koran immer recht

Thomas Eich, Islamwissenschaftler an der Universität Bochum, hat das Verhältnis zwischen Islam und Naturwissenschaften untersucht. Kreationistische Bewegungen im islamischen Raum hingegen sind offenbar noch relativ jung: "Erst seit den späten 1970er-Jahren ist der islamische Kreationismus auf dem Vormarsch. Er fällt damit in eine stark durch die iranische Revolution geprägte Zeit, die den Islam als 'dritten Weg' deklarierte - neben Kapitalismus und Kommunismus", sagt Eich. Naturwissenschaft wird im Zuge dieser islamischen Denkströmung generell als falscher Ansatz gesehen: "Alles Wissen ist schon im Koran angelegt und Wissenschaft muss sich daran messen. Ist der Koran mit der Wissenschaft nicht vereinbar, liegt automatisch die Wissenschaft falsch."

Doch der Koran als letzte Weisheit reicht offenbar nicht aus: "Der islamische Kreationismus ist sehr stark von außerislamischen Einflüssen geprägt", sagt Eich. Das bestätigt auch der baden-württembergische Verfassungsschutzbericht: Der Kreationismus Oktars "speist sich aus dem Gedankengut christlicher Kreationisten, insbesondere den Arbeiten des 'Institute for Creation Research' (ICR) in San Diego/Kalifornien, indem er diese auf muslimischen Zuschnitt umarbeitet. " Thomas Eich sieht den Grund darin, dass islamische Intellektuelle meist vernetzt sind und ihre Ausbildung im Westen genossen haben.

Kreationismus ist in der Türkei auf dem Vormarsch

Der Einfluss Oktars ist nicht zu unterschätzen: "In der Türkei hat sich die Kontroverse zwischen Verfechtern der Evolutionslehre und den Kreationisten bereits in Form scharfer Auseinandersetzungen um die Bildungspolitik ausgewirkt", warnt der Verfassungsschutzbericht. "Die von den Kreationisten vertretenen Positionen werden in den naturwissenschaftlichen Schulfächern, vor allem in Biologie, aber auch in Geschichte, weiter von sich reden machen." Dies wird nicht auf die Türkei beschränkt bleiben. Nach eigenen Angaben sind die Bücher Oktars in zahlreiche Sprachen, unter anderem auch auf Deutsch, übersetzt worden.

Im "Atlas der Schöpfung" nimmt Oktar für sich "das letzte Wort" in Anspruch. Das tut er, indem er sich auf den Propheten Mohammed beruft - der habe schließlich die höchste Weisheit und moralische Perfektion erlangt. Wer das letzte Wort hat, diskutiert bekanntlich nicht mehr. Um das zu bekräftigen, hat Oktar sogar das Siegel des Propheten mit auf den roten Buchumschlag gedruckt. Gleich links unter den Wackelbildern.

Zitate von Harun Yahyas Homepage Gott braucht kein Design für Seine Schöpfung Das Wort 'Design' muss natürlich richtig verstanden werden. Die Tatsache, dass Gottes Schöpfung ein makelloses Design aufweist, bedeutet nicht, dass Er einen Plan entwarf und diesen dann umsetzte. Gott, der Herr der Erde und der Himmel, braucht keine 'Designs', wenn Er etwas erschaffen will. Gott ist erhaben über solche Notwendigkeiten. Seine Planung und Seine Schöpfung geschehen in ein und demselben Augenblick. Wann immer Gott etwas entstehen lassen will, so genügt es, wenn Er sagt "Sei!".

Im Quran steht geschrieben:
Sein Befehl, wenn Er ein Ding will, ist nur, dass Er zu ihm spricht: "Sei!", und es ist. (Quran, 36: 82)
Er ist der Schöpfer der Himmel und der Erde, und wenn Er eine Sache beschließt, spricht Er nur "Sei" und sie ist. (Quran, 2: 117)


Harun Yahyas Homepage

Von Jens Lubbadeh
 
 
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