Zu viel des Guten

25. Juni 2005, 08:00 Uhr

Seit Paare die Hälfte der Kosten für eine künstliche Befruchtung selbst tragen müssen, lassen sich immer mehr Frauen drei Embryonen auf einmal einpflanzen. Mediziner sehen das mit Sorge.

Inzwischen kommen hierzulande 80 Prozent der Drillinge nach künstlicher Befruchtung zur Welt©

Es gab Tage, da trauten sie sich kaum vor die Tür. Dann war es egal, wohin ihr Blick fiel: überall Babys, Buggys, Kinderlachen. Und wenn sie einer jungen Familie begegneten, sagte Arne: "Sieh mal, der Mann kann Kinder machen. Vielleicht solltest du's mal mit dem versuchen."

Da hatten Arne und Melanie Hoyer* bereits den zweiten Versuch hinter sich. Beide Male waren Melanies Eizellen im Labor mit Arnes Samen befruchtet und zwei von ihnen in ihre Gebärmutter eingesetzt worden. 2000 Euro kostete eine Prozedur. Auf natürlichem Weg hatten die Spermien den Weg zur Eizelle nicht gefunden. Sie waren zu wenige, zu unbeweglich. Zweimal hatte das Paar bis zum Schwangerschaftstest 14 Tage lang gehofft und gebangt. Und zweimal war der vernichtende Bescheid gekommen: negativ. "Ich weiß nicht, ob ich ein drittes Scheitern überstanden hätte", sagt Melanie heute. "Finanziell wären wir auf jeden Fall am Ende gewesen." Beim dritten Mal musste es klappen.

So beschlossen die Hoyers, ein Risiko einzugehen. Gleich drei künstlich gezeugte Embryonen ließ sich die 30-Jährige dieses Mal einsetzen - in der Hoffnung, dass sich wenigstens einer einnisten würde. "Dass dadurch sogar Drillinge möglich sind, wussten wir", sagt Melanie. "Aber wir wollten uns später nicht vorwerfen, wir hätten nicht alles versucht."

Seit im vergangenen Jahr die Gesundheitsreform in Kraft trat, tragen bei einer künstlichen Befruchtung die Paare mindestens die Hälfte der Kosten selbst. Bei der In-Vitro-Fertilisation (IVF), der Labor-Zeugung, auf die auch die Hoyers angewiesen waren, kommen so leicht mehrere Tausend Euro zusammen. Immer mehr IVF-Paare wollen die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin daher voll ausschöpfen - und entscheiden sich, gleich drei Eizellen einpflanzen zu lassen. "Wir erwarten dadurch einen deutlichen Anstieg der Mehrlingsrate", sagt Michael Thaele, Vorsitzender des Bundesverbandes Reproduktionsmedizinischer Zentren (BRZ).

Melanie und Arne Hoyer* erwarten nach der Zeugung im Labor nun Zwillinge©

Melanie Hoyer* ist inzwischen schwanger. Und für die 21. Woche ist ihr Bauch ungewöhnlich rund. Beim dritten Versuch haben sich zwei der drei Zellklumpen eingenistet. Sie erwartet Zwillinge. "Endlich ein Erfolg", sagt sie.

Reproduktionsmediziner sehen das anders. Mehrlingsschwangerschaften sind riskanter als übliche Schwangerschaften. Und ihre Häufigkeit hat, seit vor knapp 27 Jahren Louise Joy Brown als erstes "Retortenbaby" zur Welt kam, enorm zugenommen. Der Grund: Die Wahrscheinlichkeit, Zwillinge zu bekommen, ist nach einer künstlichen Befruchtung rund 20-mal höher als bei natürlicher Zeugung - etwa die Hälfte aller in Deutschland geborenen Zwillinge sind mittlerweile künstlich gezeugt. Bei den Drillingen sind es sogar 80 Prozent. Insgesamt führt etwa jede vierte Labor-Zeugung zu einer Mehrlingsschwangerschaft.

Die Ärzte stehen damit vor einem Dilemma: Sie erfüllen den Patienten ihren sehnlichsten Wunsch - und setzen Mutter und Nachwuchs zugleich erhöhten gesundheitlichen Risiken aus. Denn die Gefahr, eines der Kinder vor der Geburt zu verlieren, liegt bei Zwillingen bei fast sechs Prozent, rund viermal höher als bei Einlingen. Bei Drillingen gibt es sogar in beinahe jedem zehnten Fall eine Totgeburt. Ein Schicksalsschlag, von dem sich Frauen nur schwer erholen - oder nie. Mehrlings-Schwangere laufen außerdem verstärkt Gefahr, an Depressionen, Bluthochdruck oder Diabetes zu erkranken.

Doch auch eine unproblematische Mehrlingsschwangerschaft endet meist abrupt. Weil es den Kindern im Bauch vorzeitig zu eng wird: Drillinge kommen in neun von zehn Fällen als Frühchen zur Welt, im Schnitt sieben bis acht Wochen vor Termin, mit einem Geburtsgewicht von rund 1700 Gramm. Für alle, deren Gewicht die kritische Grenze von 1500 Gramm unterschreitet, beginnt das Leben dann in Brutkästen, zwischen Schläuchen, Kabeln, Sonden. Für ihre Entwicklung kann das fatale Folgen haben, wie verschiedene Langzeitstudien belegen. Exakte Risikozahlen für Deutschland sind nicht erfasst - Angaben aus Hessen zufolge waren zwischen 1999 und 2002 aber 38 Prozent der Frühchen, die vor der 26. Woche geboren wurden, Mehrlinge. Der Anteil von Mehrlingsgeburten insgesamt liegt unter zwei Prozent.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 26/2005

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