SCHEIBE Nachts verwandele ich mich in einen... Online-Shopper


Ich geb's zu: Ich bin süchtig. Süchtig nach dem Online-Shopping. Endlich muss ich nicht mehr vor leeren Regalen stehen, mich über übellaunige Verkäufer aufregen und nachdenken, wie ich die sperrige Ware wohl am besten nach Hause bekomme.

Ich geb's zu: Ich bin süchtig. Süchtig nach dem Online-Shopping. Endlich muss ich nicht mehr vor leeren Regalen stehen, mich über übellaunige Verkäufer aufregen und nachdenken, wie ich die sperrige Ware wohl am besten nach Hause bekomme.

Begegnung mit der Schickimicki-Else...

Letztens kam meine Frau wieder vom Einkaufen nach Hause und hatte diese kleinen schwarzen Gewitterwolken über dem Kopf zu schweben - wie bei den Schäfchen im Werbespiel »Sven Bomwollen«. Während ich ihr half, die Kinder im Auto loszuschnallen und die schweren Einkaufstüten ins Haus zu schaffen, musste ich mir die übliche Tirade anhören: »So eine Schickimicki-Else hat mich bereits bei den Einkaufswagen abgedrängelt, um den letzten Wagen zu erwischen. Drinnen im Laden liefen alle mit so einer Flappe herum, dass man denken könnte, sie hätten gemeinschaftlich einen Schlechte-Laune-Tee geschlürft. Die Frau an der Kasse hat dann Linus und Alisa angeherrscht und die Tetrapacks mit der Milch so auf die Süßigkeiten geknallt, dass alle Kekse zerbröselt sind.«

Rentner verteidigen die Gemüsewaage

Oh ja, ich kenne das. Eine Zeitlang hat es mich erwischt, und ich musste immer mit Linus einkaufen gehen, wenn Tina mit Alisa bei der Krabbelgruppe war. Bereits beim Gemüse zog Linus den Kopf in Erwartung des Übels ein, weil die immer nur zu den Stoßzeiten einkaufenden Rentner ihre Wagen mitten im Weg stehen ließen und jeden Jüngeren grimmig anblickten, der todesmutig in diese Arena einschwenkte. Drei oder vier von ihnen schirmten auch noch mit Blitzen in den Augen die Gemüsewaage ab. Und wenn man sich dann zu den Kartoffeln herunterbeugte, um die besten in eine nicht eben reißfeste Tüte zu sortieren, kam von hinten auch schon der fiese Bums mit einem Einkaufswagen, der mit mindestens zehn Tonnen Kohlköpfen beladen war. Dazu ein hämisches »Tschuldigung« von greisen Lippen.

Auf der Flucht vor der Schlechte-Laune-Fraktion kam ich immer vom Regen in die Traufe: Die Wursttheke ist stets mein Quell der Furcht: Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren. Fünf tadellos ausgebildete Herrinnen des Schreckens forderten mich stets mit stechendem Blick dazu auf, im Rap-Stakkato und bitte mit Tempo alle Wurstsorten aufzuzählen, die ich gerne haben wollte. Ich kann leider gerade einmal Bierschinken von Salami unterscheiden. Meine Äußerungen der Marke »Fünf Scheiben der rosa Wurst mit den grünen Punkten drinnen« sorgten für hohntriefendes Schnauben hinter der Theke und für einen drastischen Selbstvertrauenabfall auf meiner Seite. War ich wirklich sooo unwürdig?

Spätestens an der Kasse brach mir dann bereits der kalte Schweiß aus. Dieser Wettstreit mit der Kassiererin: Wer ist schneller? Kann sie die Waren schneller durch den Scanner ziehen, als ich sie in den Wagen werfen kann? Und werden sie einfach über die Kante des Förderbandes kippen, wenn ich einmal nicht schnell genug bin? Und dann diese Angst: Kein Bargeld dabei! Wird meine EC-Karte im Lesegerät stecken bleiben? Muss ich wirklich keine Geheimzahl eingeben?

Nachts shoppen, ohne sich einen Bruch zu heben

Mal ehrlich: Im Internet ist es doch viel schöner, einkaufen zu gehen. Das mit dem Wocheneinkauf klappt zwar noch nicht so richtig, obwohl ich nur um eine Postleitzahl am Test-Online-Einkaufsgebiet von Kaisers und Reichelt vorbeigeschrubbt bin. Aber Musik-CDs, Video-DVDs, Hardware-Zubehör, das neue Notebook, die DVD-Anlage fürs Wohnzimmer - alles bestelle ich im Internet, bevorzugt nachts. Ich muss mich nicht erst ins Auto schwingen, um aus dem Brandenburger Umland in die Berliner City zu brausen - und dabei im Stau oder in einer Mausefalle der Polizei zu landen. Ich muss keine schweren Pakete durch mehrere Stockwerke zum Parkhaus wuchten, weil ich zu faul bin, hinterher den Einkaufswagen wieder zurückzubringen. Und ich muss mich nicht länger mit der absoluten Impertinenz vieler PC-Shops auseinandersetzen, die anstelle meiner Kreditkarte nur noch Bargeld nehmen, weil zu viele PC-Dödels anscheinend zu viele Schecks haben platzen lassen.

Im Internet bin ich der König an der Kasse. Ein paar Mausklicke im Preisvergleichsagenten reichen aus und ich weiß, in welchem Online-Shop ich das meiste Geld sparen kann. Überall habe ich mich schon angemeldet und werde deswegen bereits beim Betreten des Shops wie ein treuer und herzlich willkommener Stammkunde erkannt. Dann weiß der Shop auch schon meine Adresse und die Bankverbindung. Habe ich die neue Harry-Potter-DVD, die »Pink«-CD oder das Mini-Boxen-System für den Urlaub bestellt, von der neuen Notebook-Tasche ganz zu schweigen, dann bin ich bereits im Preisvorteil. Gelder für Porto und Verpackung zahle ich nämlich auch nicht, weil ich stets darauf achte, immer so viel zu bestellen, dass diese Gebühren flachfallen. Freundlich werde ich per Mail darauf hingewiesen, das meine Bestellung aufgenommen wurde und zur Zeit in Bearbeitung ist. Geht meine Order in die Post, wird noch eine Mail versandt, damit ich mich auf das Klingeln des Paketboten einstellen kann. So richtig geschmeichelt fühle ich mich, wenn meiner Bestellung dann auch noch ein Tütchen Gummibärchen beiliegt. Das ist doch mal etwas ganz anderes als die rotzfreche Verkäuferin an der Käsetheke, die mich vor allen Kunden lautstark zur Schnecke macht, nur weil ich dünner geschnittenen Gouda haben möchte: Für die Kinder sind die Drei-Millimeter-Scheiben nämlich immer zu dick, die essen das nicht. Und das ist auch etwas anderes als der Verkäufer in der PC-Ecke, der mir mit Grimm im Blick erklärt, dass er von Tuten und Blasen eigentlich keine Ahnung hat und ich gefälligst einen der drei ausgestellten Rechner kaufen soll, was andere wäre eh nicht da.

Serviceträume

Also kaufe ich fortan weiterhin im Internet ein, um mir die übellaunigen Visagen zu ersparen, die in viel zu vielen Läden auf mich warten. Meine Meinung würde ich nur ändern, wenn ich dafür in Amerika einkaufen gehen dürfte. Das glockenhell hervorgelachte »May I help you?« und das am Ende der Einkaufsorgie freundlich gesummte »You're welcome« sind mein Manna, das mich immer wieder in amerikanische Shopping Malls lockt. Himmel, wir haben ja noch nicht einmal die geniale Sitte angenommen, dass am Ende des Förderbandes jemand wartet, der einem für ein kleines Trinkgeld den Einkauf in Tüten packt und zum Wagen bringt.

Carsten Scheibe


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