Saab Gripen versus F-35
Für Kanada geht es um mehr als nur die Wahl eines Kampfflugzeugs

Acht Saab Gripen E in Startaufstellung auf einer Startbahn
Saab Gripen E in Startaufstellung. Der Jet kann notfalls auch von Landstraßen abheben
© Saab
Kanada hat den Kauf der F-35 auf Eis gelegt und liebäugelt mit der Saab Gripen. Für die USA wäre das weit mehr als nur ein geplatzter Deal – es beträfe direkt die US-Luftverteidigung.

Mit der Nato stiegen die USA zum Waffenladen ihrer Verbündeten auf, insbesondere wenn es um die Luftwaffen der Partnerstaaten ging. Die Nato flog von Beginn an US-Produkte – von der F-104 Starfighter, der F-4 Phantom bis hin zur F-15 Eagle und F-16. Auch geschossen wurde und wird vorrangig mit US-Raketen wie der berühmten AIM-9 Sidewinder sowie der AMRAAM gegen Flugzeuge oder der AGM-88 HARM gegen Radarziele am Boden.

Und bisher sah es so aus, als setze sich diese Kontinuität auch beim modernsten Jet fort: der Lockheed Martin F-35. Der Blick auf die Bestellerliste zeigt, dass der Tarnkappenjet der fünften Generation zum neuen Standardflugzeug in fast allen westlichen Luftwaffen werden sollte. Rund 1000 F-35 wurden von 19 Staaten geordert und zum Teil bereits ausgeliefert. Durch das Gebaren der US-Regierung gerät das Geschäft nun jedoch ins Stocken.

Ursprünglich wollte Kanada 88 F-35 zum Preis von 19 Milliarden US-Dollar kaufen und damit seine in die Jahre gekommene F-18 Hornet ersetzen. Von der Großbestellung sind 16 F-35 bereits bezahlt worden und werden Ende des Jahres bei der kanadischen Air Force in Dienst gestellt. Den Kauf der verbleibenden Maschinen hat die kanadische Regierung inzwischen aber wegen der anhaltenden Drohungen der USA und ihrer Zollpolitik auf Eis gelegt, man will die Beschaffung erneut prüfen. 

Politische Beobachter in Kanada sehen darin eine Verzögerungstaktik, mit der womöglich das Ergebnis der Midterms in den USA im November abgewartet werden soll. Bei den Midterms werden 36 Gouverneure sowie das Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats gewählt. 

Die Furcht vor Trumps Willkür vertreibt die F-35-Kundschaft

Es ist nicht der erste Rückzieher eines Nato-Landes bei der F-35, aber es wäre der mit den größten politischen Auswirkungen. Portugal hatte seine Bestellung nach Trump-Äußerungen bereits storniert, Spanien folgte Mitte vergangenen Jahres. Indien verlor das Interesse an der F-35, als Trump das Land mit 50-Prozent-Zöllen belegte. Auch in der Schweiz wird derzeit über eine Stornierung diskutiert. Die Niederlande überlegen laut, die Software ihrer F-35 zu überbrücken und so von den USA unabhängiger zu werden. Israel, ebenfalls F-35-Käufer, hat sich diese digitale Unabhängigkeit in den Kaufvertrag schreiben lassen.

Die Furcht vor Erpressung mit dem „Kill Switch“ geht seit der zweiten Trump-Amtszeit unter den F-35-Kunden um. Es ist die beunruhigende Vorstellung, ein Flugzeug zu besitzen, das womöglich nach Gutdünken des Herstellerlandes einsatzfähig ist – oder eben nicht. Dabei braucht es keinen ferngesteuerten „Ausschalter“, sagen Experten. Die USA müssten für den hochkomplexen Flieger nur die Ersatzteilversorgung, die Wartung bestimmter Bauteile oder die Software-Updates einstellen – und die F-35 blieben mittelfristig am Boden, oder verlören über die Zeit ihre digitalen Fähigkeiten.

Rasmus Jarlov, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im dänischen Parlament, hatte sich einst für die F-35 starkgemacht. Bereits im März 2025 bereute er den Kauf der 27 Maschinen allerdings. Auf der Plattform X legte er vor ein paar Tagen, an die Kanadier gerichtet, nach – als Trump das Nachbarland wegen Streitigkeiten um einen US-Geschäftsreisejet mit 50-Prozent-Zöllen belegte. „Genau deshalb sollten Länder keine F-35 kaufen. Es tut mir leid, dass wir es getan haben. Trennen Sie sich von so vielen amerikanischen Unternehmen wie möglich, die dieser Mann zur Erpressung Ihres Landes missbrauchen kann“, so Jarlov.

F-35
Die Lockheed Martin F-35 ist das Rückgrat der US Air Force und mit über 1000 Bestellungen der Exportschlager der US-Industrie. In Deutschland wird die F-35 den Tornado ablösen
© Picture Alliance

Platzt das F-35-Geschäft, beträfe es direkt die US-Luftverteidigung

Der US-Botschafter in Kanada, Pete Hoekstra, warnte Ottawa vor Konsequenzen, falls das Land sich für eine Alternative zur F-35 entscheide. Er bezog sich auf das North American Aerospace Defense Command (Norad), die gemeinsame Luftverteidigung der USA und Kanadas. Norad erlaubt den Einsatz von Abfangjägern, die dem erfassten Ziel am nächsten sind – unabhängig von der Nationalität. So konnten mehrfach US-Jäger in den kanadischen Luftraum einfliegen, um potenziell gefährliche Flugzeuge zu identifizieren und abzufangen. Mit Norad verschieben die USA die Verteidigung ihres Luftraums nach Kanada. Wenn überhaupt, so die Planspiele, würden russische oder chinesische Flugzeuge, Marschflugkörper oder Hyperschallraketen nämlich aus dem Norden anfliegen.

Würde Kanada ein deutlich weniger fähiges Waffensystem als die F-35 wählen, entstünde eine Fähigkeitslücke in der US-Luftraumverteidigung, so Hoekstra. Das gesamte Norad müsse dann überdacht werden. Der US-Botschafter spielt dabei konkret auf die Saab JAS 39 Gripen E an – Schweden bot sein Kampfflugzeug den Kanadiern als F-35-Alternative an. Der leistungsstarke einsitzige Jet spielt zwar nicht in einer Liga mit der F-35, bietet jedoch einige Vorteile.

So legte Schweden bei der Entwicklung großen Wert auf die Einsatzfähigkeit auch in härtesten Wintern, wie sie in Kanada üblich sind. Der Gripen kann von Behelfspisten aus operieren und selbst auf unbefestigten Straßen starten und landen. Die Wartung ist deutlich einfacher als bei der F-35, was die Kosten pro Flugstunde auf rund 7000 US-Dollar drücken soll – gegenüber 40.000 US-Dollar bei der F-35.

Die F-35 ist das Rennpferd, der Gripen das Schlachtross

Die F-35 ist ein sensibles Rennpferd, das viel spezielle Pflege am Boden für den nächsten Einsatz benötigt. Der Gripen ist dagegen das robuste Arbeitspferd, das auch bei minus 45 Grad schnell anspringt, sich buchstäblich am Straßenrand aufmunitionieren, betanken und warten lässt, um direkt wieder losgeschickt zu werden. Ein Kurvenkämpfer ist die F-35 nicht. Der Gripen schon eher – er fliegt schneller und höher, steigt besser und ist agiler als sein US-Gegenspieler.

Wie die F-35 setzt auch der Gripen E auf ein Glascockpit; in späteren Versionen ist – wie in der F-35 – nur noch ein großer Monitor vorgesehen. Auch bei den für den Gripen zertifizierten Waffen könnte sich Kanada von den USA unabhängiger machen. Die Langstrecken-Abfangrakete Meteor sowie die Kurzstrecken-Luft-Luft-Rakete Iris-T sind ihren US-Pendants ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen – und sie kommen vollständig aus Europa.

Eine mit Raketen bewaffnete Saab Grippen über dem Meer
Nicht nur der Gripen kommt aus Europa, auch seine Bewaffnung als Abfangjäger. Die großen Raketen an den Pylonen sind Meteor Air-to-Air-Raketen mit einer Reichweite von bis zu 200 Kilometern. An den Flügelspitzen hängen Iris-T Kurzstreckenraketen für den Luftkampf unter 20 Kilometer Entfernung
© Saab

Zudem bietet Saab den Kanadiern den Lizenzbau des Jets an, also Wertschöpfung im eigenen Land, mit rund 12.000 Arbeitsplätzen. Obendrauf kommt noch Saab GlobalEye als perfekt auf den Gripen abgestimmte fliegende Datenzentrale. Die Frühwarn- und Luftkontrollflugzeuge basieren auf der Bombardier Global 6000 – einem Geschäftsreiseflugzeug aus Kanada. Auch Wartung und Bau der GlobalEye könnten in Kanada stattfinden, so Saab.

Angesichts dieses Pakets wundert es wenig, dass sich Umfragen zufolge die Mehrheit der kanadischen Bevölkerung für den Gripen ausspricht. Die Abneigung gegen Trump sitzt tief; er hatte im vergangenen Jahr laut darüber nachgedacht, Kanada zu einem US-Bundesstaat zu machen.

Ein Überwachungsflugzeug von Saab und der Saab Gripen im Flug
Die Saab Global Eye ist ein Flugzeug zur Luftraumüberwachung und ist auf die Zusammenarbeit mit dem Saab Gripen spezialisiert, beide bilden ein sogenanntes Ökosystem in der Luftverteidigung. Schweden bietet Kanada beide Flugzeuge an
© Saab

Allerdings sprechen auch valide Argumente gegen das schwedische Flugzeug. Der Gripen ist kein Stealth-Flugzeug wie die F-35. Die Stärke des US-Jets ist seine geringe Sichtbarkeit bei gleichzeitiger Fähigkeit, gegnerische Flugzeuge früh zu identifizieren und aus einer Entfernung von über 130 Kilometern zu bekämpfen. Luftkämpfe der Zukunft werden „Beyond Visual Range“ (BVR) stattfinden. Wer in diesem Szenario als Erster schießt, ohne selbst entdeckt zu werden, hat deutlich bessere Überlebenschancen. Das gilt gleichermaßen für Bedrohungen vom Boden.

Nicht ihre Flugleistungen, sondern ihr Radar macht die F-35 einzigartig

Zweiter Pluspunkt der F-35: Sie ist dank ihres besonderen Radars eine Klasse für sich. Das kommt ohne bewegliche Teile aus, scannt Luft und Boden schneller sowie aus größerer Entfernung und mit weniger Abstrahlung als jedes andere Radar, kombiniert diese Informationen mit einer Vielzahl weiterer Sensoren am Flugzeug und fügt alle Daten nahezu in Echtzeit zu einem Lagebild zusammen. Sämtliche Informationen können mit anderen Flugzeugen sowie Bodeneinheiten geteilt werden und fließen in eine Cloud, sodass für die Piloten wie auch für die Gefechtsführung am Boden ein umfassendes Lagebild entsteht. 

Bereits in der Flugvorbereitung können Geheimdienstinformationen wie identifizierte Abwehrstellungen hochgeladen werden, damit die sicherste Route zum Ziel errechnet werden kann. Hinsichtlich der Vernetzung gibt es derzeit kein vergleichbares System. Die F-35 ist Stealth-Kampfflugzeug und Awacs in einem.

Finnland, Norwegen und Dänemark ließen vor der Kaufentscheidung umfangreiche Tests durchführen, bei denen die F-35 gegen den Gripen, die französische Rafale und den Eurofighter antrat. Der US-Jet stach alle Konkurrenten in den Disziplinen Stealth, Radar und Vernetzung klar aus.

Der ehemalige Kommandeur der Royal Canadian Air Force, Yvan Blondin, sieht einen gemeinsamen Betrieb von F-35 und Gripen sehr kritisch. Eine gemischte Flotte von Flugzeugen für die gleiche Aufgabe reduziere die Fähigkeiten insgesamt, vor allem in der Luftverteidigung, die man gemeinsam mit den Amerikanern durchführe, sagte Blondin in einem Interview mit dem kanadischen TV-Sender CPAC. Der Gripen könne eine gute Entscheidung sein, aber eben nur für einen separaten Aufgabenbereich, nicht für den der F-35. Dieser Bereich könnten zum Beispiel Einsätze Kanadas außerhalb des Landes sein, wo es auf eine möglichst nahtlose Vernetzung mit europäischen Nato-Partnern ankäme, so Blondin.

Itar: Die größte Schwachstelle ist das Herz des Gripen

Doch selbst wenn sich die Kanadier für den Gripen entscheiden, könnten die USA dem Handel völlig legal einen Riegel vorschieben – durch Itar. Mit den „International Traffic in Arms Regulations“ schützen die USA ihre Sicherheitsinteressen durch die Kontrolle der Weitergabe amerikanischer Rüstungsgüter. Das Triebwerk des Gripen fällt darunter: Das F414G kommt vom US-Hersteller General Electric. Meldungen, nach denen Rolls-Royce ein weiterentwickeltes Triebwerk des Eurofighters für den Gripen anbieten könnte, sind bislang unbestätigte Gerüchte.

Die USA hatten Schweden schon einmal den Verkauf ihres Flugzeugs untersagt. Damals ging es um Südafrika. Auf die gleiche Weise könnte die US-Regierung es wohl jedem Land schwer machen, das statt der F-35 auf den Gripen umsteigen möchte.

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